Zu niedrig für Kontrolleure: Unfall-Sprungturm brauchte keine Genehmigung

... und abwärts: Ein Springer, daneben Zuschauer auf der Neun-Meter-Plattform des Hoherodskopf-Sprungturms im Vogelsberg. Archivfoto: dpa

Schotten. Der nach dem Absturz auf dem Hoherodskopf schwer verletzte Zwölfjährige ist weiter in kritischem Zustand.

„Spring in dein Abenteuer, nichts für schwache Nerven! Für Kinder kosten die zwei ersten Sprünge 4,90 Euro, danach 1,50 Euro.“ Vollmundig wurde die Sprungturm-Attraktion auf dem Hoherodskopf im Vogelsberg angepriesen - bis vergangenen Montag eine Zwölfjährige aus dem Kreis Fulda im freien Fall aus neun Metern Höhe das drei Meter dicke Luftkissen unten nicht traf. Das Kind wurde lebensgefährlich verletzt, mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma und Brüchen in die Gießener Uniklinik geflogen. Sein Zustand laut Polizei gestern: weiter kritisch.

Auf der Homepage des Betreibers liefen spektakuläre Videos von Turmspringern noch bis Freitag - so als hätte es den Albtraum aller Eltern nicht gegeben. Tatsächlich wurde der Turm nach dem Unfall gesperrt - gestern wäre nach fünf Wochen so oder so Schluss gewesen.

Für Laien erstaunlich: Eine Baugenehmigung oder Abnahme gab es auf dem Hoherodskopf nicht. Und das zu Recht - sie wären nach der hessischen Bauordnung für Schanzen und Sprungtürme in Gärten und zur Freizeitgestaltung erst ab zehn Metern Höhe nötig. Das Gerüst nahe Schotten war mit neun Metern zu kurz für Kontrolleure. Nach Presseberichten vom Start des freien Falls für jedermann Anfang August musste jeder Springer immerhin aus versicherungsrechtlichen Gründen ein Formular unterschreiben. Eine Stellungnahme vom Betreiber war nicht zu bekommen

Nach bisherigen Erkenntnissen und Zeugenbefragungen gebe es keine Hinweise darauf, dass der Betreiber gegen Sicherheitsvorkehrungen verstoßen habe, hieß es von der Polizei: „Wir gehen von einem Unfall aus.“ Das Mädchen hatte Anleitung und wagte Testsprünge aus sechs Metern. Auf der Neun-Meter-Plattform könnte das Kind nicht forsch genug losgelaufen sein, vielleicht aus Angst, es soll kurz vor dem Sprung das Geländer berührt haben und so von der vorgesehenen Flugbahn abgekommen sein. Die Zwölfjährige landete auf der Umrandung des Luftkissens statt in der Mitte, wurde emporkatapultiert und schlug mit dem Kopf hart auf den angrenzenden Asphalt.

Früher, bevor Hessen sein Baurecht liberalisierte, hätte der Vogelsbergkreis das Sprunggerüst abnehmen müssen, sagt Kreissprecher Erich Ruhl. Nun wusste man offiziell nicht mal davon. „Von Behördenseite hat niemand etwas falsch gemacht.“ Ein bedrückendes Gefühl bleibe dennoch. Wichtig sei, aus dem Unfall zu lernen, sicherzustellen, dass auch verunglückte Sprünge wie der der Zwölfjährigen vom Kissen sicher aufgefangen würden. Zunächst soll der Turmbetreiber nun seine Statik-Bescheinigung vorlegen.

Hintergrund: Bauordnung im Wandel

• Genehmigungsfrei ließ Hessen früher in Gärten und zur Freizeitgestaltung

Sprungschanzen und Sprungtürme bis 5 Meter Höhe (Hessische Bauordnung/HBO von 1993).

• Die genehmigungsfreie Bauhöhe wurde 2002 auf 10 Meter verdoppelt, ab 5 Metern muss seither „statisch-konstruktive Unbedenklichkeit festgestellt“ sein. Regeln anderer Bundesländer sind ähnlich.

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