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Warum man auf der Rolltreppe nicht auf einer Stelle stehen sollte

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Von: Vivian Werg

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Um vorbeigehenden Menschen Platz zu lassen, stehen viele Menschen auf der Rolltreppe rechts.
Um vorbeigehenden Menschen Platz zu lassen, stehen viele Menschen auf der Rolltreppe rechts. © Fabian Sommer/dpa

Ob auf der Rolltreppe oder im fließenden Straßenverkehr – für beides gibt es Verhaltensregeln, die Menschen als fair empfinden. Diese sind aber nicht effizient.

Kassel – Die erste moderne Rolltreppe wurde im Jahr 1900 auf der Pariser Weltausstellung vorgestellt. Zehn Jahre später war die Rolltreppe fester Bestandteil des Londoner U-Bahn-Systems. Und mit ihr kam die erste Rolltreppen-Etikette: Rechts stehen, links gehen. Diese bekannte Rolltreppen-Regel erlaubt es Menschen auf der rechten Seite zu entspannen und auf der linken Seite Platz für Eilige zu machen. Doch nun scheint der Rolltreppen-Knigge nicht mehr zeitgemäß zu sein. Denn bloß auf einer bestimmten Stelle zu stehen, kann problematisch sein.

Die U-Bahn Betreiber von Nanjing hatten in der Vergangenheit angekündigt, diese Verhaltensregel auf Rolltreppen abzuschaffen. Da die überwiegende Mehrheit der chinesischen Bevölkerung es vorziehe zu stehen, würden sich die Anlagen ungleichmäßig abnutzen. Wie die South China Morning Post berichtete, postete die Nanjing Metro auf ihrem Social-Media-Kanal, dass etwa 95 Prozent der Rolltreppen auf der rechten Seite stark beschädigt seien. Daher wird die Rolltreppen-Regel nicht mehr empfohlen. Wie die chinesische Zeitung weiter berichtete, sorgte diese Maßnahme für viel Kritik.

Rolltreppen-Regel soll abgeschafft werden – viele Versuche scheitern jedoch

In Großbritannien stieß der Versuch, die Regel abzuschaffen, auf gleichen Widerstand. Wie bei den chinesischen Kollegen, haben die Betreiber der Londoner U-Bahn festgestellt, dass mehr Menschen stehen als gehen. Der Plan der Briten, die rechts-stehen-und-links-gehen Regel aufzuheben, diente jedoch einem anderen Nutzen: die Erhöhung des Durchlaufs. Wenn man auf beiden Seiten einer Rolltreppe stehe, könne man die Gesamtkapazität um 30 Prozent erhöhen. Eine ähnliche Unternehmung in Japan 2014 wurde weitgehend ignoriert.

2007 hat die Toronto Transit Comission die Schilder mit der Aufschrift „stand-right, walk-left“ (rechts, stehen, links gehen) in der U-Bahn aus Gründen der Sicherheit entfernt. Auch hier gab es keinerlei Bemühungen, die alteingesessene Praxis zu beenden. Leute, die es immer noch eilig hatten, machten nach wie vor Gebrauch vom Linksdurchgang.

Reißverschlussverfahren: Warum diese Regel empfohlen wird, aber nicht funktioniert

Das Gegenstück zum Rolltreppendilemma, ist das Reißverschlussverfahren im Straßenverkehr. Wenn Baustellenschilder eine Fahrbahnsperrung ankündigen, muss der Verkehr zwangsläufig zusammengeführt werden. Eigentlich ganz einfach, in der Praxis sorgt das Reißverschlussverfahren dennoch ständig Ärger. Fahrer müssen sich gegenseitig einfädeln lassen und der Spurwechsel sollte erst unmittelbar vor der Engstelle erfolgen. Autofahrer, die bis zum Hindernis fahren, sind demnach keine Drängler, sondern verhalten sich richtig. Zu frühes Wechseln hingegen verursacht eher einen Stau. Doch viele Autofahrer wechseln frühzeitig, um vermeintliche Nachteile zu vermeiden und ihren Platz gegenüber den anderen Fahrern behalten zu können.

Eine Studie aus Minnesota hat ergeben, dass durch das Zusammenführen in der Nähe des Hindernisses der gesamte verfügbare Straßenraum ausgenutzt wird und dadurch unnötige Staus um bis zu 40 Prozent reduziert werden können. Dennoch herrscht vermehrt die Auffassung, dass die Fahrer, die sich spät einfädeln, einen Vorteil gegenüber denjenigen ziehen, die sich pflichtbewusst frühzeitig eingefädelt haben.

Rechts stehen, links gehen. Diese bekannte Rolltreppen-Regel erlaubt es Menschen auf der rechten Seite zu entspannen und auf der linken Seite Platz für Eilige zu machen. Doch nun scheint der Rolltreppen-Knigge falsch zu sein.
Seit jeher gilt die Rolltreppen-Regel: Rechts stehen, links gehen. © Arnulf Hettrich/ Imago

Um diese Reaktionen zu vermeiden, hatte die Alberta Motor Association (AMA) eine Kampagne gestartet, um das Reißverschlussverfahren zu fördern. „Es ist in Ordnung zu schummeln“ – die AMA ermutigt sogar dazu, lautete die Schlagzeile. Man hat uns immer gesagt, wir sollen uns anstellen und geduldig sein. Es erscheint unfair, zuzusehen, wie jemand an uns vorbeizieht, erklärt AMA-Vizepräsident Jeff Kasbrick.

Rolltreppenregel und Reißverschlussverfahren: Kann der Mensch sein Verhalten ändern?

Die Bemühungen, die Rolltreppenregel aufzuheben und das Verhalten von Autofahrern zu ändern, sind gescheitert – und obwohl beides darauf abzielt, die Effizienz zu verbessern. Der Grund dafür? Magazin MacLean´s zufolge verstoße es gegen das allgemeine Verständnis von Fairness.

Laut Brian Williston, Philosophieprofessor an der Wilfrid Laurier University in Waterloo, Ontario, ergebe sich die Vorstellungen von Fairness aus einer Ansammlung von Gewohnheiten und Werten, die je nach Gesellschaft oder Umständen stark variieren könne. Außerdem seien die Argumente, die Effizienz über die Wahrnehmung von Fairness oder Eigeninteresse zu stellen, für die meisten Menschen nicht einleuchtend. Abgesehen von Wirtschaftswissenschaftlern kümmere sich niemand wirklich um Effizienz, so der Philosophieprofessor weiter.

In seinem kürzlich erschienen Buch „The Fairness Instinct“, vertritt der Biologieprofessor Lixin Sun von der Central Washington University in Ellensburg die Auffassung, dass der Mensch mit einem natürlichen Sinn für Fairness geboren wird. Entscheidungen, die man in Bezug auf Fairness trifft, hinge eher mit den Gefühlen als mit sorgfältigen Überlegungen zusammen, so Sun. Es seien instinktive Reaktionen. Die Kehrseite dieses Instinkts sei, dass man diejenigen ablehnt, von denen man glaube, dass sie einen unfairen Vorteil haben. Trittbrettfahrer verletzen den Fürsorgeinstinkt und lösen Gefühle der Ungerechtigkeit aus, erklärt der Biologieprofessor weiter.

Warum empfinden wir es auf der Rolltreppe also fair, Menschen an uns vorbeizulassen, aber auf der Straße nicht? Laut Sun sei ein Gefühl der Vertrautheit notwendig, um unsere Fürsorgeinstinkte zu aktivieren. Auf einer Rolltreppe seien wir nah genug dran, um uns gegenseitig zu sehen und zu berühren. Auf der Straße jedoch sind wir in Metall und Glas eingeschlossen und weitgehend entfremdet. Je mehr Menschen sich gegenseitig erkennen können, desto wahrscheinlicher sei es, dass man sich umeinander kümmert, so Sun gegenüber dem Magazin Maclean´s.

Es ist also schwierig, die gewohnten Verhaltensmuster der Menschen zu ändern – insbesondere, wenn diese über Jahre als richtig und gerecht empfunden werden. (Vivian Werg)

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