Gerichtsverhandlung geht weiter

Prozess um Costa-Unglück geht weiter - Schauenburger war an Bord

Rom/Schauenburg. Wenn der Prozess am heutigen Mittwoch, 17. Juli, gegen den Kapitän des Unglückskreuzers Costa Concordia fortgeführt wird, wird einer besonders hinhören: Achim Herwig aus Schauenburg. Er war während der Havarie an Bord und erzählt von seinem Erlebnis:

"Mir war schon sehr mulmig zumute. Das waren keine schönen Gefühle.“ Achim Herwig aus Schauenburg (Kreis Kassel) hat das Kentern des Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia miterlebt. Der 55-Jährige saß mit seiner Frau und Freunden entspannt beim Abendessen, als das Unglück passierte.

„Kurz nach halb zehn hat es in dem Speisesaal einen fürchterlichen Schlag gegeben“, berichtet Herwig unserer Zeitung. Nach wenigen Minuten habe das Kreuzfahrtschiff schon in Schräglage gelegen. Herwig packte intuitiv mit seiner Frau ein paar Sachen zusammen. 

Wie aus Erzählungen vom Titanic-Unglück herrschte Panik an Bord. „Ellenbogen wurden eingesetzt. Der Stärkere hat sich versucht durchzusetzen“, erzählt Herwig. Eine „organisierte Kraft, die für Ordnung hätte sorgen können“, habe er nicht gesehen.

Wohler habe sich der 55-Jährige erst gefühlt, als er mit seiner Frau im Rettungsboot saß. An Land entdeckten sie dann plötzlich den Kapitän mit seiner Crew. Zur gleichen Zeit seien noch jede Menge Menschen auf dem Schiff gewesen.

„Ich bin der absoluten Überzeugung, wenn gleich gehandelt worden wäre, dann hätte man vielen Leuten das Leben retten können“, sagt Herwig. Schlechte Träume habe er wegen des Unglücks nicht mehr. „Ich kann dem Kapitän nur den Vorwurf machen, dass er nicht gleich reagiert hat. Eine Stunde später, nach halb elf, wurde erst Alarm gegeben. Das hätte viel früher passieren müssen“, meint Herwig.

Allen Nichtverletzten wurde eine Entschädigung von 11 000 Euro angeboten, plus der Reisekostenerstattung, berichtet Herwig. Auf ein Kreuzfahrtschiff hat er sich schon wieder getraut. Anfang Januar war er mit seiner Frau und einem befreundeten Pärchen mit Costa Kreuzfahrten im östlichen Mittelmeer unterwegs. In jedem Hafen habe die Besetzung Übungen absolviert. „Ich muss sagen, sie haben aus dem Unglück gelernt.“

Von Franziska Kiele

Viele Fragen an den Unglückskapitän

Rom. Er fiel in ein Rettungsboot, der Steuermann verstand seine Anweisungen nicht und der Felsen war auf keiner Karte verzeichnet - für die Tragödie um die Havarie der Costa Concordia fand Unglückskapitän Francesco Schettino viele Erklärungen. Sich selbst sieht er jedoch nicht als Hauptschuldigen. Am heutigen Mittwoch wird nach einer gut einwöchigen Verschiebung wegen eines Anwaltsstreiks der Prozess gegen ihn fortgesetzt. Der Süditaliener, dessen Bild als braun gebrannter Kapitän mit Sonnenbrille um die Welt ging, muss sich dann vor einem Gericht in Grosseto in der Toskana verantworten.

Die Liste der Vorwürfe gegen den 52-Jährigen aus der Nähe von Neapel ist lang: Ihm werden unter anderem fahrlässige Tötung und Körperverletzung, Havarie und das Verlassen des Schiffes während der Evakuierung vorgeworfen. Viele Fragen sind vor dem Prozess noch offen: Warum rammte die Costa Concordia den Felsen? War der Kapitän Schuld an der Havarie? Oder führte eine Fehlerkette zu der Katastrophe? Hätten mehr Menschenleben gerettet werden können? Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft war Schettino mitschuldig daran, dass die Costa Concordia mit rund 4200 Menschen an Bord am 13. Januar 2012 zu nah an die Toskana-Insel Giglio heransteuerte.

Das Schiff fuhr auf einen Felsen, wurde aufgeschlitzt und kenterte, 32 Menschen starben. Die Ermittlungen brachten zahlreiche Vorwürfe gegen Schettino zutage. Er soll das Unglück heruntergespielt, bei der Rettungsaktion Fehler gemacht und das Schiff vor Ende der Evakuierung verlassen haben. Nach der Havarie wurde Schettino festgenommen und unter Hausarrest gestellt. Für sein Verhalten und das Unglück fand der Italiener immer wieder Ausreden. Dennoch wurde er von der Reederei Costa Crociere zunächst suspendiert und später entlassen.

Das Verfahren gegen Schettino könnte zu einem Mammutprozess werden und sich Jahre hinziehen. Wegen des großen öffentlichen Interesses findet der Prozess in einem Theatersaal statt. Hunderte Medienvertreter werden erwartet, dazu kommen Überlebende des Unglücks und Angehörige der 32 Opfer.

Von Miriam Schmidt

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