Ernährungstrends und Irrwege

Sarah Wiener: "Wir stopfen uns mit irgendwelchen Dingen voll"

Vorgegart, abgepackt und perfektioniert: Der Umsatz mit Fertiggerichten steigt – obwohl laut aktuellem Ernährungsreport viele Menschen eigentlich gern kochen. Foto: dpa

Fastfood, Hausmannskost oder Sterneküche: Die richtige Ernährung ist für viele ein wichtiges Thema, zeigt eine aktuelle Umfrage. Trotzdem wächst die schnelle Küche - warum ist das so?

Deutsche kochen gern, steht im Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Trotzdem steht weniger als die Hälfte der Befragten täglich am Herd, steigen die Umsätze von Fast-Food-Ketten, wird in Schulmensen und Kantinen gegessen. Über kochen, essen und genießen sprachen wir mit Köchin Sarah Wiener.

Im Ernährungsreport geben drei Viertel der Menschen an, dass sie gerne kochen. Trotzdem steigen die Umsätze von Fast-Food-Restaurants, stapeln sich Fertiggerichte in Kühltheken. Wie passt das zusammen?

Sarah Wiener: Ich glaube es sollte korrekt heißen: Wir würden total gern kochen, wenn wir Zeit hätten und wenn wir die Fähigkeit hätten. Ich glaube, vieles in diesem Report ist Wunschdenken - es wäre schön, wenn es so wäre. Aber leider ist es so nicht.

Liegt das vielleicht daran, dass sich das klassische Bild geändert hat: die Mutter, die Essen für die Kinder kocht, die aus der Schule kommen?

Wiener: Schon als ich klein war, gab es das nicht mehr. Wir haben einen Arbeitsalltag, der die Bedürfnisse des Menschen immer mehr abschafft. Der Mensch passt sich an die Maschinen an und nicht andersrum. Wir sind rund um die Uhr erreichbar, hetzen durch die Welt. Das hat sicher etwas damit zu tun. Aber die Werbung gaukelt uns auch vor, dass wir gar nicht mehr kochen müssen: Überall springen uns Nahrungsmittel an, die wahnsinnig gut, billig und gesund sein sollen.

Gehen wir heute anders mit Lebensmitteln um als früher?

Sarah Wiener.

Wiener: Es gibt immer mehr Einzelbedürfnisse, die es vor zehn Jahren nicht gab - glutenfrei, laktosefrei, free-off. Dadurch wird uns eingeredet, dass Ernährung hochkompliziert ist, ohne Industrie unmöglich ist. Das halte ich für gefährlich. Man sagt uns, dass wir so und so viele künstliche Vitamine oder Nahrungsergänzungsmittel brauchen, wir nehmen hochverarbeitete, sterilisierte, zentrifugierte Ersatznahrung zu uns. Das ist unnatürlich. Wir stopfen uns mit Dingen voll, die unsere Großeltern nicht mehr als essbar erkannt hätten und laufen gleichzeitig in die Apotheke, um unsere Nahrungsmittel künstlich zu ergänzen oder zu ersetzen.

Gibt es denn auch positive Entwicklungen?

Wiener: Ja, es gibt einen Hang zu mehr Ehrlichkeit in der Werbung. Es muss das drin sein, womit auf dem Etikett geworben wird, statt nur künstlichen Aromen. Das geht in die richtige Richtung. Aber im Grunde war es vorher so arg, dass es gar nicht schlimmer ging. Wir essen jetzt zwei Kilo Fleisch weniger als vor ein paar Jahren - aber der Fleischkonsum war auch gigantisch, mehr ging gar nicht. Es konnte nur weniger werden. Solche positiven Meldungen sind also auch ein bisschen Augenwischerei.

Aber es gibt einen Trend, der auch im Ernährungsreport zu sehen ist: Wir wollen wissen, was in unserer Nahrung ist. Mehr Fleisch aus artgemäßer Tierhaltung, mehr regional, mehr unverarbeitet, überhaupt ökologisch sinnvoll angebaute Lebensmittel. Das ist sehr erfreulich, denn vor 30 Jahren hat das noch niemanden gekümmert.

In Kantinen und Schulmensen wird ja inzwischen mehr bio und regionales Essen angeboten.

Wiener: Ja, allerdings ist der Trend klein. Es fehlt vor allen Dingen weiter an der Fähigkeit, kochen zu können. Das sollten wir unseren Kindern wieder beibringen - damit wir wieder Herr über unseren eigenen Körper werden und wissen, was wir essen. Wie wir essen, was wir essen, wo wir essen - da ist einiges aus dem Ruder gelaufen.

Zum Beispiel?

Wiener: Wir setzen uns nicht mehr hin und essen, sondern würgen im Stehen ein Fertigprodukt runter. Wir schmecken gar nicht mehr. Viele Kinder wachsen mit stark verarbeiteten Lebensmitteln auf, die uns einen Geschmack vorlügen. Wenn ich nur die Trockenhühnersuppe mit vier Prozent Hühnerfett, künstlichen Aromen und Schwebstoffen kenne, dann geht mir der Genuss einer selbst gemachten Hühnersuppe verloren.

Wie kann man das ändern?

Wiener: Im Prinzip müssen alle handeln. Ein Problem ist: Wir möchten wissen, was wir essen, können es aber nicht erfahren. Wir brauchen eine Deklaration, die für jeden verständlich ist - wie bei Eiern. Seitdem wir wissen wo Eier herkommen, sind Eier aus Käfighaltung im Handel abgeschafft, 10 Prozent sind Bio-Eier. Wenn wir genau wissen, wo ein Tier geboren, wie es geschlachtet wurde und wie es gelebt hat, dann würden sich viele Menschen für das kostbarere, artgerechtere Fleisch entscheiden.

Es gibt zurzeit aber zu viele verschiedene Etiketten, Labels und Verwirrungen. Da wird uns zu viel abverlangt. Es müsste eine klare, eindeutige Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel geben. Die Nachfrage ist da, aber die Politik kümmert sich nicht genug darum. Und die Nahrungsmittelindustrie hat kein Interesse an der Offenlegung ihrer Praktiken - siehe Pferdefleischskandal.

Zur Person

Sarah Wiener ist eine in Österreich aufgewachsene Köchin, Unternehmerin und Buchautorin. Geboren wurde sie im westfälischen Halle. Ihre Stiftung gründete mit der Gesundheitskasse Barmer die Initiative „Ich kann kochen!“, um Kindern das Kochen beizubringen. Wiener ist verheiratet, 53 Jahre alt und lebt in Berlin.

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