Keine Kraft mehr

Seit Einsatz im Irak gelähmt: US-Veteran will verhungern

Tomas Young

New York. Tomas Young ist seit seiner Dienstzeit im Irak gelähmt, Gewehrkugeln verletzten sein Rückenmark. Seitdem hat er ständige Schmerzen und will seinem Leben nun ein Ende setzen. Der 33-Jährige verweigert die künstliche Ernährung. Zuvor schreibt er an George W. Bush.

Tomas Young gibt den Kampf auf. Vor sechs Jahren noch, in den letzten Monaten der Bush-Administration, fuhr der kriegsversehrte Irak-Veteran kreuz und quer durch das Land und erzählte den Menschen seine Geschichte, die Geschichte eines in einem sinnlosen Krieg verpfuschten Lebens. „Ich wollte nach dem 11. September gegen die kämpfen, die uns das angetan haben“, sagte er dann seinem Publikum. „Stattdessen bin ich in ein Land geschickt worden, das nichts damit zu tun hatte.“

Doch in der Zwischenzeit ist Young die Kraft zum Kämpfen abhanden gekommen. Der 33-Jährige liegt in diesen Tagen nur noch in sich zusammengesunken in seinem Bett. Seine Augen sind müde, das Reden fällt ihm schwer, die Jahre der Dauerschmerzen und des Leidens haben ihn gezeichnet. „Ich kann nicht mehr“, sagte er in seiner letzten Videobotschaft in der vergangenen Woche der Welt mit schwerer Zunge.

Young will verhungern

Young hat sich entschlossen, aufzugeben. In dieser Woche wird er darum bitten, dass er nicht mehr künstlich ernährt wird. Sich selbst kann er nicht mehr umbringen, er kann seine Arme nicht mehr benutzen. Und er möchte nicht, dass seine Angehörigen sich strafbar machen. Deshalb wird Young in den nächsten Wochen verhungern.

Nach offiziellen Statistiken sind 33.000 Amerikaner schwer verwundet aus dem Irak zurück gekehrt. Nicht gezählt werden dabei die Zehntausende, die unheilbare psychische Schäden erlitten haben. Young ist in den vergangenen Jahren zu ihrem Gesicht geworden. Er ist das Opfer, das keine Ruhe geben will, sein Schicksal ist eine wandelnde Anklage an diejenigen, die leichtfertig diesen Krieg vom Zaun gebrochen haben. „Ich hoffe, dass Sie noch zu Lebzeiten für ihre Verbrechen vor Gericht gestellt werden“, sagt er.

Bush des Mordes bezichtigt

Young meldete sich eine Woche nach dem 11. September freiwillig zum Militär. 22 Jahre alt war er damals. Doch anstatt, wie erhofft, nach Afghanistan geschickt zu werden, landete er in Irak. Gerade einmal fünf Tage war er da, als ihm am 4. April 2004 eine Kugel das Rückenmark durchtrennte. Am liebsten wäre er schon damals auf der Stelle gestorben. Doch er fand sich nach Monaten in Militärkrankenhäusern mit seinem Schicksal ab. Noch in einer Klinik entschloss er sich, den Widerstand gegen Bush und gegen diesen Krieg zu seiner Lebensaufgabe zu machen. Er kontaktierte den unabhängigen Präsidentschaftskandidaten Ralph Nader, einen der erbittertsten Gegner des Irak Kriegs. Nader kam an sein Bett und brachte den preisgekrönten TV-Journalisten Phil Donahue mit, der eine Dokumentation über Young drehte.

Nach dem Film wurde Young in den ganzen USA als Redner eingeladen. Young nutzte die Plattform um unermüdlich die Bush-Regierung anzuklagen und gegen den Krieg zu protestieren. Doch sein Körper machte immer weniger mit, seine Gesundheit verfiel rapide. Wenn Young heute den Film sieht, wünscht er sich trotzdem, dass es ihm noch so gut ginge wie damals. Ein Blutgerinsel im Hirn hat ihm seitdem das Sprechen fast unmöglich gemacht. Seine Lunge ist mehrfach kollabiert, sein Darm musste amputiert werden. Er schafft es nicht mehr in den Rollstuhl. Die permanenten Schmerzen sind unerträglich geworden

Young hat genug, doch er hat nicht vor, still zu gehen. Nachdem er sich im März dazu entschlossen hatte, sein Leben zu beenden, schrieb Young einen offenen Brief an George Bush und Dick Cheney. „Ich schreibe diesen Brief, weil ich klar machen will“, steht darin, „dass ich sowie Hunderttausende anderer Veteranen und Millionen meiner Mitbürger genau weiß, wer Ihr seid und was Ihr getan habt. Vielleicht entgeht Ihr der Justiz aber in unseren Augen seit Ihr an unaussprechlichen Kriegsverbrechen, Plünderung, sowie dem Mord an Tausenden junger Amerikaner schuldig.“ (ce)

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