Warum gebeichtetes Fremdgehen nützlich für Beziehung sein kann

Psychologe im Interview: "Die meisten werden Seitensprung nie zugeben"

Die gestohlenen Daten der Seitensprung-Plattform Ashley Madison haben das Thema Untreue verstärkt in die öffentliche Wahrnehmung gerückt. Wir sprachen mit dem Psychologen Dirk Revenstorf über das Thema.

Treue ist das, was sich die meisten Menschen in einer Beziehung wünschen. Häufig aber kommt es zur Untreue. Kann man sich – ob Frau oder Mann – darauf einstellen?

Dirk Revenstorf: Nur indem man sich klarmacht, dass das passieren kann. In der Hinsicht ist der Mensch nicht berechenbar. Er findet es reizvoll, den Blick auch außerhalb seiner Beziehung schweifen zu lassen. Oft kommt es zur Untreue, wenn die Stabilität finanzieller Angelegenheiten, die Absicherung der Familie, gelungen, aber die Beziehung darüber eingeschlafen ist. Dass dann noch einmal beim Anblick anderer Körper das Prickeln einsetzt, ist vorhersehbar.

Eine Forschergruppe der TU Braunschweig fand in einer anonymen Online-Befragung heraus, dass etwa 40 Prozent aller Frauen und Männer sich zu Seitensprüngen bekennen. Ist das reell?

Derselbe Kollege hatte auch schon Personen direkt befragt, da standen am Ende 12 Prozent.

Wie kommt es zu dem Unterschied?

Genau werden wir es nie erfahren, die moralische Schranke ist sehr hoch. Die meisten, die einen Seitensprung hinter sich haben, werden das nicht zugeben. Die Dunkelziffer dürfte groß sein.

Gerade junge Leute legen Wert auf Treue, halten sie aber nicht ein.

Das erscheint unlogisch, ist aber bei näherem Hinsehen verständlich. Die meisten jungen Leute sind neugierig, auf der Suche nach Erfahrungen und wollen etwas Tolles erleben. Die Medienwelt ist total sexualisiert und allgegenwärtig. Die Jugendlichen stoßen überall auf optimal dargestellte Körper der Pornowelt. Sie wollen das auch, die sexuelle Performance spielt eine große Rolle. Das ist anstrengend, besonders für Männer.

Wieso?

Ihnen wird vorgeführt, dass sie ständig zur Erektion bereit sein müssen, da entsteht ein enormer Druck.

Gibt es Typen, die mehr zur Untreue neigen als andere?

Wir leben im narzisstischen Zeitalter, das Selbstwertgefühl muss ständig von außen bestätigt werden. Wenn zu Narzissmus und Opportunismus eine relative Angstfreiheit hinzukommt, wird vor einer Außenbeziehung nicht zurückgeschreckt.

Ist das bei beiden Geschlechtern so?

Frauen sind anders narzisstisch, sie zeigen das in ihrer Mode, beim Schminken oder mit Frisuren. Sie wollen gesehen werden.

Haben Frauen beim Seitensprung aufgeholt?

Ich halte das für wahrscheinlich. Auch hier gibt es keine verlässlichen Zahlen. Frauen kehren ihre Untreue unter den Teppich, sie haben nicht das Protzbedürfnis der Männer, die gern aufzählen, mit wie vielen Frauen sie schon Sex hatten. Die sozialen Fertigkeiten der Frauen sind ausgeprägter, sie wollen nicht als Schlampen gelten, verschweigen lieber ihre Affären. Aber sie haben welche.

Wo beginnt Untreue?

Das ist ganz verschieden. Ich hatte ein Paar in meiner Praxis, bei dem die Frau es als untreu empfand, dass ihr Mann sich Pornos anschaute. Ob er dabei masturbierte oder nicht, interessierte sie nicht. Es war die affektive Zuwendung ihres Mannes zu anderen weiblichen Körpern, die ihr zusetzte.

In welchem Alter gehen Menschen am meisten fremd?

Nach etwa vier Jahren des Zusammenseins löst sich nicht die Liebe, aber das große Begehren am Körper des Partners auf. Dann kann Langeweile in eine Außenbeziehung treiben. Bei Menschen in der vierten Dekade passiert es oft, dass einer noch mal ausbricht, vor allem, wenn man sich jung gebunden hat.

Wie soll jemand reagieren, wenn er erfährt, dass der andere untreu war?

Frauen neigen schneller dazu, auszurasten. Männer fressen den Seitensprung ihrer Frauen in sich hinein oder werden gewalttätig. Ich plädiere dafür, sich auseinanderzusetzen, aber konstruktiv. Und nicht zu schnell alles hinzuschmeißen.

Was löst das psychisch im Menschen aus, stellt er fest, dass er für den Partner sexuell nicht mehr die Bedeutung hat, an die er glaubte?

Eine Beziehung, vor allem wenn sie lange währt, ist wie eine psychische Insel, auf der man sich ungeschützt zeigt. Gerade beim Sexuellen. Niemand kennt einander besser als Paare, die zusammenleben. Zum Nestbau gehört Treue. Verlässt einer von beiden das Nest, erlebt das der Zurückgebliebene als totale Kränkung. Das kann enorm schmerzhaft sein. Sofort ist die Frage da, ob das gemeinsame Projekt noch weiterlaufen soll. Das kann ein langwieriger Prozess sein, bei dem vor allem eine Inventur ansteht.

Eine Inventur?

Inventur heißt gründliche Durchsicht. Wenn es dazu zum Beispiel nach dem One-night-Stand eines der Partner kommt, kann das sehr nützlich sein. Dazu gehört große Ehrlichkeit. Derjenige, der fremdging, soll nicht läppisch sagen: „Es kam eben so. Ich habe mir nichts dabei gedacht.“ Es liegt eine Chance darin, an diesem Punkt ein Gespräch zu beginnen, wie es beide noch nie geführt haben. Ganz schlimm dagegen ist, sich in verstocktes Schweigen zu flüchten.

Wenn Betroffene sich sofort nach der Untreue des anderen trennen – können Sie das verstehen?

Selbstverständlich verstehe ich das. Aber oft ist es dann so, dass die Beziehung ohnehin schon recht brüchig war und womöglich den Schlag verdient hat, der sie zerschlägt. Dann macht Trennung Sinn.

Zur Person: Dirk Revenstorf, Psychologe und Paarberater in Tübingen, hat sich mit Untreue wissenschaftlich befasst hat. In seinem Buch „Liebe und Sex in Zeiten der Untreue“ (Pattloch Verlag, München) hat er die Erkenntnisse zusammengefasst. (yeu)

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