Danke, Herr Kachelmann

"Opfer-Abo" zu Unwort des Jahres gewählt

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Das Schlagwort wurde einer Äußerung von Jörg Kachelmann zugeordnet. Der Schweizer Moderator hatte im Herbst davon gesprochen, dass Frauen in der Gesellschaft ein "Opfer-Abo" hätten.

Darmstadt - Der Begriff "Opfer-Abo" wurde zum „Unwort des Jahres 2012“ gewählt. Zu verdanken ist der Ausdruck dem Wettermoderator Jörg Kachelmann.

Das „Unwort des Jahres 2012“ lautet „Opfer-Abo“. Die überraschende Entscheidung teilte die „Unwort“-Jury unter dem Vorsitz der Sprachwissenschaftlerin Nina Janich am Dienstag in Darmstadt mit. Der Begriff war nur einmal als Vorschlag eingesandt worden. Die Jury ordnete das Schlagwort einer Äußerung von Jörg Kachelmann zu. Der Schweizer Moderator hatte im Zusammenhang mit Vergewaltigungsvorwürfen in einem Interview im Herbst 2012 davon gesprochen, dass Frauen ein „Opfer-Abo“ hätten. Gemeint war damit, dass Frauen aus Kachelmanns Sicht stets die Opferrolle zugesprochen wird.

Kachelmann war in einem aufsehenerregenden Gerichtsprozess im Mai 2011 von dem Vorwurf freigesprochen worden, eine frühere Freundin vergewaltigt zu haben. Der am häufigsten eingeschickte Vorschlag „Schlecker-Frauen“ wurde unter anderem verworfen, weil die Frauen den Begriff auch selbst benutzten.

Die Unwörter der vergangenen Jahre

Unwort des Jahres
„Lügenpresse“ ist das „Unwort des Jahres 2014“. Das Schlagwort „war bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff und diente auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien“, hieß es zur Begründung. © dpa
Unwort des Jahres
"Sozialtourismus", das "Unwort des Jahres" 2013 entstand in der Diskusssion um die Gewährung von Sozialleistungen für Bürger anderer EU-Staaten - vor allem für Arbeitslose. © dpa
Das Unwort des Jahres 2012 ist "Opfer-Abo". Das Schlagwort wurde einer Äußerung von Jörg Kachelmann zugeordnet. Der Schweizer Moderator hatte im Herbst davon gesprochen, dass Frauen in der Gesellschaft ein "Opfer-Abo" hätten. © dpa
Unwort des Jahres
"Döner-Morde" wurde zum "Unwort 2011" gewählt. Das Schlagwort verharmlose die Mordserie an acht türkischstämmigen und einem griechischen Kleinunternehmer. © dpa
Unwort des Jahres im Rückblick
Für das Jahr 2010 wurde "alternativlos" zum Unwort des Jahres gewählt. "Das Wort suggeriert sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe", sagte der Sprecher der Unwort-Jury in Frankfurt. © dpa
Unwort des Jahres im Rückblick
"Betriebsratsverseucht" ist das Unwort des Jahres 2009. © dpa
Unwort des Jahres im Rückblick
2008: "Notleidende Banken" (Das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise wird rundweg auf den Kopf gestellt. Während die Volkswirtschaften in ärgste Bedrängnis geraten und die Steuerzahler Milliardenkredite mittragen müssen, werden die Banken mit ihrer Finanzpolitik, durch die die Krise verursacht wurde, zu Opfern stilisiert.) © dpa
Unwort des Jahres im Rückblick
2007: "Herdprämie" (Das Wort diffamiert Eltern, insbesondere Frauen, die ihre Kinder zu Hause erziehen, anstatt einen Krippenplatz in Anspruch zu nehmen.) © dpa
Unwort des Jahres im Rückblick
2006: "Freiwillige Ausreise" (Gesetzes- und Behördenterminus, wenn abgelehnte Asylbewerber aus deutschen Abschiebehaftanstalten, sog. Ausreisezentren, nach intensiver „Beratung“ in ihre Herkunftsländer zurückkehren, wobei die Freiwilligkeit in vielen Fällen zweifelhaft ist) © dpa
Unwort des Jahres im Rückblick
2005: "Entlassungsproduktivität" (Gewinne aus Produktionsleistungen eines Unternehmens, nachdem zuvor zahlreiche für „überflüssig“ gehaltene Mitarbeiter entlassen wurden.) © dpa
Unwort des Jahres im Rückblick
2004: "Humankapital" (degradiert Menschen zu nur noch ökonomisch interessanten Größen) © dpa
Unwort des Jahres im Rückblick
2003: "Tätervolk" (grundsätzlich inakzeptabler Kollektivschuldvorwurf) © dpa
Unwort des Jahres im Rückblick
2002: "Ich-AG" (Reduzierung von Individuen auf sprachliches Börsenniveau) © dpa
Unwort des Jahres im Rückblick
2001: "Gotteskrieger" © dpa
Unwort des Jahres im Rückblick
2000: "national befreite Zone" (zynisch heroisierende Umschreibung einer Region, die von Rechtsextremisten terrorisiert wird) © dpa
Unwort des Jahres im Rückblick
1999: "Kollateralschaden" (Verharmlosung der Tötung von Menschen im Krieg) © dpa
Unwort des Jahres im Rückblick
1998: "sozialverträgliches Frühableben" (Zitat des Ärztepräsidenten Karsten Vilmar) © dpa
Unwort des Jahres im Rückblick
1997: "Wohlstandsmüll" (Beschreibung Arbeitsunwilliger und Arbeitsunfähiger durch Helmut Maucher vom Nestlé-Konzern) © dpa
Unwort des Jahres im Rückblick
1996: "Rentnerschwemme" (Umschreibung arbeitsunwilliger wie -unfähiger Menschen) © dpa
Unwort des Jahres im Rückblick
1995: "Diätenanpassung" (Beschönigung der Erhöhung von Bezügen für Bundestagsabgeordnete) © dpa
Unwort des Jahres im Rückblick
1994: "Peanuts" (Äußerung des damaligen Deutsche-Bank-Chefs Hilmar Kopper über die 50-Millionen-Ausstände des Betrügers Jürgen Schneider bei Handwerkern) © dpa
Unwort des Jahres im Rückblick
1993: "Überfremdung" (Scheinargument gegen Zuzug von Ausländern) © dpa

Die Jury kritisierte den Begriff „Opfer-Abo“, weil er Frauen „pauschal und in inakzeptabler Weise“ unter den Verdacht stelle, sexuelle Gewalt zu erfinden und damit selbst Täterinnen zu sein. „Es ist problematisch, dass ein so Prominenter den Begriff verwendet hat“, erklärte Janich.

Dass für 2012 ein selten vorgeschlagener Begriff gewählt wurde, sei aber auch schon 2009 mit „betriebsratsverseucht“ der Fall gewesen, meinte Janich. Die „Unwort“-Jury, die im Kern aus vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten besteht, richte sich nicht nach der Häufigkeit der Vorschläge, das Gremium entscheide völlig unabhängig. „Die Entscheidung war schwierig, aber ein Konsens“, sagte Janich.

Kritik: "Opfer-Abo" erklärungsbedürftig und zu wenig bekannt

Der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, Ludwig Eichinger, meinte, das „Unwort“ sei „zu wenig bekannt“. Allerdings handele es sich „um eine nicht nett gemeinte Wortbildung in einem sehr emotional geführten Streit“. Die Opferorganisation Weisser Ring sieht die Wahl von „Opfer-Abo“ mit gemischten Gefühlen. „Das ist eine zweischneidige Sache“, sagte der Sprecher Helmut K. Rüster am Dienstag in Mainz. Es bestehe die Gefahr, ein Wort auf diese Weise erst populär zu machen. Auf der anderen Seite sei es wichtig, solche Begriffe zu enttarnen - wie dies mit der Begründung der Jury auch geschehen sei.

Zum „Unwort des Jahres 2011“ war „Döner-Morde“ gewählt worden, 2010 „alternativlos“. Dieses Mal gingen insgesamt 2241 Einsendungen ein. Für das „Unwort 2011“ war mit 2420 Einsendungen ein Spitzenwert erreicht worden.

„Opfer-Abo“ kam 2012 in den 470 000 Meldungen der Deutschen Presse-Agentur dpa nur einmal vor - nämlich in der Berichterstattung über das besagte „Spiegel“-Interview mit Kachelmann. „Frauen sind immer Opfer, selbst wenn sie Täterinnen wurden“, sagte der Moderator dem Magazin. „Menschen können aber auch genuin böse sein, auch wenn sie weiblich sind.“

Für 2012 wählte die Jury zu weiteren „Unwörtern“ den Begriff „Pleite-Griechen“. Er diffamiere „ein ganzes Volk und damit auch einen Teil der in Deutschland lebenden Bevölkerung in unangemessener und unqualifizierter Weise“. Gerügt wurde auch die Bezeichnung „Lebensleistungsrente“. Sie sei „irreführend bis zynisch“. In Zusammenarbeit mit der Börse Düsseldorf wurde „freiwilliger Schuldenschnitt“ als „Börsen-Unwort 2012“ bekanntgegeben.

Neben der unabhängigen „Unwort“-Jury wählt davon getrennt die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden das „Wort des Jahrs“. Für 2012 wurde im Dezember der Begriff „Rettungsroutine“ bekanntgegeben. Das Wort stehe für die immer wiederkehrenden Maßnahmen zur Rettung des Finanzsystems.

dpa

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