Nach 68 Jahren endet eine Ära

Otto-Katalog wird heute letztes Mal gedruckt: Darum wird er uns fehlen

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Diese Gesichter lockten die Deutschen zum Bestellen: Der Herbst/Winter-Katalog 1971/72 (von links), Topmodel Claudia Schiffer (1993) sowie Schauspielerin Palina Rojinski (2012).

Der Otto-Katalog war einst die Versandbibel der Nation. An diesem Donnerstag wird die letzte Ausgabe gedruckt. Damit endet eine Ära. Ein Nachruf.

Aktualisiert am 22. November um 10.15 Uhr: Ohne den Otto-Katalog könnten gemeinsame Fernsehabende bald der Horror werden. Vor einigen Jahren warb das Hamburger Unternehmen mit lustigen Spots für seinen Katalog. In einem Clip saß ein Paar auf dem Sofa vor dem TV-Gerät, der Mann schnarchte laut wie ein Bär, die Frau verstand kein Wort vom Film - bis sie ihm mit einem dicken Otto-Katalog mitten ins Gesicht schlug.

"Kataloge braucht man immer", lautete der Werbe-Claim. Mittlerweile braucht jedoch niemand mehr einen. Ab heute wird die letzte Ausgabe gedruckt. Die Ausgabe Frühjahr/Sommer 2019 bietet auf 656 Seiten noch einmal alles, was die Otto-Welt ausmachte - von Mode bis Spielsachen. Damit endet nach 68 Jahren eine Ära. Der Katalog stand als Symbol für das deutsche Wirtschaftswunder und die alte BRD.

Noch in den 90er-Jahren waren jedem im Land auch dank omnipräsenter Radiowerbung die drei Worte "Otto Versand Hamburg" präsent, so wie heute "Seitenbacher-Müsli" und "Carglass". Das 1949 gegründete Unternehmen war neben Neckermann und Quelle das virtuelle Kaufhaus der Deutschen, bevor es den Begriff überhaupt gab. Die beiden Konkurrenten sind längst pleite und Geschichte. Otto dagegen hat sich zu einem deutschen Amazon verwandelt. 95 Prozent der sieben Millionen aktiven Kunden bestellen bereits jetzt beim zweitgrößten Onlineshop Europas im Netz. "Die Digitalisierung ist das Beste, was uns passieren konnte", sagt Firmen-Chef Marc Opelt. An den fast drei Milliarden Euro Gesamtumsatz hatte der Hauptkatalog zuletzt nur noch einen einstelligen Anteil. "Unsere Kunden", sagt Opelt, "haben den Katalog sukzessive selbst abgeschafft, weil sie ihn immer weniger nutzen."

Dabei war der einst eine Art Bibel für Mode von der Stange. Auf dem Cover lockten Models wie Claudia Schiffer, Heidi Klum und Cindy Crawford die Kunden. Das war selbst 1997 noch so, als der Katalog zum ersten Mal auch komplett digital erschien. Schon damals kündigte sich das Ende eines Zeitalters an, das 1950 mit dem ersten Katalog begonnen hatte. Kurz nach Kriegsende gab es nur 14 Seiten, aber gleich 28 Paar Schuhe. Die Auflage lag bei 300 Exemplaren. Schon bald führte Otto als Pionier den Kauf auf Rechnung ein. Das Motto lautete "Vertrauen gegen Vertrauen". Im Zeitalter der Kreditkarte und der Bitcoins muss man darüber schmunzeln.

Heute bietet der Konzern, der auch die Nummer eins im deutschen Online-Möbelhandel ist, zwei Millionen Produkte von 6800 Marken an. Der Katalog, der zuletzt in einer Auflage von vier Millionen Exemplaren erschien, wird nach der Ausgabe Frühjahr/Sommer 2019 Geschichte sein. Was bleibt also? Zum einen die Erkenntnis, dass es nur noch einen relevanten Katalog gibt, den von Ikea, das Zentralorgan der globalisierten Gesellschaft mit einem Einheitsgeschmack. Zum anderen, dass es nur der Otto-Katalog geschafft hat, in den Sprachgebrauch einzugehen. Wer bei Wikipedia den Begriff sucht, erfährt, dass das Paket von Sicherheitsgesetzen, das Bundesinnenminister Otto Schily einst beschloss, in Anlehnung an die Versandbibel ebenfalls "Otto-Katalog" genannt wird.

Und für alle jene, die lieber Papierseiten durchblättern als am Cyber Monday oder Black Friday online auf Schnäppchenjagd zu gehen, hat Otto-Chef Opelt eine gute Nachricht: "Wir machen immer noch viele inspirierende kleinere Kataloge, die Leute zur Inspiration benutzen, da geht es um die Themen Einrichten, Wohnen, Bademode."

Infografik: Otto verabschiedet sich vom Katalog | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

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