Streuner sind ernsthaftes Problem für den Tierschutz

Rollende Tierklinik kastriert streunende Katzen in Hessen

Wiesbaden. Zehntausende Katzen hausen wild in Hessen. Damit sie sich nicht vermehren, bleibt nur die Kastration. Doch auch bei braven Hauskatzen soll der kleine Eingriff Pflicht werden.

Hessen folgt den anderen Bundesländern beim Vorgehen gegen wildlebende Katzen. Die Streuner, die zu Zehntausenden am Rand der Städte, in Parks und Wäldern leben, haben sich zu einem ernsthaften Problem für den Tierschutz entwickelt. Meist sind die Tiere krank und unterernährt, doch sie vermehren sich unentwegt. Als effektives und tierschutzfreundliches Mittel, um die Überpopulation zu verringern, gilt die Kastration.

Um die Zahl der Streuner zu verringern, arbeiten das Land und der ehrenamtliche Tierschutz zusammen. Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) ließ sich am Dienstag in Wiesbaden das neue Katzen-Kastrations-Mobil des hessischen Tierschutzverbandes vorführen. In der rollenden Tierklinik können wildlebende Katzen und Kater operiert werden, die örtliche Tierschutzvereine gefangen haben. "Es gibt so viele streunende Katzen, die sich immer weiter vermehren", sagte Hinz. "Die Kastration vor Ort kann viel Elend verhindern."

Hintergrund: Mehrere Hunderttausend streunende Katzen in Hessen 

Verwilderte Hauskatzen leben in Parks, Wäldern, auf Friedhöfen oder in alten Steinbrüchen in Hessen, doch ihre genaue Zahl kennt niemand. Auf 300.000 bis 400.000 schätzt Ralf Kurtze, Geschäftsführer des Landestierschutzverbandes, die Population. Andere Tierschützer operieren mit Faustzahlen: In Großstädten gebe es auf 100 Einwohner 0,8 bis 1,5 wilde Katzen, in ländlichen Gebieten seien es bis zu 2,5 Katzen. Im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis (110.000 Einwohner) wurden im Jahr 2010 mehr als 1000 Straßenkatzen gezählt. Der Deutsche Tierschutzbund schätzt die Zahl der Streuner auf etwa zwei Millionen deutschlandweit.

Anmerkung der Redaktion:  In einer früheren Version des Artikels, hieß es, es würden 30.000-40.000 verwilderte Katzen gebe. In Wirklichkeit schätzt Ralf Kurtze die Zahl auf 300.000-400.000.

Doch die Pläne des Landes gehen noch weiter: Auch den gepflegten Hauskatzen, den Lieblingen ihrer Halter, soll es an die Fortpflanzungsfähigkeit gehen. Die Population der wilden Katzen erneuert sich nämlich durch Hauskatzen, die unkontrolliert Freigang haben. Deshalb arbeitet das Land an einer Verordnung: Danach können Kommunen künftig die Halter von freilaufenden Katzen verpflichten, ihre Tiere registrieren und kastrieren zu lassen. Rechtliche Grundlage ist Paragraf 13b im Tierschutzgesetz des Bundes.

Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen haben bereits den rechtlichen Rahmen geschaffen, dass ihre Kommunen die Kastrationspflicht verhängen können. Andere Länder arbeiten daran. Nach einer Übersicht des Deutschen Tierschutzbundes gibt es bereits 250 solche Städte und Gemeinden bundesweit.

In Hessen ist Hessisch-Lichtenau im Werra-Meißner-Kreis Vorreiter. Dort wurde das Kastrationsgebot 2012 mit der Gefahrenabwehrverordnung begründet - eine rechtliche Konstruktion, die später von den Kommunalen Spitzenverbänden abgelehnt wurde. Man habe deshalb vor allem auf Kommunikation gesetzt mit den Katzenbesitzern, sagte Bettina Ludwig, Leiterin des Ordnungsamtes von Hessisch-Lichtenau, der dpa. Sie ist froh, wenn nun eine klare Rechtsgrundlage kommt.

Ministerin Hinz sagte, dass unter anderem Wiesbaden, Kassel und Darmstadt eine Katzensatzung einführen wollen. Zu der vom Land entworfenen Verordnung sollen sich die Kommunen bis zum Winter äußern. Dann wird das Kabinett sie endgültig verabschieden.

Das Katzen-Kastrations-Mobil soll nach mehreren Tests am kommenden Wochenende in Marburg seinen ersten großen Einsatz haben. "Wir hoffen, dass es insgesamt dazu beitragen kann, dass es deutlich weniger Nachwuchs gibt bei wildlebenden Katzen", sagte Hans-Jürgen Kost-Stenger, der Vorsitzende des Landestierschutzverbandes. Der umgebaute Kleinlastwagen hat etwa 25 000 Euro gekostet.

An Orten, wo streunende Katzen leben, bauen die Tierschützer nachts Fallen auf. Am nächsten Tag kommt Tierärztin Stefanie Bissbort mit dem Mobil, betäubt die Katzen und operiert sie. "Bei Katern geht es schnell", sagt sie. 15 bis 20 Minuten dauert die Kastration. Bei den weiblichen Tieren ist der Eingriff komplizierter. Einen Tag erholen sich die Vierpföter im abgedunkelten Käfig, dann werden sie am selben Ort wieder freigelassen. Die Operationen sollen aus Spenden finanziert werden. (lhe)

Rubriklistenbild: © dpa

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