David Ovalle berichtet über Hinrichtungen in Florida

Er sieht zu, wenn andere sterben

Etwas Fleisch, Weißbrot, Kartoffeln, Tomatensalat, geschnittene Möhren und Eistee: Das war das letzte Essen, das sich der Massenmörder John Errol Ferguson vor seiner Hinrichtung wünschte. Reporter David Ovalle vom Miami Herald twitterte das Menü aus Starke in Florida.

Dort, wo sich Floridas einziger Todestrakt befindet. Er war dabei, als Ferguson am 5. August um 18 Uhr hingerichtet wurde.

Ferguson (65) wurde wegen acht Morden in den Jahren 1977 und 1978 zum Tode verurteilt und saß 35 Jahre im Todestrakt. Nach Angaben der Ärzte litt der Mann schon vor seinen Taten an paranoider Schizophrenie. Seine letzten Worte: „Ich möchte, dass jeder weiß: Ich bin der Herrgott und ich werde wiederkommen.“ In Florida wurden seit der erneuten Einführung der Todesstrafe im Jahr 1976 77 Menschen hingerichtet. 404 sind zum Tode verurteilt. Wir sprachen mit dem Reporter.

Wie fühlt es sich an dabei zu sein, wenn ein Mensch hingerichtet wird?

David Ovalle: Es ist irgendwie nicht real, dort zu sitzen. Man hat eher das Gefühl, dass dort jemand schläft und nicht stirbt.

Wer saß mit Ihnen im Publikum? Wie kann man sich die Situation vorstellen?

David Ovalle

Ovalle: Es waren ungefähr 20 Menschen in dem Raum, unter anderem Anwälte und Familienangehörige der Opfer. Man muss sich das so vorstellen: Es gibt einen Raum, der durch eine Scheibe getrennt ist. Diese ist aber zur Seite der Person, die hingerichtet wird, blickdicht. Auf der anderen Seite gibt es drei Zuschauerreihen. Vorne sitzen die Familien der Opfer, Anwälte. Hinten Vertreter der zugelassenen Medien.

Wie hat Ferguson reagiert?

Der Autor, Max Holscher, 29, ist seit September 2011 HNA-Volontär und arbeitet derzeit als „Arthur F. Burns“-Stipendiat zwei Monate lang für den Miami Herald. Der gebürtige Witzenhäuser berichtet von dort auch für die HNA.

Ovalle: Das Ganze läuft sehr klinisch ab: Diejenigen, die hingerichtet werden, bekommen vorher ein Beruhigungsmittel. Als wir den Raum betreten haben, lag Ferguson schon auf der Liege, angeschlossenen an die Maschine, über die das Gift injiziert wird. Eine Person fragte Ferguson dann, ob er noch letzte Wort habe. Weil er so genuschelt hat, haben wir erst nach der Hinrichtung erfahren, was er gesagt hat. Dann wird irgendwo ein Knopf gedrückt und das Gift wird automatisch gespritzt.

Haben Sie andere Hinrichtungen miterlebt? Was waren da die letzten Worte?

Ovalle: Das war die zweite Hinrichtung, über die ich berichtet habe. Bei der ersten sagte Manuel Pardo, ein früherer Polizeibeamter, der 1986 neun Menschen getötet hatte: „Airborne für immer und ich liebe dich, Michi Baby.“ Das war der Spitzname seiner Tochter.

Wie reagieren die Menschen im Raum? Zum Beispiel die Verwandten der Opfer?

Ovalle: Unterschiedlich. Manche Verwandten der Opfer sind auf diese Hinrichtung seit Jahrzehnten fixiert, damit sie Ruhe finden können. Die Leute sitzen dann voller Anspannung im Publikum. Anderen ist es egal.

Was passierte nachdem das Gift gespritzt wurde?

Ovalle: Ein Arzt überprüfte, ob Ferguson gestorben war, schaute in die Augen, überprüfte die Atmung. Dann ist es wie im Theater. Ein Vorhang geht runter, das Publikum verlässt den Raum.

Wie gehen Sie damit um?

Ovalle: Ich versuche einfach professionell meinen Job zu machen. Seit elf Jahren arbeite ich als Reporter und berichte über Kriminalität. Ich habe schon viele schlimme Dinge gesehen. Da baut man irgendwann eine Mauer auf. Es würde einen sonst verrückt machen.

Halten Sie Hinrichtungen für sinnvoll?

Ovalle: Das ist schwer zu beantworten. Ich kann beide Seiten verstehen. Die Familien der Opfer, die Gerechtigkeit wollen. Ich kann aber auch die Gegner von Hinrichtungen verstehen.

David Ovalle ist 33 Jahre alt. Er wuchs in San Diego in Kalifornien auf. Seit elf Jahren arbeitet er als Reporter für den Miami Herald.

Von Max Holscher

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