Nordhessische Allüren

Nordhessische Allüren: Justus Riemenschneider im Schwarzberg-Theater

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„Der Nordhesse hat im weltweiten Kampf um die besten Köppe den dicksten Schädel“ – das sagt Justus Riemenschneider, der schrullige Protagonist des Spottlicht-Kabaretts im Schwarzenberg-Theater.

Zu sehen ist er alias Bernd Köhler im aktuellen Programm „Eine Heimsuchung“. Mit Biss und Witz spottet der Melsunger Satiriker seit mehr als 20 Jahren nicht nur über nordhessische Eigenheiten.

Wenn der Nordhesse vor seiner Tür verdächtige Geräusche hört, ist es doch klar, was es ist: der Mann von der GEZ oder der mit dem Kuckuck oder Freunde, Gäste, Eindringlinge“, sagt einer, der es wissen muss: Justus Riemenschneider. Begrüßungsblitzoffensiven wie Hallöchen! Servus! Grüß dich! – die sind nicht sein Ding. Wenn es an seine Tür klopft, ringt er lange mit sich, bis gesundes nordhessisches Misstrauen und ehrliche heimische Ablehnung in überschwängliche Freude umschlagen und er sich zu einem „Naja gut, wenn ihr schon mal doh seid, dann kommt auch rinn“ entschließt.

Das ist Justus Riemenschneider, wie er leibt und lebt. Ein bisschen spröde, schwer zugänglich und ranzig. „Ein typischer Nordhesse, der gerne mährt, zu allem etwas zu sagen hat, auch wenn er von nichts weiß“, sagt Bernd Köhler. Der 66-jährige Juwelier aus Melsungen schlüpft seit 1989 in die Haut des Justus. Eine Figur, die seitdem beständige Größe des Spottlicht-Kabaretts in Melsungen-Schwarzenberg ist.

Das Spottlicht-Kabarett im Schwarzenberg-Theater, das sind mittlerweile sechs Programme mit satirischem Biss und nordhessischem Charme. „Alles eigene Produktionen von den Texten bis zu den Songs, von der Regie bis zur Requisite“, erzählt Bernd Köhler. Gemeinsam mit ihm stehen im Ensemble Marie-Theres Modes und Max Alter auf der Bühne. Darüber hinaus stellt er als Justus zahlreiche Soloprogramme und Stücke mit externen Künstlern auf die Beine. „Ich habe einfach Lust am Spielen“, sagt Bernd Köhler. Die Erfolgsmixtur des kleinen Theaters: Eine gehörige Portion Lokalkolorit und eine Prise Weltgeschehen. Lokale Gegebenheiten, Persönlichkeiten und Anekdoten, der Nordhesse an sich und insbesondere die Spezies der Melsunger, Geschichten gespickt mit Klischees und Wahrheiten und ein kritischer Blick in Politik und Gesellschaft sind die würzigen Zutaten.

Ein Schuss Selbstironie

 Dazu: ein Schuss Selbstironie. Sich selbst auf die Schippe zu nehmen, dafür ist sich Bernd Köhler am allerwenigsten zu schade. Wenn Justus über jenen greint, der sich aus seinen Fremdenzimmern „dünnegemacht hat, ohne was abzudrücken“ und das Publikum sich fragt, wer der Schuft wohl sei, kommt selbstverständlich die Antwort: „Es war ein Juwelier!“

In dieser Saison erlebt Justus „Eine Heimsuchung“. Begleitet wird Bernd Köhler dabei von Musikerin und Darstellerin Kerstin Röhn aus Kassel, die vielen durch das Theater Laku Paka bekannt ist. Das Programm spielt in einem Fremdenverkehrsbüro mitten im nordhessischen Idyll, in das irgendwann eine Supervision aus Hamburg eindringt, um den Laden umzukrempeln – mit allem, was dazugehört: Upgrades, Relaunches und anderen „uffgesetzten englischen Wortglocken“. Die penetrante, im Stakkato dozierende Supervision ist Frau Doktor Piepenkötter – dargestellt von einer handgearbeiteten Puppe.

In die Geschichte eingeflochten: allerlei Bissiges und Witziges. Die moderne Technik wird ebenso verballhornt wie Politiker, Banker, Gesundheitssystem, Griechen und nordhessische Eigenheiten sowieso. „Mehr als Schulden, haben sie Inseln, die Griechen“, zetert Justus, wohlwissend, einem „Knipparsch“ wäre das nicht passiert.

Mit Kerstin Röhn hat Bernd Köhler eine vielseitige Musikerin und Darstellerin gefunden. Ihr Talent zeigt sie nicht nur mit ihrer variablen Stimme und ihrem lebendigen Spiel an Klavier und Gitarre. „Mit der Aufgabe, gleich zwei Rollen zu belegen, stehe ich vor einer anderen Herausforderung“, sagt Kerstin Röhn. Doch meisterlich verleiht sie der Puppe Piepenkötter Charakter und zeigt gleichzeitig Präsenz als Fremdenverkehrsangestellte Stefanie.

Woher nimmt Bernd Köhler die Ideen? Er lacht: „Ich habe eine Familie, eine Firma, die Medien, da kommt einiges zusammen.“ Er ist ein Kreativkopf, der aus dem Leben schöpft. An den Stücken wird mit Regisseur Rolf Römer lange gefeilt, aus einer „Zettelwirtschaft der Ideen“ ein Ganzes geformt. Ihm ist es wichtig, zu unterhalten und dennoch der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. „Jeder soll sich in unseren Stücken wiederfinden“, sind sich Bernd Köhler und Rolf Römer einig.

Es ist die Mischung aus Weltläufigkeit und nordhessischem Starrsinn, die das Publikum begeistert. Oft bleibt nach so einem Abend die humorvolle Selbsterkenntnis: Der Nordhesse bleibt gern für sich. „Richtig freundlich wird der Nordhesse erst beim Abschied. Dann durchfluten ihn Erleichterung und tiefe Dankbarkeit wie nach langer, überstandener Krankheit und entlässt den Fremden: Das hätten wir hinner uns gebracht. Bis es dann mal widder so passt“, verabschiedet sich Justus Woche für Woche. Also, bis zum nächsten Mal im Schwarzenberg-Theater.

Gelungenes Ambiente

Das Schwarzenberg-Theater (links) befindet sich im ehemaligen Forsthaus aus dem Jahr 1750. Der Turnsaal verwandelt sich zu jeder Aufführung in ein Theater für Kleinkunst und Kabarett, in dem 99 Gäste Platz finden. Ein großer, wild-romantischer Garten lädt nicht nur in der Pause zum Verweilen und Plaudern ein. Bernd Köhler (rechts) ist der grantige Justus Riemenschneider und verzaubert mit allerhand nordhessischen Allüren. Justus spricht von Herzen, wenn er sagt: „Der Nordhesse hat nichts gegen Fremde. Sie sollten nur aus der Nähe oder mit den Chatten und Kelten in die Region gekommen sein.“

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