Fernseh-Kritik

"Promi Big Brother": Im Höllenschleimbecken des Fernsehens

Nur auf der Toilette gibt es keine Kamera: Sarah Joelle Jahnel und Jenny Elvers teilen sich ein Doppelbett. Foto: Sat 1

Als die „Promi Big-Brother“-Grabesstimme nach über drei unsagbar zähen Stunden am sehr späten Freitagabend allen Ernstes behauptete, Tausende träumten davon, „dahin zu kommen, wo Ihr jetzt seid“, da brachen selbst die zwölf mehr oder minder bekannten Kandidaten in schrilles Gelächter aus.

Weil sich die „Promis“ ja nicht mal selbst alle untereinander kannten - es war deren erste Herausforderung, die Namen der Mitbewohner überhaupt vollständig unfallfrei aufzuzählen.

„Der Star ist dieses Haus“, stellte Moderator Oliver Pocher fest. Überwacht ist der Fernsehknast in Berlin-Adlershof mit 70 Kameras. Bizarr die Einrichtung: Als ob sich russische Oligarchengattinnen und der Künstler Jeff Koons unter Zuhilfenahme von jeder Menge Prosecco mal so richtig ausgetobt hätten.

Mit Alkohol haben auch einige Kandidaten einschlägige Erfahrungen. „Die einen feiern ihren Einzug, die anderen ihren Entzug“, spotteten die Moderatoren. Ein öffentlicher Rückfall wäre für Sat.1 vermutlich die Krönung. Apropos: Man fragte sich auch, welches Aufputschmittel dem vor Ort anwesenden Gröl-Publikum gegeben worden war.

Einzig mit einem Quartett dürfte der Durchschnittszuschauer etwas anfangen können: Ex-Heidekönigin Jenny Elvers-Elbertzhagen (41), genau seit einem Jahr trocken, der angeblich die Therapeutin zum TV-Exhibitionismus riet, Sänger David Hasselhoff (61), dessen Lederjacke blinkte wie ein Verkehrsschild im Baustellenbereich, Schauspieler Martin Semmelrogge (57, „ich komme aus dem offenen Vollzug und gehe in den geschlossenen“), der mit dem Hubschrauber eingeflogen wurde, weil ja der Lappen wegen Alkohols weg ist und der mit dem technisch manipulierten Big-Brother-Ton darum zu konkurrieren scheint, wer das nervigste Organ hat, sowie Marijke Amado (57, früher „Mini-Playback-Show“). Sie saß aus lange Zeit unerfindlichen Gründen erstmal isoliert im „Strafbereich“.

Die anderen, ob Sarah Joelle Jahnel (24, EX-RTL-Superstar-Kandidatin) oder Youtube-Klickbringer Simon Desue (22), dürften schon beim Abspann die meisten der zum Auftakt 3,21 Mio. Zuschauer (12,7 Prozent Marktanteil) sogleich wieder vergessen haben. Bei den jüngeren Zuschauern kam die Sendung besser an: 2,1 Millionen (22,3 Prozent Anteil) liegen über dem Senderschnitt.

Eingeprägt hat sich bislang lediglich „Catch the Millionaire“-Teilnehmerin Natalia Osada mit ihrer Fluch-Orgie - weil sie ein fremdes T-Shirt tragen sollte, das sie als „Hurenkittel, Putzlappen“ bezeichnete. Auf alle weiteren Zitate sollte man hier besser verzichten. Natalia ist auch schon „machttechnisch“ besorgt um den „positionellen Wert“ aller Konkurrenten.

Sänger Fancy (67) irritiert, weil er exakt aussieht wie eine Kreuzung aus Elvis und Yoko Ono. Er versprach übrigens, beim Nacktduschen seine „vier Hoden“ zu präsentieren. Das zeigt sehr schön die Erwartungshaltung der Show: „Wenn du nicht eine einzige flachlegst da drin, sind wir sehr enttäuscht“, verabschiedete Pocher den Ex-„Berlin Tag & Nacht“-Darsteller Jan Leyk. Es geht wohl in erster Linie darum, ob wer mit wem in die Kiste springt.

Pochers Späße mit Cindy von Marzahn, die sich beide offenkundig am Erfolg der Dschungelcamp-Konkurrenz von RTL abarbeiten müssen, entpuppten sich zumeist als Rohrkrepierer. Die Aufrufe an die Zuschauer appellieren an die niedersten Instinkte. Kein Wunder, dass den „Promis“ karge Kohlsuppe statt eines Luxus-Gourmet-Frühstücks verordnet wurde. Titel eines Spielparcours wie die „bestialische Brandmauer“, „das Becken der Pein“, die „Todesrutsche“ oder das „Höllenschleimbecken“ klingen aufregender, als sie waren. Die vermeintlich lustigen Ideen - die frühere No Angels-Sängerin Lucy Diakovska musste Semmelrogge permanent mit falschem Vornamen ansprechen - waren behämmert. Übertragen wurde oft nur unverständliches Durcheinandergebrabbel der Bewohner, deren größte Sorge die Größe des Kleiderschranks war.

Den ersten, für die weitere Dramaturgie viel versprechenden Streit gab es auch schon. Er drehte sich um Natalias Silikonbrüste. „plastic things“ findet Sänger Percival Duke (47) furchtbar. Sein Appell, zu höflicher Konversation zurückzukehren („lower your voice“) fand wenig Gehör. Natalia wird noch einiges „ausscreamen“, das ist mal sicher.

Insgesamt stellte sich aller Aufwand als umgekehrt proportional zum Erfolg dar: Je mehr Brimborium und Bohei, desto mehr Ödnis und Langeweile. Kein Wunder, dass die Moderatoren x-mal betonten: „Wir sind nicht schuld. Wir haben mit der ganzen Sache nichts zu tun.“

Von Mark-Christian von Busse

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