HNA-Mitarbeiter Jürgen von Polier mittendrin

Rückblick auf den Freitag in Wacken - Endlich in Gummistiefeln

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Wacken. Unser HNA-Mitarbeiter Jürgen von Polier ist für uns auf dem Wacken Open Air unterwegs. Jeden Tag berichtet er von seinen Erlebnissen.

Mein dritter Tag in Wacken und das Wetter wird endlich etwas besser. Nachts hatte ich wieder Wasser im Zelt, wenigstens diesmal weniger als vorher. Dafür bin ich immer wieder aufgewacht, denn die Nächte sind kalt. Mein dünner Sommerschlafsack ist offensichtlich nicht auf sieben Grad Celsius ausgelegt und die Decken, die ich mitgenommen hatte, sind nass und bleiben es. Ich musste mir also wieder etwas einfallen lassen und holte deshalb aus dem Auto-Verbandskasten die Rettungsdecke, die ich mit Kreppband von innen an mein Zelt klebte. Plötzlich wurde es wärmer und ich konnte etwas schlafen. Zu meiner Standardausstattung gehören hier natürlich Gummistiefel.

Auf meiner ersten Erkundungstour am Donnerstag hatte ich noch Stiefeletten aus Leder getragen. Anfängerfehler. Bis zu den Waden bin ich in den Schlamm gesunken und habe trotzdem versucht, die wirklich matschigen Stellen irgendwie zu umgehen. Chancenlos. Bald darauf hatte ich eine Menge an Schlamm in den Schuhen, mit der ein mittelgroßer Beautysalon sicher etwas hätte anfangen können. Plötzlich wurde mir klar, wie sehr man im täglichen Leben eigentlich ausblendet, wie zufrieden man sein kann, immer passende Schuhe zu haben. Aus unternehmerischer Sicht wäre es ja eine phantastische Idee, hier Gummistiefel zu verkaufen, überlegte ich.

Mein Glück: Das dachten auch andere. Den Verkäufern wurden die Stiefel förmlich aus den Händen gerissen und meine Größe gab es schon nicht mehr. Nicht beim ersten und nicht beim zweiten Stand, den wir fanden. Schließlich fanden wir doch noch ein Paar. Die 25 Euro habe ich gerne bezahlt und war wohl noch nie so glücklich über ein Paar Gummistiefel.

Und so watete ich auch am Freitag mit meinen Zeltnachbarn durch das mittlerweile fast vertraut wirkende Gelände. Wer Wacken nicht kennt, mag sich das Festival als riesigen, manchmal mittelalterlich anmutenden Jahrmarkt ohne Fahrgeschäfte (aber dafür mit Musik) vorstellen, bei dem die Barden Starkstrom und einen Haufen Pyrotechnik zur Verfügung haben. Wo es an Ständen Szenekleidung, Essen und Getränke gibt. Und wo Zigaretten aus Bauchläden verkauft werden. "Ich würde jederzeit wieder hier arbeiten", sagt eine junge Frau mit langen blonden Haaren, die hier Tabak verkauft. Die Vermutung, dass sie in einer größtenteils von Männern dominierten Szene als junge Frau Schwierigkeiten haben könnte, will sie keinesfalls bestätigen. Auf anderen Festivals wären die Leute anstrengend und sogar übergriffig geworden. Hier sei ihr das aber noch nie passiert, im Gegenteil. "Die sind alle total nett und höflich", sagt sie.

Und das bei Metal? Einer auf den ersten Blick so derben Musikrichtung? Ja, bestätigt Thomas Fiedler, der seit 17 Jahren Rock- und Metalkonzerte fotografiert. "Die Metal-Gemeinde ist ein Volk für sich. Hier achtet jeder auf den anderen." Wacken sei nicht wie andere Festivals, bei denen sich viele Menschen oft selbst am nächsten stünden. "Hier sind wir eine Gruppe".

Auf der Suche nach dem Grund für diese Harmonie unter Metalfans stoße ich auf Fabian Schmidt. Er arbeitet auf der Veranstaltung als Seelsorger und kümmert sich um Menschen mit vielfältigen Problemen. Manche sind überfordert mit der Größe des Festivals, manche bringen Stress von Zuhause mit, andere sind mit ihrem Zelt abgesoffen, sagt er. "Im Zusammenspiel mit Alkohol löst das manchmal etwas in den Menschen aus". Viele Menschen würden sich auch beim Thema Liebe und Freundschaft beraten lassen, sagt er. "Wir dürfen nicht vergessen, dass dieses kleine Dorf hier zur Großstadt wird. Da passieren eben Dinge, die in großen Städten passieren". Dass die Metaller hilfsbereit miteinander umgehen, beobachtet auch er. "Es gibt einfach ungeschriebene Gesetze, die hier eingehalten werden". Vielleicht sei das so eine Art Metalkodex, überlegt er. "Ich habe zum Beispiel gesehen, wie eine Gruppe Männer einen Rollstuhlfahrer durch den Schlamm gezogen hat, weil er es alleine nicht geschafft hat. Man geht hier aufeinander ein."

Wacken 2015: Die Bilder vom Freitag

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