Sterbende Neugeborene

Sie schaffen Erinnerungen: Australiens Frühchen-Fotografen

Sydney. Ein Kind kommt tot oder sterbend zur Welt. Für Eltern gibt es nichts Schlimmeres. Manche haben nur Minuten mit ihrem kleinen Sohn oder ihrer Tochter. In Australien hilft eine Gruppe Fotografen liebevolle Erinnerungen zu schaffen.

Die Ärzte sagten Carly Duncan, dass ihr Kind tot auf die Welt kommen würde. Doch Lissa lebte 193 Minuten lang. Das gab ihren Eltern die Chance, Erinnerungsfotos ihrer Erstgeborenen zu schießen. „Wir haben fotografiert und fotografiert und fotografiert“, erinnert sich Duncan an die nun schon mehr als zehn Jahre zurückliegende Geburt. „Ich wollte einen professionellen Fotografen, aber wir hatten kein Geld. Wir waren 19 und 22.“

„Heartfelt“ (auf Deutsch: „Von Herzen“), eine Gruppe australischer Fotografen, hilft in solchen Notfällen. Sie sind auf Abruf bereit und machen professionelle Fotos von sterbenden Säuglingen oder schwer kranken Kindern. Geld verlangen sie dafür keines. Heartfelt-Chef Gavin Blue ist seit 2006 dabei. Seine Tochter Alexandra wurde tot geboren. Er war schockiert von den kalten, klinischen Fotos, die im Krankenhaus gemacht wurden. Diesen Anblick wollte er anderen ersparen.

Nathalie Himmelrich gebar Zwillinge. Doch als sie erfuhr, dass voraussichtlich nur ein Kind überleben werde, rief sie Heartfelt. Sie beschreibt die kurze Zeit, die sie mit ihrer Tochter hatte: „Sie kämpfte in der zweiten Nacht mit einer kollabierten Lunge und wir wussten, dass sie nicht bei uns bleiben würde, um an der Seite ihrer Schwester aufzuwachsen.“ Ein Foto der Mutter mit den Zwillingen ist für die Familie unersetzlich. Das Foto wurde von Casandra Anguita-Deep gemacht, erzählt Himmelrich. Sie fotografierte auch, als die lebenserhaltenden Maschinen ihrer Tochter abgeschaltet wurden. „Monate später fand ich heraus, dass es Casandras erster solcher Einsatz war. Und dass sie ein vier Monate altes Baby zu Hause hatte.“

Noch vor nicht allzu langer Zeit wurde trauernden Müttern wie Duncan oder Himmelrich geraten, die Erinnerungen einfach wegzudrücken. Das leblose Bündel wurde schnell weggebracht und in einem nicht gekennzeichneten Grab beigesetzt. Es gab keine Namen, Handabdrücke, keine Bilder, keine Erinnerungen. Ein verschwommenes Polaroid-Bild, war oft das Einzige, das die geschockte und trauernde Familie mitnehmen konnte.

Die Sozialarbeiterin Joanne Clark beschreibt in ihrer Doktorarbeit die gesellschaftliche Veränderung und wie man Eltern helfen kann, mit dem Verlust umzugehen. „So viele Menschen erzählen mir, wie wichtig Zurkenntnisnahme und Bestätigung sind. Es geht nicht so sehr um den Verlust einer Schwangerschaft, sondern den Tod eines Kindes, dessen Eltern sie waren.“ Die Fotos von Heartfelt helfen dabei. „Die Fotos sagen „Das war mein Kind, das ist mein Kind“. Die Eltern sehen das Kind immer noch als Teil ihrer Familie.“

Jeden Tag sterben in Australien neun Kinder unerwartet vor ihrem vierten Geburtstag. Die meisten toten Säuglinge bekommen nun Namen, und in Krankenhäusern gibt es Möglichkeiten, Bilder zu machen. „Wenn ich hingehe, versuche ich, so gut wie möglich vorbereitet zu sein, und so offen wie möglich“, sagt Heartfelt-Mitarbeiterin Alex Vaughan. Manche der Foto-Sitzungen dauern mehrere Stunden. „Es ist so schockierend. Da ist so viel Schmerz...Wenn es eine problemfreie Schwangerschaft war, und in der letzten Minute etwas passiert ist. Man trifft die Familie in einer sehr schwierigen Zeit.“

Manchmal werden die Fotos von Heartfelt weggesperrt, bei anderen Familien werden sie sofort zu den anderen Familienfotos an die Wand gehängt. Es habe 14 Monate gedauert, bis sie die Kraft hatten, das Fotoalbum zu öffnen, erzählt ein Paar.

Die von Vaughan gemachten Fotos ihres tot geborenen Sohns Leo gehören zu ihrem wertvollste Besitz, sagen Paul und Sian. „Sie erfassen all die Details, die man im Nebel der Trauer vergisst“, meint Paul. „Wie groß seine Hände waren, die Form der Ohren.“ Leo wurde zwei Tage vor dem eigentlichen Geburtstermin tot geboren, war also ein voll entwickelter kleiner Junge. „Für uns ist es ein schönes Bild von einem schlafenden Baby, das wir herzeigen konnten.“

Die Fotos dämpfen bei den Eltern die Erinnerungen an das Krankenhaus, an den furchtbaren Anruf. „Diese Fotos und die Details...du vergisst nicht, wie du die Hand deines Babys gehalten hast. Die Familie kann sich durch die Bilder erinnern. Daran, dass er moppelige kleine Arme hatte, und diese lustige kleine Ding an seinem Kinn - aus diesen Dingen kann eine Familie sehr viel Zuneigung schöpfen.“

Die Fotos - wer wie abgebildet wurde, wer im Bild ist und ob sie gezeigt werden - all das seien verschiedene Wege um mit dem Verlust fertig zu werden, erklärt Sozialarbeiterin Clark. Es gehe um die Bedeutung, die die Eltern dieser Schwangerschaft beimessen und den Platz, den sie in ihrem Leben einnehme. „Mit diesem Familienporträt - mit diesem Kind, dem toten Baby - es zeigt genau das, es ist eine Familie. Die Mitglieder sind im Bild.“

Paul hat Bilder von Leo auf seinem Handy. „Es bedeutet, dass ich mein Kind nicht nur in meinen Gedanken sehe. Ich kann - genau wie alle anderen frischgebackenen Eltern - auf mein Kind Bezug nehmen. In der Form von Bildern.“ Er und Sian wollten nie dass „Leo zu einem heiklen Thema wird. Etwas, das uns passiert ist“, sagt Paul. „Er ist unser Sohn. Er ist genauso Teil unserer Ehe und von uns und unserer Familie wie alle anderen, die an Weihnachten hier sind.“ (dpa)

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