Medikament soll in England verteilt werden

Die Pille gegen Alkoholprobleme

London. Großbritannien will den Alkoholkonsum seiner Bürger einschränken – mit Hilfe einer Pille. Menschen, die täglich eine halbe Flasche Wein oder mehr als drei große Biere trinken, sollen dann automatisch nach einem Glas aufhören.

Wenn Engländer demnächst ihren Arzt aufsuchen, könnte der ihnen unangenehme Fragen über ihren Alkoholkonsum stellen. Egal, ob der Patient gefährdet wirkt oder nicht. Wenn er regelmäßig zu viel trinkt, soll er nun eine Pille verabreicht bekommen. Mit dieser Pille, die den Teil des Gehirns blockieren soll, der bei trinkenden Menschen den Reiz auslöst, weiter zu bechern, will das britische Gesundheitssystem, der National Health Service (NHS), den Alkoholkonsum der Inselbürger einschränken. Nach einem Bier etwa soll dann Schluss sein.

Alkoholkonsum wird eingeschränkt

Gesundheitsexperten schätzen, dass von den insgesamt 53 Millionen Menschen in England etwa 600.000 für die Pille infrage kommen könnten und glauben, dass durch die Verteilung 1854 Leben gerettet und 43.074 alkoholbedingte Krankheitsfälle verhindert werden können. Versuche sollen gezeigt haben, dass Patienten, die die Pille einnahmen, ihren Alkoholkonsum um 61 Prozent einschränkten.

In Schottland, wo pro Woche laut NHS Scotland immer noch 20 Menschen an den Folgen von Alkoholmissbrauch sterben, wird die Pille seit Oktober 2013 ausgegeben. Das Medikament mit dem Wirkstoff Nalmefen, das früher als Antidot bei Opiatvergiftungen verwendet wurde, soll 3 Pfund (3,80 Euro/4,60 Franken) kosten. Der NHS müsste für eine Verteilung in England etwa 288 Millionen Pfund aufbringen. Eine endgültige Entscheidung fällt im November.

In Deutschland ist das Medikament unter dem Namen Selincro seit September dieses Jahres zugelassen. Erfahrungen sind bisher nicht bekannt.

Briten trinken gerne

Die Briten haben den Ruf, zu den trinkfreudigsten Nationen der Welt zu gehören. Tatsache ist, dass die Alkoholkonsumzahlen seit den 2000er-Jahren zurückgehen. Allerdings belegen die Statistiken des NHS, dass die Anzahl alkoholbedingter Krankenhausaufenthalte und auch Todesfälle steigen. Die Regierung schätzt, dass alkoholbedingte gesundheitliche Schäden Großbritannien pro Jahr 21 Milliarden Pfund kosten.

55 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen, die vom NHS für eine Studie befragt wurden, ob und wie viel sie in der vergangenen Woche getrunken hatten, gaben an, dass sie mehr als die täglich empfohlene Menge Alkohol zu sich genommen hätten. 31 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen haben sogar die doppelte Menge konsumiert. Laut einer Studie der britischen Wohlfahrtsorganisation Macmillan Cancer Support geben Briten etwa 50.000 Pfund in ihrem Leben für Alkoholika aus.

Als gefährdet - und damit Zielgruppe für die Pille – sieht der NHS zum Beispiel Männer an, die täglich mehr als eineinhalb Liter Bier oder viereinhalb kleine Gläser Wein trinken, und Frauen, die einen Liter Bier oder drei 125 Milliliter-Gläser Wein trinken. Ob sie diese Grenze überschreiten, müssen die Patienten dann zukünftig auf Nachfrage bei ihrem Arzt angeben. Fallen sie in diese Zielgruppe, werden sie aufgefordert, den Alkoholkonsum in den kommenden zwei Wochen zu reduzieren. Schaffen sie es nicht, verschreibt der Arzt die Pille davor. Sie soll dann eingenommen werden, wenn der Patient den Wunsch verspürt, zu trinken. Zur Zielgruppe gehören allerdings nicht die krankhaften Trinker. Denn die Pille beendet nicht den Alkoholkonsum, sie reduziert ihn nur.

Pille ist keine Lösung

Doch es regt sich Widerstand im Land der Feierabendkneipenkultur, des gepflegten Glases Bier und des Gin Tonics am Nachmittag. Kolumnen in respektierten Tageszeitungen und in Boulevardblättern werben mitunter für die Alkoholfreiheit und stellen den Wert des Wundermittels infrage. Und auch Wissenschaftler sind skeptisch: Professor Mark Bellis vom Zentrum für Gesundheitswesen an der Universität von Liverpool warnte davor, die Pille überhaupt als ein solches Wundermittel anzusehen. „Es ist nicht unbedingt eine gute Sache, sich aus einem gesellschaftlichen Problem heraus zu medikamentieren“, sagte er der Tageszeitung “Daily Telegraph”.

Von Meike Stolp (yeu)

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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