Interview: Reproduktionsmediziner über Grenzen der künstlichen Befruchtung

Schwanger mit 65: „Das ist eine extreme Ausnahme“

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Die damals 55-jährige Annegret R. posiert mit ihrer Tochter Lelia am 03.11.2005 in ihrem Haus in Berlin-Spandau. Lelia ist das 13. Kind der Lehrerin und kam im Sommer 2005 auf die Welt. R. erwartet nun Vierlinge.

Schwanger mit 65 - eine Lehrerin, die Vierlinge austrägt, sorgt für Schlagzeilen. Ist das ein Trend, mit Hilfe der modernen Medizin Naturgesetze außer Kraft zu setzen?

Machbar wäre das, sagt der erfahrene Reproduktionsmediziner Bernd Hinney - aber hierzulande verboten.

In Berlin ist eine 65-jährige Frau nach einer künstlichen Befruchtung mit Vierlingen schwanger. Sie haben 25 Jahre lang an der Universitätsfrauenklinik Göttingen künstliche Befruchtungen vorgenommen. Hätten Sie den Eingriff bei der 65-Jährigen ausgeführt?

Prof. Dr. Dr. Bernd Hinney: Nein, ich hätte das nicht gemacht.

Was spricht dagegen? 

Hinney: Gesundheitliche und ethische Probleme. Es gibt eine natürliche Altersgrenze, um schwanger zu werden, und die liegt – hochgeschätzt – etwa bei 50 Jahren. Darüber sollte man keine Schwangerschaft mehr induzieren, weil die gesundheitlichen Risiken mit steigendem Alter massiv zunehmen. Außerdem ist eine Vierlingsschwangerschaft mit ganz besonderen Risiken für Mutter und Kinder verbunden. Bei einer 65-jährigen ist auch fraglich, wie lange die Kinder noch eine gesunde Mutter haben werden.

Wenn ein Mann mit 65 Jahren Vater wird, werden solche Überlegungen aber nicht laut. 

Hinney: Das ist richtig. Das ist in unserer Gesellschaft kein so sonderliches Problem. Angesichts der heutigen reproduktionsmedizinischen Möglichkeiten wird man diese ethische Frage aber neu diskutieren müssen.

Werden wir künftig öfter von Fällen wie der 65-Jährigen hören, weil einfach gemacht wird, was möglich ist? 

Hinney: In Deutschland gibt es relativ strenge Regeln, die das verhindern. Man kann den Frauen aber nicht verbieten, ins Ausland zu gehen. Und das werden sie tun: Wenn eine Frau das unbedingt will, wird sie immer irgendwo im Ausland jemanden finden, der die Behandlung ausführt.

Sind die Regeln in Deutschland nicht mehr zeitgemäß? 

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Diese 65-jährige Lehrerin erwartet Vierlinge

Hinney: Ganz im Gegenteil. Nach dem Embryonenschutzgesetz ist in Deutschland verboten, dass Eizellen auf andere Frauen übertragen werden. Bei einer künstlichen Befruchtung dürfen maximal drei Embryonen übertragen werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei uns auf diese Art Vierlinge entstehen, ist sehr gering. Die 65-Jährige ist eine extreme Ausnahme.

Künstliche Befruchtung ist auch ein Thema für ledige Frauen mit Kinderwunsch oder für homosexuelle Paare. Wie schätzen Sie das ein: Werden die medizintechnischen Möglichkeiten auch von diesen genutzt? 

Hinney: Ich denke ja, im Ausland gibt es alles. In Deutschland bleibt es den Reproduktionsmedizinern überlassen, wie sie damit umgehen. Sie sollen eine künstliche Befruchtung nur vornehmen, wenn eine gesicherte Partnerschaft besteht. Das kann aber jeder für sich auslegen. Im Vordergrund soll das Kindeswohl stehen.

Wenn es im Ausland alles gibt: Wo genau liegt dieses Ausland? 

Hinney: Spanien ist bekannt, Polen, Tschechien. Die 65-Jährige soll in der Ukraine behandelt worden sein. Also, es gibt genügend Länder, wo diese Behandlungen gemacht werden. Man kann auch in die USA reisen. Im Internet wird häufig damit geworben, dass in anderen Ländern Therapien vorgenommen werden, die in Deutschland verboten sind. Da werden oft Hoffnungen geweckt, was auch zu Enttäuschungen führen kann.

Erlaubt ist auch in Deutschland das neue „social freezing“, bei dem Eizellen junger Frauen eingefroren werden, um sie später zwecks Schwangerschaft wieder einzusetzen. Was halten Sie davon? 

Hinney: Social freezing verschiebt die Altersgrenze. Wenn sich eine Frau mit Ende 20 Eizellen entnehmen lässt, könnte man ihr diese eigenen Eizellen grundsätzlich mit 65 oder 70 wieder einsetzen. Es gibt aber eine von Medizinern selbst gesetzte Grenze, die etwa bei 50 Jahren liegt.

Technisch ist es heute möglich, die genetische Ausstattung eines Kindes zu beeinflussen. Ist das der Trend: Ein Kind wann und wie man es will? 

Hinney: Ausschließen möchte ich das nicht, machbar wäre das, und es ist auch schon gemacht worden. Ich bin aber froh, dass wir in Deutschland Regeln haben, die so etwas ausschließen.

Setzt der Mensch die Naturgesetze außer Kraft? 

Hinney: Man empfindet die Menopause schon als natürliche Grenze für eine Schwangerschaft. Ob man sich daran gewöhnen sollte, dass man bis ins hohe Alter schwanger werden kann – das muss jeder Mensch für sich selbst entscheiden.

Prof. Dr. Dr. Bernd Hinney (71) war bis 2010 Leiter der Arbeitsgruppe Reproduktionsmedizin an der Universitätsfrauenklinik Göttingen. Gebürtig aus Bielefeld, hat er erst Landwirtschaft, dann Medizin an der Uni Göttingen studiert. Hinney hat seit 1985 an der Uni-Klinik künstliche Befruchtungen durchgeführt. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

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