Patchworkfamilien und Transexualität: Neuer Lehrplan in Kraft

Rechtlich sind homosexuelle Partnerschaften längst anerkannt. Dies soll nun auch an den Schulen geschehen. Doch gegen das Vorhaben der schwarz-grünen Landesregierung gibt es Protest.

Zum laufenden Schuljahr hat das hessische Kultusministerium einen neuen Lehrplan erlassen, mit dem mehr Offenheit für sexuelle Vielfalt erreicht werden soll. Im Unterricht sollen Homo-, Trans-, Inter- und Bisexualität so thematisiert werden, dass die Akzeptanz gefördert und Diskriminierung vorgebeugt wird. Die Vorschriften stoßen nicht überall auf ein positives Echo. Der Landeselternbeirat kritisierte das Ziel der "Akzeptanz" als zu weitgehend und sprach sich stattdessen für den Begriff "Toleranz" aus. Anbei Fragen und Antworten zu dem Sexualkunde-Lehrplan:

Was ist für die einzelnen Altersstufen vorgesehen?

Sechs- bis Zehnjährige sollen neben den körperlichen Unterschieden von Männern und Frauen unter anderem Patchworkfamilien und gleichgeschlechtliche Partnerschaften als Konzepte kennenlernen. Für ältere Schüler kommen dann auch "unterschiedliche sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten" als Stoff hinzu. Dies soll neben den anderen Themen der Sexualerziehung in den folgenden Klassenstufen weiter vertieft werden, auch "Unterstützung beim Coming Out" ist vorgesehen.

Wie fielen die ersten Reaktionen aus?

Der Lehrplan wurde per Ministerentscheid in Kraft gesetzt. Dies nährte neben der Kritik am Wort "Akzeptanz" Vorwürfe, Minister Alexander Lorz (CDU) sei heimlich vorgegangen. Das Ministerium erklärt, es habe sich um einen Routinevorgang gehandelt. Zudem seien unter anderem Vertreter von Eltern, Lehrern und Kirchen dazu angehört worden. Auch inhaltlich sieht Lorz keinen Grund für Kritik. Der Lehrplan sei die Konsequenz aus der geänderten gesellschaftlichen Realität. Die letzte Aktualisierung stammt aus dem Jahr 2007. Ultrakonservative und rechtspopulistische Gruppen lehnen den Lehrplan als indoktrinierend ab.

Was sagen Experten?

Hessen habe eine Entwicklung nachvollzogen, die in anderen Bundesländern bereits geschehen sei, sagt der Frankfurter Professor und Sexualpädagoge Stefan Timmermanns. Die Themen Homo-, Bi- und Transsexualität kämen ohnehin über das Internet und das Fernsehen zu den Kindern und Jugendlichen. Im Unterricht könnten dann pädagogisch angemessen Fragen dazu behandelt werden. Die Sexualwissenschaftlerin Karla Etschenberg kritisierte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", dass das Thema "Vielfalt sexueller Orientierungen und Geschlechtsidentitäten" zu stark gewichtet worden sei. Andere Themen kämen dadurch zu kurz.

Wie sehen die Lehrer den neuen Lehrplan?

Die Landesvorsitzende des Lehrerverbands, Edith Krippner-Grimme, sagt, es seien noch einige Fragen offen. Beispielsweise, wie die Umsetzung in den Klassen und einzelnen Fächern tatsächlich laufen solle. Und wer entscheide, in welcher Altersstufe nun genau welcher Inhalt unterrichtet werden solle. Zudem sei zu befürchten, dass diese Abstimmung darüber und die anstehenden Elternabende als Zusatzarbeit auf die Schulen und Lehrer zukämen.

Wie geht es nun weiter?

In Elternabenden sollen die Ziele, Inhalte sowie Lehr- und Hilfsmittel des Unterrichts vorgestellt werden. Der Landeselternbeirat empfiehlt, diese Informationsveranstaltungen aktiv einzufordern. Transparenz nehme Ängste, sagt auch der Sexualpädagoge Timmermanns. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern wie etwa Baden-Württemberg, wo es schon um den Entwurf des Lehrplans heftige Diskussionen gab, sind die neuen Vorschriften in Hessen vor Wochen in Kraft gesetzt worden. Änderungen sind also nicht mehr zu erwarten. (lhe)

Rubriklistenbild: © picture-alliance / obs

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