Paracetamol, Ibuprofen, Aspirin-Wirkstoff ASS: Pillen mit hohem Risiko

Kassel. Schnell sollen sie wirken, gut verträglich sollen sie sein und preiswert. Mit Wirkstoffen wie Paracetamol, Ibuprofen und Acetylsalicylsäure (ASS), die in freiverkäuflichen Schmerzmitteln ihren Dienst versehen, verdient die Pharmaindustrie Millionen. Doch Experten warnen.

Falsch eingesetzt können diese Allerweltspillen gegen Kopfschmerz, Fieber, Erkältung und Co. für Patienten gefährliche Nebenwirkungen haben. Einer von ihnen ist der Erlanger Professor für Pharmakologie und Toxikologie Kay Brune: „Manch einer glaubt, dass ein unbegrenzt verfügbares Schmerzmittel auch grenzenlos harmlos ist.“ Seit Jahren verweist der mittlerweile 70-Jährige auf diesen Trugschluss. Brune fordert, dass die Mengen frei verkäuflicher Schmerzmittel begrenzt werden sollen. Denn Paracetamol ist in hoher Dosis Gift für die Leber. In den USA sterben jährlich an die 400 Menschen.

Hintergrund

Paracetamol verursacht zwar in der Regel keine Magenprobleme, kann aber deutlich überdosiert zu schweren Leberschäden führen. ASS, Ibuprofen und Diclofenac, sogenannte NSAR-Schmerzmittel, können unter anderem Magenprobleme bis hin zu lebensbedrohlichen Magenblutungen verursachen. Auch sind diese Medikamente bei Herz- und Nierenerkrankungen problematisch – wohlbemerkt aber nur bei zu hoher Überdosierung. Dann können sich die frei verkäuflichen Schmerzmittel zu Wölfen im Schafspelz wandeln, mit gravierenden Nebenwirkungen. Obwohl dies alles auf den Beipackzetteln steht, werden diese Medikamente offensichtlich von Patienten systematisch unterschätzt. Zudem können Mittel wie Paracetamol Schmerzen verschlimmern, wenn sie dauerhaft über einen längeren Zeitraum eingenommen werden. „Vor allem bei Kopfschmerzen gibt es zum Beispiel einen schmerzmittelinduzierten Kopfschmerz als eigenständiges Krankheitsbild“, sagt der Mediziner Gerd Appel. (mwe)

Allein das Giftinformationszentrum in Erfurt registrierte im Jahr 2011 knapp 360 Paracetamol-Vergiftungen. Laut „Spiegel“ haben Deutschlands Giftzentralen insgesamt 4184 Vergiftete gezählt. Häufigste Ursache: Überdosierung. Zwei Drittel dieser Vergiftungen sollen auf einen Suizidversuch zurückgehen. Der Kasseler Allgemeinmediziner Uwe Popert beschreibt den Tod als „langsam und hässlich, da die Leber zerfällt“. „An Anweisungen halten“ „Paracetamol ist ein sicheres Schmerzmittel, wenn sich der Patient an die Dosierungsanweisung hält“, sagt Gerd Appel, Facharzt für Allgemeinmedizin und Anästhesie in Kassel.

Außerdem: keine eigenständige Einnahme über drei Tage ohne Rücksprache mit dem Arzt. Appel vergleicht das Präparat mit einem schnellen Auto: „Wenn man vernünftig fährt und sich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen hält, passiert in der Regel auch nichts. Schwierig wird es bei einer schleichenden Überdosis.“ Beispiel: Der Patient hält sich an die Paracetamol-Dosis, nimmt aber zusätzlich Erkältungspräparate. „Oft weiß der Patient nicht, dass die Medikamente häufig auch Paracetamol enthalten.“ Schon liege die Dosis über der empfohlenen Menge. Appel will Patienten für einen achtsamen Umgang mit Schmerzmitteln sensibilisieren.

Der Pharmakologe Brune empfiehlt Rezeptpflicht für Wirkstoffe wie Paracetamol und ASS, mindestens aber eine kleinere Packungseinheit. Einem Antrag auf Verschreibungspflicht folgte der Sachverständigen-Ausschuss des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte nicht. Im Februar soll über Packungen abgestimmt werden, die für vier Tage reichen. Weder Verschreibungspflicht, noch eine kleinere Packungseinheiten versprechen eine Lösung. Bei der Verschreibungspflicht befürchtet Popert volle Wartezimmer. Er ist der Auffassung, dass man eigenverantwortlich eine Schmerztablette nehmen können muss. Für Appel ist die Packungsgröße nicht entscheidend, denn: Schmerzmittel seien günstig und es gebe viele Apotheken. (mwe)

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