Eine Schule kämpft um ihren Ruf

Internatstag an der Odenwaldschule: Nach Missbrauchs-Skandalen wird kaum gefragt

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Kommt nicht aus den Schlagzeilen: Die Odenwaldschule steht weiterhin in der Kritik.

Heppenheim. Die krisengeschüttelte Odenwaldschule bemüht sich um Normalität. Am Samstag hat sie Interessierte ungeachtet des neuen Missbrauchsverdachts zu einem „Internatstag“ empfangen – hinter verschlossenen Pforten. Medienvertreter sollten eigentlich draußen bleiben.

Ober-Hambach: In der Odenwaldschule, am Ende des schmalen Tals, das vom südhessischen Heppenheim (Bergstraße) hinaufführt, ist Internatstag. Eine Informationsveranstaltung der Schule, die nach Missbrauchsskandalen früherer Jahre nicht aus den Schlagzeilen kommt. Vor wenigen Wochen war dort ein pädophiler Lehrer aufgeflogen. Doch das soll am Samstag kaum Thema sein. Presse ist offensichtlich unerwünscht, die Pressesprecherin will einen ihr bekannten Journalisten abwimmeln. Erst als Eltern aufmerksam werden, kapituliert sie.

Die Anspannung im Vortragssaal ist mit Händen zu greifen, nicht etwa bei den rund zwei Dutzend Besuchern, sondern bei Schulleiter Siegfried Däschler-Seiler, der zunächst vergisst, sich vorzustellen. Unvermittelt erteilt er Elternbeiräten das Wort, die sich in Lobeshymnen ergehen. Lehrer sind nicht da, denn auch am Samstag ist in der Odenwaldschule Unterricht. Die Besucherzahlen hätten denen vorausgegangener Informationstage entsprochen, wird Gertrud Ohling von Haken, Sprecherin der Schule, später mitteilen.In dieser Schule, fasst ein Elternbeirat zusammen, „haben auch die eine Chance, die in der normalen Gesellschaft durchgerutscht wären“. Kinder, deren Begabungen andernorts nicht erkannt wurden, die nun dank individueller Förderung aufblühen. Eine Mutter schickt sich an, die Worte des Vorredners „noch zu toppen“. Beide vermuten wohl Skeptiker unter den Zuhörern.

Hintergrund

Reformprojekt seit 1910

Die Odenwaldschule, eine integrierte Gesamtschule mit Internat, wurde 1910 von dem Reformpädagogen Paul Geheeb gegründet als Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, die der Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen dienen sollte.

Bereits in den Neunzigerjahren wurden Missbrauchsfälle bekannt, 2010 erschütterten sie durch erneute Aufarbeitung die Öffentlichkeit. 132 Schüler sollen von 1965 bis 1989 Opfer von Übergriffen durch einen Schulleiter und Lehrer gewesen sein. Im April wurde bekannt, dass ein 2011 eingestellter und inzwischen entlassener Lehrer pädophil ist. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in dem Fall. Zurzeit besuchen 197 Schüler die Schule, rund zwei Drittel leben im Internat. (wet)

www.odenwaldschule.de

aktuellen Situation“, wie Däschler-Seiler die jüngsten Ereignisse bezeichnen wird. Es geht um das Schulkonzept der Odenwaldschule. Die Besucher sind daran durchaus interessiert. Der Unterrichtsaufbau, die handwerklichen Ausbildungsmöglichkeiten, der Umgang mit Alkohol- und Drogenkonsum, ärztliche Versorgung, Internetzugang und Handyempfang. Fragen, die Eltern eben normalerweise interessieren. Dass Verantwortung und soziale Kompetenz groß geschrieben werden, löst gefälliges Kopfnicken aus.

An der Odenwaldschule leben Lehrer mit den Internatsschülern familienähnlich zusammen, das wird seit den Missbrauchsfällen kritisiert. Man diskutiere darüber, auch auf Verlangen der Behörden, sagt die Internatsleiterin auf eine Nachfrage, „aber ergebnisoffen“.

Däschler-Seiler kommt dann selbst auf die „aktuelle Situation“ zu sprechen. Die Medien stürzten sich darauf, beklagt er. Dabei tue man alles, transparent zu agieren. Er spricht von einer „Grenzverletzung“ des entlassenen Lehrers. „Übergriffe“ seien noch nicht bewiesen.

Eine Besucherin, die sich als Pädagogin outet, „die das durchaus kritisch sieht“, echauffiert sich über das „gefundene Fressen für die Presse“. Es sei nur ein Einzelfall, deshalb müsse man nicht die Schule schließen, wie manche fordern. „Da könnte man gleich die katholische Kirche schließen“, schimpft sie. So was komme überall vor. Später führen zwei Schüler die Besucher herum, auch durch gerade nicht belegte, spartanisch anmutende Wohnräume. „Man kann auch noch eigene Sachen mitbringen“, erklärt einer. Am Familienkonzept wollten die Schüler nichts ändern, das hätten Umfragen ergeben. „Es wird darauf geachtet, dass die Betreuer die Kinder ihrer Gruppe nicht auch unterrichten.“

Die beiden gehen ganz offensichtlich gerne zur Odenwaldschule, machen neben der Oberstufe eine Lehre dort. Ein älterer Herr nickt anerkennend: „Da hat man schon mal was fürs Leben.“

Von Petra Wettlaufer-Pohl

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