"Kanake": Aus dem Begriff für "Mensch" wurde eine Beleidigung

"Kanaken" und "Kartoffeln": So rassistisch sind die Begriffe wirklich

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Kann der Begriff Kartoffel rassistisch sein? Fußball-Nationalspieler Ilkay Gündogan bezeichnet so seine biodeutschen Mannschaftskollegen, er selbst nennt sich einen "Kanaken". 

Angeblich ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in "Kanaken" und "Kartoffeln" gespalten. Wir erklären, wo die Begriffe herkommen und wie rassistisch sie wirklich sind.

Drei Niederlagen der Fußball-Nationalmannschaft haben dazu geführt, dass Deutschland über "Kanaken" und "Kartoffeln" diskutiert sowie die Frage, wie rassistisch die Begriffe sind. Anlass ist ein Bericht des "Spiegel", in dem noch einmal das WM-Aus in Russland analysiert wird. Das Team, so das Nachrichtenmagazin, sei auch deshalb so schlecht gewesen, weil es in zwei Lager gespalten sei: die Spieler mit Migrationshintergrund um Mesut Özil und Ilkay Gündogan, die sich "Kanaken" nennen, und die "Biodeutschen", über die sich "die selbst ernannten Ausländer" lustig gemacht hätten, unter anderem mit dem Wort "Kartoffel".

Das wirft zwei Fragen auf. Erstens: Waren die "Spiegel"-Redakteure jemals in einem Sportverein oder auf einem Schulhof? Dort gibt es immer Grüppchen, und auch "Kartoffel" wird als "scherzhafte Selbstzuschreibung" regelmäßig verwendet. Zweitens: Sind die beiden Begriffe rassistisch? Antwort: Jein.

"Kanake" stammt aus dem Hawaiianischen, wo "Mensch" "kana" heißt. Im 19. Jahrhundert wurden so die melanesischen Eingeborenen in Neukaledonien im Südwestpazifik bezeichnet. Der ehemalige französische Fußballer Christian Karembeu, der von der Inselgruppe stammt und 1998 mit der Équipe Tricolore Weltmeister wurde, ist ein Kanake. Das wussten die gegnerischen Fans vermutlich nicht, die ihn in Stadien regelmäßig auspfiffen und als Kanake beschimpften.

Dieses Video stammt nicht von hna.de, sondern von Sat.1 und der Plattform Glomes.

Seit Mitte des vorigen Jahrhunderts ist der Begriff eindeutig negativ besetzt. Zuvor hatten laut Wikipedia deutsche Seemänner des späten 19. Jahrhunderts ihre zuverlässigen und treuen Kameraden in der Südsee "Kanakermann" genannt. Nur gibt es dafür keine Belege. Erwiesen ist hingegen, dass Briten zwangsverschleppte Arbeiter von den Pazifikinseln "Kanaka" nannten und Berliner Gauner wenig später niederträchtige Zeitgenossen als "Kanake" oder "Hanake" abwerteten. Mit den sogenannten Gastarbeiten, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland einwanderten, wurde "Kanake" zum Synonym für Menschen aus Südeuropa. Heute werden damit vor allem Türken und Menschen aus dem arabischen Raum von rechten Idioten gebrandmarkt. Das ist Rassismus pur.

"Kanak Sprak" und "Ruhrpottkanaken"

Dass vor allem junge männliche Migranten sich selbst so nennen, liegt am Schriftsteller Feridun Zaimoglu. 1995 veröffentlichte der in Deutschland aufgewachsene Sohn türkischer Eltern sein Buch "Kanak Sprak – 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft". Wie schwarze Rapper in den USA, die sich selbst "Nigger" nannten, drehte er den Spieß um und verwendete selbstbewusst das eigentlich abwertende "Kanake". Das machen übrigens auch Biodeutsche - etwa die Fußball-Fans von Schalke 04, die sich "Ruhrpottkanaken" nennen.

Eine andere Möglichkeit, sich gegen die Mehrheit zu wehren, unter deren Rassismus Menschen leiden müssen, die nicht deutsch aussehen, ist Ironie - zum Beispiel durch das Wort "Kartoffel". Weltmeisterin darin ist die "taz"-Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah, die in ihren Texten unter anderem fragt: "Welche Kartoffel bist du?" Es soll Deutsche ohne Migrationshintergrund geben, die sich dadurch verunglimpft fühlen. Komischerweise haben die aber nichts dagegen, von Österreichern als "Piefkes" bezeichnet zu werden.

Der Deutschen Lieblingsfleischbeilage ist eine satirische Zuschreibung von typischen Eigenschaften wie auch der Begriff "Alman", der im Türkischen "deutsch" meint und über dessen Verwendung schon länger diskutiert wird. Mittlerweile nehmen "Kanaken", die ja selbst Deutsche sind, ihre Landsleute auf den Arm, die besonders pünktlich, spießig, pflichtbewusst oder pingelig, also typisch deutsch sind. Ob das lustig ist, muss jeder selbst entscheiden. Rassistisch ist es in der Regel nicht, denn diskriminiert werden kann nur eine Minderheit durch eine Mehrheit. Darum kann die "Kartoffel" an Brennpunktschulen, wo es kaum Leons und Emmas, aber viele Ahmeds und Ayses gibt, zum heißen Problem werden.

Dass Deutschland nicht in seiner Nationalmannschaft, sondern in der Gesellschaft ein Problem hat, kann man unter anderem aus dem Tweet eines Fans herauslesen, der gerade an den deutsch-türkischen Ausnahmekicker Gündogan gerichtet war. Dort heißt es: "Na Du Arschloch Kartoffel-Kanake, wie fühlst Du heute als Arschloch KANAKE!"

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