Was man über Radfahrer wissen sollte

Ein Kampfradler klärt auf: Diese Regeln kennen viele Autofahrer nicht

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Immer wieder wird Stimmung gegen Kampfradler gemacht - wie hier in Berlin. Dabei werden die allermeisten Unfälle zwischen Auto- und Radfahrern von den motorisierten Verkehrsteilnehmern verursacht.

Unser Autor wird auf dem Rad oft angehupt, obwohl er nichts falsch macht. Das liegt daran, dass viele Autofahrer die Straßenverkehrsordnung nicht kennen, meint er. Eine Nachhilfestunde.

Nach diesem Text, liebe Leser, werden Sie mich verachten. Ich bin einer von denen, die Ihnen das Leben schwer machen. Ich bin ein Kampfradler. Jedenfalls beschimpft man mich als solchen. Gestern erst wieder bin ich mit dem Velo in der Einbahnstraße in entgegengesetzter Richtung gefahren. Es war eng, links und rechts parkten Autos. Und dann kam mir ein tiefer gelegter BMW entgegen. Er fuhr 50 Sachen statt der vorgeschriebenen 30 und raste direkt auf mich zu. Aus dem offenen Fenster rief mir der Fahrer zu, ich Rad-Rambo solle mich "verpissen", was ich dann auch tat, weil es für alle Beteiligten besser war. Dies sei eine Einbahnstraße, schrie der Mann. Dass die wie viele andere in Kassel für den Radverkehr per Schild in beide Richtungen freigegeben ist, hatte er übersehen.

So geht es Radlern in deutschen Städten jeden Tag. Trotzdem machen Politiker wie der ehemalige CSU-Verkehrsminister Peter Ramsauer und viele Medien regelmäßig Stimmung gegen Kampfradler. Das verstehe ich nicht. Ich bin ja nicht nur Radler, sondern auch Autofahrer und Fußgänger. Mir ist aber noch nie ein Radfahrer gegen die Motorhaube gebrettert und hat sich dann aus dem Staub gemacht. Und ich bin auch noch nie in der Fußgängerzone von einem Rad-Rowdy umgefahren worden. Dafür erlebe ich auf dem Velo jeden Tag, dass Autofahrern große Teile der Straßenverkehrsordnung (STVO) fremd sind. Einige Beispiele.

Dieses Video ist nicht von hna.de, sondern von Sat.1

  • Wer an einer roten Ampel rechts an wartenden Autos vorbeiradelt, wird mit ziemlicher Sicherheit angehupt. Dabei heißt es in Paragraf 5, Absatz 8 der STVO: „Ist ausreichender Raum vorhanden, dürfen Rad Fahrende und Mofa Fahrende die Fahrzeuge, die auf dem rechten Fahrstreifen warten, mit mäßiger Geschwindigkeit und besonderer Vorsicht rechts überholen.“ Das ist nicht immer sinnvoll und manchmal lebensgefährlich, wenn einen an der Kreuzung rechts abbiegende Lkw-Fahrer übersehen, aber es ist erlaubt.
  • Eines der größten Missverständnisse des Straßenverkehrs ist der Zebrastreifen. Viele denken, Radfahrer müssten absteigen und schieben, um den Fußgängerüberweg zu nutzen. Stimmt nicht: Sie dürfen auch über den Zebrastreifen fahren. Allerdings haben sie dann keinen Vorrang. Sie müssen die Autofahrer vorbei lassen. Ist jedoch frei, spricht nichts dagegen, achtsam weiterzufahren.

  • Auch Velo-Fans, die auf der Straße statt auf dem Radweg fahren, tun in vielen Fällen nichts Verbotenes. Nur bei einem blauen Schild mit einem Rad (Zeichen 237, 240 und 241) gilt eine Benutzungspflicht. Bei Fußwegen, die für den Radverkehr freigegeben sind, darf man jedoch auch auf der Straße fahren. Das ist sinnvoll, da es dort oft enger und damit gefährlicher als auf der Straße ist. Zudem müssen die Radwege zumutbar sein. Parken dort Autos oder liegen dort Müll und Scherben, darf man mit dem Velo ebenfalls auf die Straße wechseln.
  • Radler sind zwar oft Individualisten, aber auch sie dürfen nebeneinander fahren - zumindest in Gruppen ab 15 Personen. Dann bilden sie einen Verbund. Das nutzen die Teilnehmer der Critical-Mass-Fahrten, vor allem aber Rennradsportler, wenn sie gemeinsam trainieren. Damit erleichtern sie Autofahrern sogar das Überholen. Führen sie nur hintereinander, wäre die Schlange doppelt so lang. Beim Überholen müssen Autofahrer übrigens einen Sicherheitsabstand von mindestens 1,50 Metern einhalten. An Radfahrern kommt man in der Regel sowieso nicht vorbei, ohne die Gegenfahrbahn in Anspruch zu nehmen.

Selbstverständlich gibt es auch Radler, die sich nicht an Regeln halten - so wie es Fußgänger gibt, die weder nach rechts noch nach links schauen, wenn sie die Straße überqueren. Aber Radler sind nicht per se Kampfradler. Das hat auch die Hamburger Polizei festgestellt, als sie 2017 untersuchte, wer bei Rot über die Ampel fuhr: Während der 16-stündigen Kontrolle erwischten die Beamten 22 Radler und 226 Autofahrer. Auch relativ gesehen waren die Autofahrer die größeren Rowdys.

Gilt man schon als Kampfradler, wenn man Autofahrer an der nächsten roten Ampel darauf hinweist, dass ein halber Meter Sicherheitsabstand beim Überholen lebensgefährlich ist? Wenn man in Diskussionen Statistiken zitiert, nach denen die allermeisten Unfälle zwischen Auto- und Radfahrern von den motorisierten Verkehrsteilnehmern verursacht werden? Wenn man argumentiert, dass das Auto eine Waffe ist, die tötet, während Radler in aller Regel nur sich selbst gefährden? Dann bin ich gern ein Kampfradler. Der Kampf für ein besseres Miteinander und mehr Sicherheit auf der Straße geht weiter.

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