„Dilettantisch und auch noch stolz“

Experte übt massive Kritik an Studie zum Corona-Risiko im ÖPNV: „Fachlich grob falsch“

Fahrgäste sitzen in einer U-Bahn, wobei eine Frau einen Mundschutz trägt
+
Wie sicher sind Bus und Bahn? ÖPNV wohl kein Treiber der Pandemie.

Eine Studie hat das Risiko einer Corona-Infektion im ÖPNV untersucht. Die Auftraggeber ziehen ein positives Fazit. Heftige Kritik kommt hingegen von einem Methodenexperten.

Update vom 20. Mai: Die Ergebnisse der Studie zur Corona-Infektionsgefahr im Öffentlichen Nahverkehr, die von den Bundesländern und dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) in Auftrag gegeben wurde, sorgte sowohl in der Branche, als auch in großen Teilen der Politik, für Jubel. „Die Studie der Charité liefert für Millionen Fahrgäste in Deutschland erstmals belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse zum tatsächlichen Infektionsrisiko bei der Nutzung von Bussen und Bahnen“, schwärmte beispielsweise Maike Schaefer (Die Grünen), Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz.

Deutliche Kritik hagelt es nun allerdings von Statistikern, die von der Belastbarkeit der Studie nicht überzeugt sind. „Wie kann es sein, dass man nach 14 Monaten Pandemie eine so relevante Fragestellung so dilettantisch angeht und auch noch stolz darauf ist“, zeigte sich Methodenexperte Gerd Antes, im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung empört. Er gilt als einer der Vorreiter der evidenzbasierten Medizin in Deutschland. „Wir sehen hier von politischer Seite einen weiteren Beleg für das Fehlen jeglichen koordinierten Herangehens an relevante Fragen für die Pandemiebewältigung“, kritisierte Antes deutlich.

Studie zu Corona-Infektionsrisiko im ÖPNV: Experte übt massive Kritik - „Fachlich grob falsch“

Die Studie, die im Rhein-Main-Gebiet durchgeführt wurde, hatte insgesamt 681 Teilnehmer. Um eine Gleichwertigkeit des Infektionsrisikos in Bahn, Bus, Auto oder auf dem Rad zu belegen, wären Antes‘ Schätzungen zufolge allerdings Studien mit mindestens 1500 Probanden pro Untergruppe nötig gewesen. Die Studie verletze grundsätzlich geltende Qualitätsanforderungen „aufs Schwerste“, schrieb der Methodenexperte auf Twitter.

„Die Studie ist massiv unterpowert. Damit fachlich grob falsch, nicht nachgewiesenen Unterschied als Gleichheit - also nicht infektiöser als anderswo - zu interpretieren“, schob Antes in einem weiteren Tweet hinterher. Das sei eine „massive Überinterpretation der Ergebnisse“. Er kritisierte zudem, dass die Forschung durch die Bundesländer in Auftrag gegeben wurde und die Ergebnisse, statt in einer Publikation, durch eine Pressemitteilung des VDV veröffentlicht wurden.

Corona-Infektionsgefahr: Studie hält Busse und Bahnen für sicher

Erstmeldung vom 10. Mai: Köln - Wo lauert das höchste Risiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren? Laut einem vor Kurzem veröffentlichten offenen Brief der Gesellschaft für Aerosolforschung an die Bundesregierung besteht die größte Gefahr in geschlossenen Räumen. Daher liegt der Schluss nahe, dass der öffentliche Nahverkehr ein Treiber der Pandemie sein könnte. Eine entsprechende Studie hatte es zuvor allerdings nicht gegeben. Nun herrscht Klarheit.

Mit einer selbst in Auftrag gegebenen Studie zum Infektionsgeschehen im Öffentlichen Nahverkehr wirbt die Branche aktuell um Fahrgäste. Demnach sei die Infektionsgefahr in Bussen und Bahnen nicht höher als im Individualverkehr, teilte der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen am Montag mit. Untersucht wurde der ÖPNV im Gebiet des Rhein-Main-Verkehrsverbunds. Um die Auftragsarbeit, federführend mitfinanziert von Baden-Württemberg und zehn weiteren Bundesländern, hatte der VDV die Charité Research Organisation gebeten. Das Institut ist ein Tochterunternehmen der Charité und führt vor allem klinische Studien durch.

Für die Untersuchung hatte das Institut 681 Teilnehmer ohne bisherige Corona-Infektion ausgewählt. Diese wurden im Februar und März dieses Jahres zufällig und in annähernd gleicher Zahl aufgeteilt auf den Individualverkehr, sprich etwa Einzelfahrten mit dem Auto. Nach der rund fünfwöchigen Testphase wurden die Probanden in beiden Gruppen auf Antikörper getestet - ein Zeichen für eine durchgemachte Corona-Infektion. Bei jeweils gleich vielen Teilnehmern in jeder Gruppe konnten diese Antikörper nachgewiesen werden. Daraus schließen die Autoren, dass das Infektionsrisiko im Alltag mit der Nutzung des ÖPNV nicht steigt. Nachgewiesen wurde eine Covid-Infektion* bei insgesamt 26 Studienteilnehmern. Davon waren zwölf Personen mit dem Nahverkehrs unterwegs und 14 mit Auto, Rad oder Motorrad.

Corona: „Wir haben nun wissenschaftliche Klarheit für die Fahrgäste“

„Wir haben nun wissenschaftliche Klarheit für die Fahrgäste, dass die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel im Verhältnis zu anderen Verkehrsmitteln nicht mit einem erhöhten Ansteckungsrisiko* verbunden ist“, erklärte Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne*). Um die Sicherheit in Bus und Bahn zu erhöhen, müssten jedoch weiterhin sämtliche Hygienevorschriften eingehalten werden. „Die Ergebnisse der Studie belegen, dass die Einhaltung der Hygieneregeln, häufige Reinigung und Lüftung der Fahrzeuge einerseits sowie Abstand halten und Maske* tragen andererseits wirkungsvolle Mittel zum Infektionsschutz sind.“

Ein positives Fazit zog auch der ÖPNV des Rhein-Main-Verkehrsverbunds: „Für den RMV heißt das, dass die Branche von Anfang an die richtigen Maßnahmen getroffen hat“, sagte eine Sprecherin zu den Ergebnissen der Studie und dem Hygienekonzept des Verkehrsverbunds. Zwar gehe aus den von den Probanden geführten Tagebüchern nicht hervor, ob sich in den Bussen oder Bahnen tatsächlich alle Fahrgäste an die Regeln und Maskenpflicht gehalten hätten. Die Ergebnisse bestätigten aber, dass es für die Fahrgäste im ÖPNV ebenso sicher sei wie im Individualverkehr. Auf längere Fahrten mit der Bahn sind die Ergebnisse derweil nicht direkt übertragbar, weswegen dahingehende Schlussfolgerungen hinken.

Corona in Deutschland: Mobilität steigt wieder - „Pflicht zum Heimbüro scheint zu verpuffen“

Noch im November hatte die Bundesregierung* dazu appelliert, Kontakte weiter einzuschränken und dabei explizit auch den ÖPNV genannt. Konkret hieß es, „auf nicht notwendige Aufenthalte in geschlossenen Räumen mit Publikumsverkehr oder nicht notwendige Fahrten mit öffentlichen Beförderungsmitteln“ sowie auf „freizeitbezogene Aktivitäten und Besuche in Bereichen mit Publikumsverkehr zu verzichten“.

Mittlerweile ist die Mobilität in Deutschland wieder gestiegen, was etwa an der Zahl der Menschen, die im Home-Office arbeiten, deutlich wird. Im April sank der Anteil auf nur noch knapp über 30 Prozent. „Die verschärfte Pflicht zum Heimbüro in Corona-Zeiten scheint zu verpuffen“, erklärte Ifo-Homeoffice-Experte Jean-Victor Alipour.

Corona und ÖPNV: Bis zu 90 Prozent - Publikusmrückgang während der Pandemie

Die Verkehrsunternehmen haben in der Corona-Krise hohe finanzielle Einbußen. Sie halten das Angebot nahezu vollständig aufrecht. Gleichzeitig ist die Auslastung deutlich zurückgegangen. „Während der Phase umfassender Einschränkungen des öffentlichen Lebens im Frühjahr 2020 ist die Nachfrage im ÖPNV um bis zu 90 Prozent zurückgegangen“, sagte Sommer.

„Um seinem Auftrag als Teil der Daseinsvorsorge und wichtigem Bestandteil der Transformation des Verkehrssektors hin zu nachhaltiger Mobilität für alle gerecht zu werden, muss der ÖPNV Pandemie-gerecht werden. Das ist wichtig für Verkehrswende und Klimaschutzziele.“ (as/dpa) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.