„Koschwitz am Morgen“ läuft montags bis freitags ab 5 Uhr auf hr1

HR-Legende Thomas Koschwitz: „Radio ist kein Alte-Leute-Medium“

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Seine Stimme ist sein Markenzeichen: Als Thomas Koschwitz noch das Radiogesicht von hr 3 war (links), trug er Halbglatze. Wenn er ab Montag die Morningshow bei hr 1 moderiert, ist sein Schädel kahlrasiert.

Mit seiner Stimme hat Thomas Koschwitz Generationen von Radiohörern durchs Leben begleitet. Mit 62 kehrt der Moderator nun zum Hessischen Rundfunk zurück und fordert: Schluss mit dem Dudelfunk.

Wenn Thomas Koschwitz an diesem Montag in der Morningshow von hr 1 auf Sendung geht, kommt eine Radiolegende nach Hause. Es ist nicht übertrieben, den 62-Jährigen so zu nennen. Mit Sendungen wie „Pop und Weck“ sowie „Kuschelrock“ war der Moderator des Hessischen Rundfunks für viele die Stimme der 80er-Jahre. Später war Koschwitz mit TV-Formaten wie der „RTL Nachtshow“ erfolgreich. Die vergangenen Jahre saß er in seiner Wahlheimat Berlin am Radiomikro. Wir sprachen mit Koschwitz vor seiner Rückkehr zum HR. Nur über seinen Schlaganfall, über den er 2003 ein Buch schrieb, wollte er nicht mehr reden.

Wie schwierig ist es, mitten in der Nacht aufzustehen, um ab 5 Uhr auf Sendung zu sein?

Thomas Koschwitz: Für Menschen, die Nachteulen sind, ist das ganz schwierig. Ich stehe glücklicherweise gern früh auf. Als ich noch Frühstücksfernsehen gemacht habe, bin ich um halb drei aus dem Bett gestiegen. Für die Morningshow des HR werde ich erst um vier aufstehen. Abends gehe ich meist um elf ins Bett. Das reicht, weil ich ein großer Anhänger des Mittagsschlafs bin.

Warum tun Sie sich das mit 62 Jahren noch mal an? So viel Geld kann der HR doch auch nicht zahlen.

Koschwitz: Nein, wäre es eine Geldfrage, wäre ich noch in Berlin. Es kommen mehrere Dinge zusammen. Natürlich ist der HR mein alter Sender, bei dem ich 20 Jahre lang geturnt habe, aber er ist nicht mehr der alte. Die Radiolandschaft hat sich ungeheuer verändert. Ich kehre nicht in mein altes Studio zurück, sondern mache etwas Neues. Das finde ich sehr reizvoll.

Was wollen Sie in Ihrer vierstündigen Sendung anders machen als andere Moderatoren?

Koschwitz: Nichts. Ich bin einfach nur ich. Genau das bringe ich ein.

Junge Leute hören pro Tag fast eine Stunde weniger Radio als die Älteren. Ist das Radio schon ein Alte-Leute-Medium?

Koschwitz: Wie alt sind Sie?

43.

Koschwitz: Sie fassen das Thema Radio sehr kritisch an. Das ist, glaube ich, eine falsche Sicht der Dinge. Oft wird das Radio in Zahlen dargestellt und es heißt: Die jungen Leute hören nur noch Spotify oder schauen Youtube-Kanäle. Aber was gerade junge Leute tun: Sie hören Podcasts. Dort werden viele Radio-Inhalte zeitversetzt abgerufen. Insofern ist es blöd, das Radio als Alte-Leute-Medium zu bezeichnen. Nur der UKW-Übertragungsweg könnte sich demnächst erledigt haben. Das stimmt.

Kritiker sagen trotzdem, die populären Wellen des HR seien kaum vom privaten Dudelfunk zu unterscheiden. Schmerzt es Sie nicht, dass das Programm seichter geworden ist, seitdem Sie den Sender Mitte der 90er verlassen haben?

Koschwitz: Zum Teil ja. Man muss aber schauen, was zuerst da war: die Henne oder das Ei? Viele Programme sind seichter geworden, aber eben dadurch sind sie mit dem Zeitgeist gegangen. Wenn die Hörer das so wollen, hat sich eine öffentlich-rechtliche Anstalt danach zu richten. Im zweiten Schritt muss man sich fragen, ob man das nicht fantasievoller machen kann. Muss man einen Dudelfunk wie kleinere Privatstationen machen?

Warum hat es Radio bei der jungen Generation so schwer?

Koschwitz: Weil wir in der Radiolandschaft zu wenig Selbstbewusstsein haben. Jahrelang war immer wieder zu hören, dass Radio überall nur noch nebenbei stattfindet. Man glaubte, die Menschen würden nicht mehr richtig zuhören. Die Macher dachten: „Wenn das so ist, dann müssen wir uns dem anpassen.“ Aber wenn das Radio ein Ereignis bleibt, dann wird ihm auch wieder zugehört.

Das Radio muss also wieder selbstbewusster werden.

Koschwitz: Ja, alle Radiostationen in Deutschland werden Tag für Tag von 21 Millionen Menschen gehört.

Der Anteil der Musik am Programm hat zu Lasten von Wortbeiträgen immer mehr zugenommen. Ist das der richtige Weg in Zeiten von Streamingdiensten wie Spotify?

Koschwitz: Nein. Als sich die Macher vor einigen Jahren fragten, ob ihre Sender noch genug Hörer haben, sagten sie: „Diese Schwätzer gehen auf die Nerven.“ Tatsächlich wurde auf vielen Stationen sinnloses Zeug geredet. Dass dies gekürzt wurde, ist nicht schlecht. Aber wenn jemand eine spannende Geschichte erzählt, will niemand, dass derjenige damit aufhört. Jeder will wissen, wie die Geschichte weitergeht.

Was ist der Unterschied zwischen einem Schwätzer und jemandem, bei dem man nicht abschalten will?

Koschwitz: Ein guter Erzähler will einen Menschen wirklich erreichen. Es gibt leider viele Leute in der Branche, die glauben, dass eine Floskel im Radio schon ausreichend ist. Viele Leute spielen den Radiomoderator und sind es nicht.

Berlin haben Sie verlassen, um in Ihre alte Heimat zurückzukehren. Was hat Frankfurt, was die Hauptstadt nicht hat, außer einem funktionierenden Flughafen?

Koschwitz: Berlin hat etwas, was Frankfurt nicht hat: den Drang zur Wichtigkeit. In Frankfurt ist es vielleicht nicht so hip, aber es ist bodenständiger. Das ist erholsam.

Ihre Schul- und Studienzeit haben Sie in Marburg verbracht. Wie sehr können Sie die Menschen nördlich der Lahn verstehen, die sagen, der HR sei ein südhessischer Sender, den Nordhessen nicht interessiere?

Koschwitz: Da tut man den Kollegen unrecht, weil die Region sehr gut eingebunden ist in das Programm. Mein ältester Freund wohnt in Kassel. Ich kann gar nicht anders, als in diese Richtung zu schauen. Wenn im Radio allerdings Hessisch gesprochen wird, klingt das immer gleich wie Frankfurt. Das kann einem humorbefreiten Nordhessen sicher manchmal auf den Sack gehen.

Haben Sie noch Kontakt nach Marburg?

Koschwitz: Hin und wieder. Vor einigen Jahren war ich auf einem Klassentreffen. Das war lustig. Ich war auf der Waldorfschule, eigentlich das Schlimmste, was man als Schüler machen kann. Trotzdem bin ich sehr froh, dass ich dort hingegangen bin. Denn ich hatte großartige Lehrer.

„hr1-Koschwitz am Morgen“ läuft ab dem 13. August montags bis freitags ab 5 Uhr auf hr1.

Zur Person

Geboren: am 6. April 1956 in Heidelberg

Ausbildung: Studium der Germanistik, Politologie, Soziologie und Sprechwissenschaften in Marburg

Karriere: Beim HR moderierte Koschwitz Formate wie „Pop und Weck“ sowie „Kuschelrock“. Zudem war er Late-Night-Talker bei RTL und N 24.

Privates: Koschwitz hat zwei Kinder und lebt mit seiner zweiten Frau im Frankfurter Westend.

Lieblingsorte: Unter seinen Top drei in Hessen ist die Kasseler Messehalle, wo er „legendäre Silvesterfeiern absolvieren durfte“.

Internet: www.thomas-koschwitz.de

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