"Die Banalität hinter der Promi-Fassade ist erschreckend"

Satiriker Kalkofe: "Das Dschungelcamp ist ein wahnsinnig spannendes Psycho-Experiment"

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Fan des Dschungelcamps: Satiriker Oliver Kalkofe

Kaum jemand kennt sich im Dschungelcamp so gut aus wie Oliver Kalkofe. Im Interview erklärt der Satiriker, dass nicht Krokodilpimmel das Format so interessant machen, sondern die Masken, die fallen.

Oliver Kalkofe ist einer der bekanntesten Satiriker des Landes. In seiner „Mattscheibe“ seziert er seit 1994 schonungslos die deutsche Fernsehlandschaft. Zudem ist er ausgewiesener Dschungelcamp-Experte. Auf Tele 5 zieht der 51-Jährige in seiner Kolumne "Kalkofes Dschungelbuch" die Kandidaten täglich durch den Kakao. Vor dem Finale von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ (Samstag, 20.15 Uhr, RTL) und vor seinem eigenen „Best-of“ Promi-Bashing am 11. Februar (Tele 5, 20.15 Uhr) haben wir mit Kalkofe über das nach wie vor erfolgreiche Format des Kölner Privatsenders gesprochen.

Herr Kalkofe, der Dschungel ist fast vorüber. Wieder stimmen die Quoten für RTL. Was fasziniert die Zuschauer nach elf Staffeln noch immer am Dschungel? 

Oliver Kalkofe: Es ist einfach ein wahnsinnig spannendes Psycho-Experiment. Die Dschungelprüfungen sind eigentlich das Langweiligste. Ob Leute ein bisschen gequält werden, Känguru-Hoden lutschen müssen, Krokodilpimmel kauen, das ist immer für einen kleinen Lacher gut, aber ansonsten uninteressant. Spannend ist es, zu sehen, wie Menschen, die man kennt und die professionell mit einer oder mehreren Masken im Leben rumlaufen, langsam eine nach der anderen dieser Masken aus dem Gesicht fällt und was dann aus denen wird.

Nehmen die Kandidaten denn nur noch ihre Rollen ein, oder sehen wir auch echte Emotionen? 

Kalkofe: Irgendwann sehen wir bei jedem auch etwas Echtes. Ich glaube, die meisten Kandidaten haben sich einen Plan zurechtgelegt, wie sie agieren wollen. Aber die wenigsten sind wirkliche Vollblut-Profis oder so hervorragende Schauspieler, die es schaffen würden, via Method Acting zwei Wochen lang rund um die Uhr ihre Maske aufrecht zu erhalten. Denen entgleitet allen irgendwann die Show, die sie spielen wollen. Weil die Erschöpfung dazu kommt, der Mangel an Essen, oder bei vielen der Mangel an Drogen. Man sieht ja schon, was allein passiert, wenn man denen die Zigaretten wegnimmt.

Thomas Häßler spricht seinen ersten vollständigen Satz. 

Kalkofe: Und droht, ganz RTL zu zerschlagen. Das hat mir richtig Spaß gemacht. Ich kannte das ja schon aus der RTL-Show „Sommerhaus der Stars“, in der die Verlobte von Hubert Kah ganz Deutschland mit „Fickt euch!“ und „Ihr könnt mich am Arsch lecken“ beschimpft hat – irre. Ich bin Nichtraucher und kann das deswegen gar nicht so nachvollziehen, aber es ist spannend zu sehen, wie der Mangel an Suchtstoffen die Psyche verändern kann. Viele von denen haben natürlich auch noch mehr als Zigaretten im Nachttisch liegen. Und so blitzt bei allen immer auch ein Teil des ungeschminkten wahren Ichs hervor. Das Überraschende ist bloß, dass dieses wahre Ich bei vielen einfach so langweilig ist, dass es niemanden wirklich interessiert. 

Wie meinen Sie das?

Kalkofe: Man stellt sich immer vor, dass das alles ganz spannende Leute sind. Insofern ist die Banalität hinter der Promi-Fassade doch oft erschreckend. Und bei einigen Kandidaten kommt auch Mitleid hoch, wie zum Beispiel bei Gina-Lisa, weil man merkt: Die ist ja emotional und intellektuell auf dem Stand einer Elfjährigen und hat sich selbst zu einer Schaufenster-Pornopuppe umstilisiert. Das passt überhaupt nicht und tut einem menschlich eher leid.

Was sind die Eigenschaften, die einen Kandidaten zum Dschungelkönig machen können? 

"Die Kandidaten sind Schauspieler, die sich selbst spielen müssen und daran hoffentlich scheitern."

Kalkofe: Bei den meisten Staffeln hat am Ende der gewonnen, der unscheinbar, aber wirklich nett oder sympathisch rüber kam – wie Menderes oder Joey Heindle. Die haben nicht dadurch gepunktet, dass sie eine große Show gemacht haben, sondern sie waren in ihrer Naivität letztlich authentisch. Die waren sich ihrer Rolle gar nicht bewusst. Die könnten auch gar nicht groß was spielen, weil sie dazu nicht in der Lage sind. Zwischendurch gewinnt aber auch mal jemand, der die Leute so genervt und polarisiert hat, wie zum Beispiel Desirée Nick, die durch ihre Boshaftigkeit überlebt hat. Das ist aber sehr selten. Die lässt man möglichst lange drin, damit es unterhaltsam bleibt, aber kurz vorher werden sie dann eigentlich abgestraft.

Wie müssen die Macher vorgehen, damit sich die Faszination am Ekel und die Freude am Voyeurismus nicht erschöpfen? 

Kalkofe: Es ist jedes Mal ein Glücksspiel. Das A und O ist, welche Kandidaten reinkommen. Meistens sorgen diejenigen für die meiste Unterhaltung, die man vorher gar nicht kannte. Und das auf eher negative Art. Denn die, die im Gedächtnis bleiben, sind ja meist jene, die alle nerven und in den Wahnsinn treiben. Das ist wie bei „Dallas“ – das hat man wegen J. R. geschaut. Man guckt Soaps wegen guter Bösewichte. Man will auch hier nicht sehen, wie die sich gut verstehen und in Frieden leben, man will Konflikte sehen. Das ist eine Zwei-Wochen-Live-Soap, quasi „Berlin – Tag & Nacht“ in echt, mit einem wesentlich geringeren Scripted-Anteil. 

Die Teilnehmer sind Schauspieler.

Kalkofe: Es sind Schauspieler, die sich selbst spielen müssen und daran im besten Sinne hoffentlich scheitern. Das Scheitern ist das Interessante an dem Format. Das hat gar nicht unbedingt etwas mit Häme zu tun, oder dass man sich freut, wenn die alle leiden, sondern es geht wirklich um das Spiel mit den Identitäten und Masken. Etwas Strafe ist andererseits aber auch völlig gerechtfertigt, denn die Teilnehmer sind alle Prominente, die freiwillig dort hingehen, weil sie entweder berühmt werden wollen oder mal berühmt waren und glauben, dadurch wieder etwas von ihrem Ruhm zurückzubekommen. Deshalb haben sie es auch verdient, dafür moderat gequält zu werden.

Wie wird in der Sendung mit Ironie gespielt? 

Kalkofe: Durch die Moderation kommt eine zweite Ebene hinzu. Es wird sehr ironisch, offen und hart mit den Kandidaten umgegangen. Die werden ganz offen am Nasenring durch die Manege geführt und bewusst aufeinander gehetzt. Aber das ist auch eigentlich jedem Teilnehmer klar, denn diese Dramatik ist bei einem solchen Format der Hauptgrund, der es spannend macht. 

Wann werden Zynismus und Ironie in Shows verstanden? 

"Die Show bedient die einfachen Bedürfnisse wie auch die Meta-Ebene"

Kalkofe: Der Punkt Ironie ist ein ganz schwieriger, der von viel weniger Leuten erkannt wird, als man denkt – nicht nur im Fernsehen. Ironie und Selbstironie sind ganz allgemein viel weniger verbreitet, als man denkt. Ein sehr großer Teil der Zuschauer schaut Scripted-Reality-Formate nicht wegen der möglichen Meta-Ebene oder weil sie so unglaublich schlecht sind. Ganz viele glauben, dass das alles dort wirklich echt ist. Das ist auch beim Dschungel ein Problem. Wir reden hier über sehr viele verschiedene Arten von Rezeption. Einerseits kann man das alles mit Ironie betrachten, andere hauen sich einfach auf die Schenkel, wenn einer einen Schafshoden fressen muss, ohne Gesamtzusammenhang, sondern einfach nur: „Ihh, der frisst nen Hoden!“ Deswegen läuft es auch auf RTL und hat so eine große Anhängerschaft.

Also ist der Dschungel ein konzeptionelles Meisterstück, weil er für alle funktioniert? 

Kalkofe: Genau das ist der Punkt. Er funktioniert für alle. Die Show bedient die einfachen Bedürfnisse wie auch die Meta-Ebene, weshalb sie nach einiger Zeit auch das Feuilleton erreicht hat. Das war in den ersten Jahren nicht so, da galt es erst als einfach nur niveaulos, inzwischen darf man auch als vermeintlich Intellektueller darüber lachen. Viele andere RTL-Formate wie "Let’s Dance“ und Supertalent“ funktionieren ohne jede Ironie. Dafür fehlt am Ende dieser Teil des Publikums.

In „Kalkofes Mattscheibe Rekalked“ parodieren Sie als Kalkinator regelmäßig TV-Formate und Politiker, sind also immer nah dran an den neuesten Trash-Trends. Mit welchem Reality-Format müssen wir als nächstes rechnen? 

"Die globale Bewegung der Fake News macht mir dabei Angst."

Kalkofe: Das Schlimme ist, alles, was ich an furchtbaren Dingen mal prophezeit habe, ist um ein Vielfaches schlimmer schon geschehen. Alles, was ich inzwischen an Scripted-Reality-Formaten gesehen habe, sind Nummern, die ich früher zu „Frühstyxradio“-Zeiten als Comedy gemacht habe. Damit könnte man heute keinen mehr begeistern, weil man es schon als real und ernst gemachte Sendung gesehen hat. Ich bin verzweifelt – spätestens seit Trump hat man das Gefühl, man lebt selbst in einer Scripted-Reality-Serie. Weil plötzlich auch alle Leute so reden und diskutieren, als wären wir bei „Berlin – Tag & Nacht“.

Wäre also eine Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung aus dem Oval Office in Washington zur Primetime auf Comedy Central denkbar? 

Kalkofe: Das glaube ich wirklich. Man hat sich ja schon früher über Politiker lustig gemacht, über Kohl oder Bush, aber der gesamte Betrieb drum herum lief trotzdem noch nach gewissen Regeln der Logik, aber die ist seit Trump ausgehebelt. Statt Fakten alternative Fakten schaffen, einfach leugnen und jeden anderen als Lügner zu bezeichnen – man hat keine Chance mehr dagegen. Das hat sich früher keiner getraut, aber jetzt ist es eine globale Bewegung und das macht mir dabei Angst.

Ist es denn überhaupt noch möglich, die Realität satirisch zuzuspitzen, oder müssen Sie um Ihren Job bangen? 

Kalkofe: Wenn die Vorlage die Realität übertrifft, wird es natürlich schwierig, aber es ist immer möglich. Wir Satiriker müssen uns Gedanken machen müssen, wie lange wir das überhaupt noch können und vor allem dürfen. Es gibt immer mehr Menschen, die kein Verständnis für Ironie oder eine zweite Ebene haben und Meinungsfreiheit falsch verstehen. Ein Beispiel: Man muss nur einen Post absetzen, in den man „AfD“ reinschreibt, der Inhalt ist im Grunde egal – was einem da an Beschimpfungen und blindem Hass entgegenschlägt: Von „Krepier, du fette Drecksau“ bis „Dich werden wir auch noch kriegen“. Das sind Sprüche, die man aus dunklen früheren Zeiten kennt und die plötzlich wieder gesellschaftsfähig werden. Und die im Sinne dieser Menschen später dazu führen könnte, Satire im Sinne der Meinungsfreiheit zu verbieten, weil „jetzt aber mal Schluss damit ist, so freche Sachen über unsere einzige Wahrheit zu sagen.“ Das macht mir ernsthaft Angst. Ich glaube, wir laufen in eine ganz gefährliche Richtung.

Was können Satiriker machen, um diesen Trend zu stoppen? 

Kalkofe: Nicht aufgeben, immer weiter machen, sich nicht einschüchtern lassen. Oft hat man die Schnauze voll, weil man sich mit so viel Dummheit gar nicht auseinandersetzen möchte, aber man muss immer weiter versuchen, die Leute zur Vernunft und zur Benutzung des eigenen Gehirns aufzufordern. So mühsam und schwierig das ist. Wir dürfen niemals schweigen – das haben wir viel zu lange gemacht. Erst dadurch konnten sich solche Gruppierungen unkommentiert zusammenfinden und sicher fühlen. Dieses Aussitzen, was Merkel immer gemacht hat, hat lange funktioniert, aber ich glaube, das wird es nicht mehr lange. Wir müssen weg von dem Geschwafel und versuchen, die Menschen ehrlich zu überzeugen, bevor die Idioten ihnen ihre Lügen als Wahrheit verkaufen. Denn ohne Gegenwehr ist das sehr einfach – und überaus gefährlich.

ZUR PERSON: OLIVER KALKOFE

Geboren: 

am am 12. September 1965 in Engelbostel in der Nähe von Hannover

Ausbildung:

zum Fremdsprachenkorrespondenten und Wirtschaftsdolmetscher in Englisch und Französisch in Braunschweig sowie Studium der Publizistik, Anglistik und Germanistik in Münster

Karriere:

Kalkofe war Moderator bei Radio RST in Steinfurt (Nordrhein-Westfalen) und bei Radio FFN, wo er mit Kollegen wie Oliver Welke und der Comedy-Sendung "Frühstyxradio" erfolgreich war. Für seine TV-Sendung „Kalkofes Mattscheibe“ im Pay-TV-Kanal Premiere erhielt er 1996 den Grimme-Preis. Mittlerweile läuft sie unter dem Titel „Kalkofes Mattscheibe Rekalked“ auf Tele 5. Als Schauspieler wirkte das Multitalent in Film-Hits wie "Der Wixxer" mit.

Privates:

Lebt mit seiner Frau und seiner Stieftochter in Berlin.

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