Immer mehr Feuerwehren in der Region nutzen Sichtschutz

Schaulustige sind für Rettungskräfte ein Problem

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„Nicht gaffen, Mitglied werden“: Die Freiwillige Feuerwehr Bad Hersfeld muss regelmäßig zu Verkehrsunfällen und Lkw-Bränden ausrücken, wie hier im Februar auf der A7 bei Bad Hersfeld. Um die Opfer vor Schaulustigen abzuschirmen, halten sie neuerdings beschriftete Sichtschutzplanen hoch.

Kaum hat es gekracht, sind sie da: sensationsgierige Gaffer. Für Rettungskräfte werden sie zunehmend zum Problem. Das berichten auch Feuerwehr und Polizei aus unserer Region.

„Stau durch Gaffer“, „Schaulustige behindern Rettungskräfte” - solche Meldungen häufen sich. Spätestens der Fall im westfälischen Hagen, als Hunderte Schaulustige vergangene Woche Rettungskräfte daran hinderten, ein angefahrenes Mädchen zu retten und aus Sensationsgier keinen Platz machten, zeigt: Die Neugier bei Unfällen hat eine neue Dimension erreicht - auch in unserer Region.

„Seitdem es Smartphones gibt, artet die Neugier regelrecht aus“, schimpft Marco Wenderoth, Sprecher der Freiwilligen Feuerwehr in Bad Hersfeld, die auf den Autobahnen A4 und A7 regelmäßig zu Verkehrsunfällen und Lkw-Bränden ausrücken muss. „Für uns sind Gaffer ein echtes Problem“. Dass sich Menschen für Unfälle und Blaulicht interessieren, sei zwar normal. Oft erleben er und seine Kollegen bei Unfällen aber auch, dass sich sogar auf der Gegenfahrbahn Staus bilden, nur weil Menschen aus purer Sensationslust und Neugier ihr Auto abbremsen oder gar auf dem Seitenstreifen abstellen, um mit ihren Mobiltelefonen Fotos zu machen. „Dann halten sie gnadenlos drauf.“

Dass die Schaulustigen damit Rettungskräfte und oft auch sich selbst in Gefahr bringen, sei vielen Menschen nicht bewusst. Um Unfallopfer besser abzuschirmen, haben die Hersfelder Feuerwehrleute seit Oktober 2015 mobile Sichtschutzplanen bei Einsätzen dabei. Auf den Planen, die Rettungskräfte am Unfallort den vorbeifahrenden Autos entgegenhalten, steht: „Nicht gaffen, Mitglied werden“.

Vorreiter im Kampf gegen Schaulustige war Nordrhein-Westfalen. Bereits 2014 hat das Bundesland mobile Sichtschutzwände eingeführt, um Unfallopfern „ein Stück ihrer Würde zurückzugeben“, wie es NRW-Verkehrsminister Michael Groschek einmal ausdrückte.

Auch die niedersächsische Landesregierung hat sich jetzt mit dem Thema befasst. Wie berichtet, hat sie eine Bundesratsinitiative vorgestellt, die Schaulustige bestrafen und es Polizisten erlauben soll, Foto-Handys einzukassieren.

Die Göttinger Autobahnpolizei begrüßt den Vorstoß gegen übermäßige Neugier. „Von Gaffern geht vor allem auf Autobahnen ein großes Gefahrenpotenzial aus“, sagt Thomas Rath, Leiter der Polizeiinspektion Göttingen, der die Idee der Landesregierung „uneingeschränkt“ befürwortet. Er habe die Erfahrung gemacht, dass immer mehr Verkehrsunfälle auf Ablenkung zurückzuführen seien.

„Wer am Steuer Fotos von einem Unfall macht, kann sich nicht mehr auf den Verkehr konzentrieren“, sagt er. Gaffer würden auf Autobahnen meist abrupt die Geschwindigkeit verringern oder Schlangenlinien fahren und so Auffahrunfälle geradezu provozieren.

Hintergrund: Kein Straftatenbestand

Es gibt bislang keinen Paragrafen im Strafgesetzbuch, der Gaffen unter Strafe stellen würde. Wenn Einsatzkräfte bereits an einem Unglücksort eingetroffen sind, kann unwillkommenen Schaulustigen auch nicht unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen werden. Das vorsätzliche Behindern von Einsatzkräften kann aber unter Umständen als Nötigung verfolgt werden. Nach den Feuerwehrgesetzen der Bundesländer dürfen die Einsatzkräfte auch Platzverweise aussprechen. Grundsätzlich hat jeder Mensch das Recht am eigenen Bild. Deswegen kann es juristisch verfolgt werden, Aufnahmen von einem Unglücksort zu veröffentlichen, wenn Personen zu identifizieren sind.

Lesen Sie dazu auch:

- Kommentar zu den Gaffern in Hagen: Einfach nur sprachlos

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