Mahnwache für 18 Uhr geplant

Trauer um Tugce: Große Mahnwache vor Offenbacher Krankenhaus

Offenbach. Die Studentin Tugce A. ist 13 Tage nach einer Prügelattacke vor einem Offenbacher McDonald's  für hirntot erklärt worden. Nun wird erwartet, dass die lebenserhaltenden Geräte abgeschaltet werden. Die Mahnwache beginnt.

Tuğçe A

Aktuell haben sich schon viele vor dem Sana Krankenhaus in Offenbach versammelt. Der Stern berichtet, es seien eine halbe Stunde vor Beginn etwa 6000 Menschen anwesend gewesen. Immer wieder ist Blitzlicht in der Dunkelheit zu sehen. Viele Reporter und Fotografen sind vor Ort. Ein großer schwarzer Flügel steht vor dem Krankenhaus. Darauf steht in weißer Schrift "Tugce, wir kämpfen für dich". Die meisten Teilnehmer der Mahnwache halten Kerzen in den Händen. In der Menschenmenge sind weiße Luftballons zu sehen. Sie sind mit leeren Karten bestückt. Darauf notieren Anwesende ihre letzten Wünsche für Tugce. Die Mahnwache beginnt mit etwa zehn Minuten Verspätung. Der Bruder des Opfers der Prügelattacke gibt ein Zeichen vom Fenster des Zimmers, in dem seine Schwester liegt. Auch Tugces Mutter zeigt sich an der Scheibe. Alle strecken ihre Kerzen in die Höhe, der Bruder winkt aus dem Fenster. Die Familie lässt durch einen Sprecher bekanntgeben, dass sie sehr dankbar für die große Anteilnahme ist. An der Scheibe hängt ein T-Shirt, auf dem das Gesicht der jungen Studentin abgedruckt ist.

Die meisten Anwesenden können ihre Tränen kaum zurückhalten. Nur leise sind einige Stimmen zu hören. Gegen 18.20 beginnt ein junger Mann auf dem Flügel zu spielen. Er spielt das Stück "River flows in you" von Yiruma - das spielte Tugce auf ihrem Abschlussball. Ein zweites Lied wird gegen 18.30 Uhr angestimmt. Es ist die Titelmelodie zum Hollywood-Film "Titanic": "My heard will go on" von Celine Dion. Noch einmal halten alle ihre Kerzen in die nach oben. Um 19.05 Uhr wird die Mahnwache beendet.

Die Familie ließ indes bekanntgeben, dass die Maschinen, die Tugce beatmen und am Leben erhalten, noch am Freitag ausgeschaltet werden sollen. Zudem sollen ihre Organe gespendet werden. Ein Video mit der Erklärung wurde am frühen Freitagabend auf Facebook veröffentlicht.

Fragen und Antworten zum Fall Tugce:

Woran ist Tugce gestorben?

Offiziell erlag sie schweren Schädel-Hirn-Verletzungen. Ob sie diese Verletzungen aber durch den Schlag oder den Aufprall auf das Pflaster vor dem Schnellrestaurant erlitt, muss die Obduktion klären. Diese wird nach Angaben der Offenbacher Staatsanwaltschaft im normalen Fall vorbereitet, sobald die Maschinen am Krankenbett ausgeschaltet werden. Mit dem Hirntod ist bereits naturwissenschaftlich-medizinisch der Tod des Menschen festgestellt.

Was soll vor dem fatalen Schlag passiert sein?

Die Momente kurz vor dem Schlag sind weitgehend geklärt, denn es gibt ein Überwachungsvideo, das den Angriff zeigt. Demnach hat der 18-Jährige die Studentin gegen 4.15 Uhr vor dem Imbiss abgepasst und zugeschlagen. Fragen gibt es allerdings noch zu einem Streit vor den Toiletten im Keller des Schnellrestaurants. Tugce soll nach Zeugenaussagen bedrängten Mädchen zur Hilfe gekommen sein. Für das Streitschlichten soll sich der 18-Jährige nach diesen Aussagen später gerächt haben.

Gibt es auch Zeugen für die Szene vor der Toilette?

Ja, aber von ihnen fehlt trotz zahlreicher Aufrufe der Polizei noch jede Spur. Den zwischen 13 und 16 Jahre alten blonden Mädchen, die nach Zeugenaussagen betrunken waren, soll Tugce geholfen haben, nachdem sie um Hilfe gerufen hatten.

Was ist über den mutmaßlichen Schläger bekannt?

Bislang eher wenig. Der 18-Jährige lebt in Offenbach. Er ist der Polizei bereits bekannt, gilt trotz mehreren Vorstrafen aber nicht als Intensivtäter. Derzeit sitzt er in einer Einzelzelle in Untersuchungshaft im Wiesbadener Gefängnis.

Was kommt jetzt auf den jungen Mann zu?

Den fatalen Schlag hat er nach Polizeiangaben in einem ersten Verhör bereits eingeräumt, seitdem schweigt er. Der Haftbefehl lautet noch auf Verdacht auf schwere Körperverletzung, das dürfte sich mit dem Tod von Tugce ändern. "Der neue Tatvorwurf wäre dann Körperverletzung mit Todesfolge", sagte Staatsanwalt Axel Kreutz. "Der Vorwurf eines vorsätzlichen Tötungsdelikts kommt nach dem gegenwärtigen Ermittlungsstand nicht in Frage." Damit schließt er eine Anklage wegen Mordes oder Totschlags aus.

Wieso ist die Anteilnahme im Netz so groß?

Eine Mahnwache, Plakate, etliche Kerzen und Zehntausende Beileidsbekundungen auf Facebook und bei Twitter - dass Tugces Schicksal derart bewegt, findet die Berliner Notfallpsychologin Corina Hausdorf völlig verständlich. "Jeder hat schon mal Ungerechtigkeit erlebt und kann sich damit identifizieren", sagt sie. Außerdem wünsche man sich in Gefahrensituationen einen Menschen wie Tugce, der eingreife. "Kommentare auf Facebook oder über Twitter geben den Menschen die Möglichkeit, etwas zu tun", sagt Hausdorf weiter. Unter dem Motto "Tuğçe zeigte Zivilcourage, zeigen wir ihr unseren Respekt" wollen sich am Freitagabend zahlreiche Menschen vor dem Krankenhaus versammeln. Es ist Tuğçes Geburtstag: Sie wäre an dem Tag 23 Jahre alt geworden. Bei Facebook - inzwischen gibt es eine eigne Seite zu diesem Thema - sagten schon weit mehr als 3000 Menschen ihr Kommen zu. Unter dem Hashtag #tugce laufen minütlich neue Beiträge ein. In einem rührenden Video, das etwa zehn Minuten lang ist (siehe oben), senden Familie, Freunde, Bekannte und völlig fremde Menschen ihre Nachrichten an die junge Frau. Auch das ist sicherlich für viele eine Art Mitgefühl zu zeigen und Abschied zu nehmen.

Ist Tugce ein Einzelfall?

Nein, immer wieder setzen sich Menschen einer Gefahr aus, wenn sie einen Streit schlichten wollen. Eines der bekanntesten Beispiele: Der Manager Dominik Brunner. Er wurde im September 2009 an einem S-Bahnhof in München von Jugendlichen zu Tode geprügelt, als er sich schützend vor Schüler stellte. Die zur Tatzeit 17 und 18 Jahre alten Jugendlichen wurden wegen Körperverletzung mit Todesfolge beziehungsweise wegen Mordes verurteilt. Brunner war posthum mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.

Ist es wahrscheinlich, dass Tugce diese Auszeichnung auch bekommt?

Ganz unwahrscheinlich ist es zumindest nicht. Es ist nach Angaben des Bundespräsidialamtes die höchste Anerkennung, die die Bundesrepublik für Verdienste um das Gemeinwohl ausspricht. Jeder Bürger kann einen anderen für den Verdienstorden vorschlagen, nicht aber sich selbst. Geht es nach den Unterzeichnern einer Internet-Petition unter Change.org, ist die Sache klar: Inzwischen unterzeichnete bereits mehr als 60.000 Menschen. Auch Prominente wie der deutsche Rapper Eko Fresh haben via Facebook dazu aufgerufen, die Petition zu unterstützen. der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) will laut aktuellen Medienberichten Bundespräsident Joachim Gauck den Vorschlag unterbreiten, das Bundesverdienstkreuz an die junge Frau zu verleihen.

Der Nachrichtensender N24 hat einen Livestream eingerichtet, auf dem zu sehen ist, was aktuell vor dem Krankenhaus in Offenbach geschieht. Hier geht es zum Stream.(dpa/dob)

Rubriklistenbild: © dpa

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