24 Stunden ohne Worte

Mund zu und durch: Wie ich für ein Experiment einen Tag lang schwieg

Schweigen to go: Im Selbstversuch schwieg unsere Autorin einen ganzen Tag lang: an der Arbeit, im Supermarkt, auf der Kirmes. Warum das unfassbar anstrengend ist – und gleichzeitig entspannend sein kann.

„Was ist das denn für eine komische Idee?“, meine Freundin guckt mich mit gerunzelter Stirn an. Sie ist sauer: Morgen werde ich nicht mit ihr sprechen. Sie verschränkt die Arme und sagt: „Du wirst einen ganzen Tag deines Lebens verlieren!“

Einen Tag lang werde ich schweigen. So wie die Karthäuser Mönche, die in der Stille Gott näher kommen. Zwar verzichten sie auch auf Massenmedien – was ich mir als Online-Redakteurin nicht leisten kann –, ansonsten stelle ich mir das aber ähnlich vor. Ich werde schweigen wie eine Nonne, wie eine Buddhistin auf der Suche nach der inneren Ruhe, wie ein Yogi, der dem Wesen des zeitlosen Seins näherkommt.

Warum sollte man schweigen?

Vak Mauna heißt es, wenn man sein Sprechorgan nicht benutzt. Kashta Mauna, wenn man jegliche Kommunikation einstellt. Das Ziel ist Maha Mauna: das Schweigen des Geistes. So weit wird es außerhalb von Tempeln, Klöstern und Schweigeseminaren für mich wohl nicht kommen – kommunizieren muss ich irgendwie. Ich muss zur Arbeit fahren, recherchieren, Artikel bearbeiten, und am Abend bin ich auf der Kirmes verabredet. Aber ich werde all das schweigend tun. Schweigen to go sozusagen. Vielleicht hat ja auch das eine entspannende Wirkung. Ich hoffe, dabei über den Dingen zu stehen. „Vielleicht kannst du dann endlich mal besser mit Stille umgehen“, überlegt meine Schwester. Und sie hat recht: Ich liebe lange, laute Gespräche. Schweigende Menschen, Stillstand und Ruhe kann ich schlecht aushalten. Vielleicht werde ich durch das Experiment etwas ruhiger, gelassener. Mund zu und durch. Ich werde mysteriös und schweigsam sein, denke ich, ungefähr so wie ein Cowboy.

Am nächsten Morgen vergleicht mich meine Kollegin mit Arielle. Genauso würde ich gucken – wie eine Zeichentrickfigur, die ohne Stimme versucht, einen Prinzen zu gewinnen. Nur in echt und ohne Prinz. Ich reiße die Augen auf. Die kleine Meerjungfrau, der Disneys Arielle nachempfunden ist, fehlt mit der Stimme auch die Seele. Hab ich jetzt ebenfalls keine Seele mehr? Und wie soll ich ohne Seele arbeiten? Um Seele und Stimme zurückzukriegen, braucht es einen Mann. Der Mann neben mir ist ein Kollege, er ruft: „Das ist albern, du kannst jetzt echt mal was sagen! Es gibt sogar Muslime, die manchmal Schweinefleisch essen!“ Ich schüttele den Kopf. Scheiß auf die Seele, ich werde jetzt Cowboy.

Den ganzen Tag kämpft unsere Autorin gegen viele kleine Wörter an: Am häufigsten möchte sie "Scheiße" und "Danke" sagen.

Das erste Wort wäre mir schon nach wenigen Sekunden des Schweigens beinahe herausgerutscht: Es ist 0.01 Uhr, ich sitze im Bett und fühle mich eingeengt – dabei will ich noch nicht mal etwas sagen. Ich höre eine Sprachnachricht ab und fast murmele ich „OK“. Psssst, denke ich. Keine Selbstgespräche mehr.

Am nächsten Morgen stecke ich mir Kopfhörer in die Ohren – nicht mitsingen! – und gehe laufen. Laufen geht. Ich schweige so still wie immer, vielleicht ein kleines bisschen stiller. Im Wald denke ich an die Erleuchtung, an das Hier und Jetzt, daran, mir näherzukommen. Ich versuche, auf mich selbst zuzujoggen – und jogge doch geradeaus. Im Wald bin ich sehr allein. Im Supermarkt nicht, hier bin ich sehr unhöflich. Nachträglich möchte ich „danke“ sagen an den Herrn, der mir die Tür aufgehalten hat, „gern geschehen“ an die Frau, der ich aus dem Weg gegangen bin, „Ihnen auch einen schönen Tag!“ an die liebe Kassiererin. 

Der Vormittag: Ich werde zum Pantomimen

Um 9.05 Uhr rutscht mir ein halbes Wort heraus. Ich bin allein, kleckere beim Frühstücken und rufe „schei…“. Scheiße! Die Stimme ist ein Pulverfass, ständig könnte sie hochgehen. Ich ahne, dass ich das Sprechen viel weniger unter Kontrolle habe, als ich dachte. Der Postbote klingelt – und ich fliehe durch den Hintereingang ins Freie. So schnell ich kann, radele ich zu meinen Kollegen. Die wissen Bescheid, bei ihnen bin ich sicher. Denke ich. „Dürfen wir dich provozieren?“, fragt eine Kollegin. „Rebekka ist böse auf uns, sie spricht nicht mehr“, ruft ein Kollege. „Das ist, als würde man mit einem Kleinkind kommunizieren. Kleinkinder antworten auch nur rudimentär“, fachsimpelt ein anderer. „Wie viel Uhr ist es eigentlich?“, fragt mein Chef.

Ich reiße die Augen auf, schüttele den Kopf, verziehe den Mund. Ich bin eine lebende Statue, denke ich. Ich könnte mich auf einen Sockel stellen und winken. Ich sollte Pantomime werden. Ein bisschen sehne ich mich zurück ins 18. Jahrhundert – schweigend schweife ich immer wieder ab. Damals hatten offizielle Pariser Theater ein Textverbot für Jahrmarkttheater durchgesetzt. Reden ist Macht, wer schweigt, wird übersehen – so dachte man. Ich denke an die kleinen Künstler, die ganze Theaterstücke pantomimisch spielten. An ihren Ruf: Sie galten als machtlos, ungebildet – und als cool. Underground eben. Und dann google ich Johann Jakob Engel: Er fand, reden sei manipulierend, Gestik und Mimik hingegen spiegele das Innere der Seele unverstellt wider. Ich mag Johann Jakob, ich will auch das Innere meiner Seele unverstellt widerspiegeln. Ich will Underground sein.

Mittagspause ohne ein Wort: Unsere Autorin Rebekka Knoll schweigt auch beim Bäcker.

Meine Kollegin erzählt von einem Junggesellenabschied, die Frage „Wo habt ihr gefeiert?“ brennt mir auf dem Inneren meiner Seele, pantomimisch spiegele ich sie mit zwei laufenden Fingern und zuckenden Schultern wider – und mein Gegenüber runzelt die Stirn, verschränkt die Arme. „Ääh?“, fragt sie. „Du willst schon gehen?“

Der Mittag: Für diese Worte breche ich mein Gelübde

Vielleicht muss ich noch etwas üben. Pantomime – und Schweigen. Das erste vollständige Wort rutscht mir um 11.47 Uhr heraus: Mein Kollege ruft „Rebekka!“, ich wirbele herum und sage reflexartig: „Ja?“ Das zweite Wort folgt um 13.40 Uhr. Meine Kollegin sagt: „Ich drehe eine zweite Einstellung“ und ich antworte: „Cool.“ Ernsthaft? „Schei(ße)“, „ja“ und „cool“? Von allen Wörtern auf der Welt suche ich mir gerade diese drei aus, um mein Schweigegelübde zu brechen? Entschuldbar wären vielleicht „Hilfe“, „Achtung“ oder „Notfall“ gewesen. Etwas schöner noch „Ich“, „wurde“, „erleuchtet“. Doch ich war es nicht, die sich diese Wörter ausgesucht hat, es war ein Reflex in mir. Wer auf Fleisch oder Zucker verzichtet, braucht nur standhaft zu bleiben. Wer schweigt, muss kämpfen, jede Sekunde. Am stärksten rebellieren die Wörter „Danke“ und „Scheiße“. Ich will ständig fluchen, ich will mich ständig bedanken. Stattdessen schlucke ich die Worte runter. Der Rest ist Schweigen. Jetzt aber wirklich.

Meine Freundin schickt mir eine Sprachnachricht bei WhatsApp: Sie hat Angst um mich, weil ich am Abend auf die Kirmes gehe. „Wenn du da jemanden anrempelst und dich nicht entschuldigst, kriegst du aufs Maul“, sagt sie. Ich nicke – wahrscheinlich hat sie recht. Ich hab Kopfweh. Bestimmt eine Nebenwirkung des Schweigens. Ich stelle mir vor, wie sich all die ungesagten Wörter zwischen meinen Ohren stapeln, wie es immer mehr werden, den gesamten Kopf ausfüllen. Klar, dass das wehtut.

Der Abend: Bier trinken geht auch stumm

Auf der Kirmes ist es laut. Wie viele Stimmen die Menschen haben. Wie viele Wörter sie benutzen! Ich treffe meine Kollegin, sie stellt mir ihren Freund vor und schweigend schüttele ich seine Hand. Auch die netten Frauen, die uns auf ihre Bank lassen, schweige ich an. Auf einen Zettel schreibe ich „R“, streiche es durch, „R“, streiche es durch, endlich: „PROST!“ – alle heben die Gläser.

Kommunizieren mit Zetteln: Für ein Kirmesgespräch ist der Stift etwas zu langsam.

Der Freund meiner Kollegin überlegt laut, ob Reden eigentlich zum essentiellen Sein gehört. Ob man überhaupt noch richtig ist, wenn man nicht spricht. „Man müsste dein Gehirn verkabeln, um herauszufinden, ob du überhaupt noch normal denkst“, sagt er und schaut schmunzelnd auf meinen Zettel voller missglückter Prost-Versuche.

Ich lache, gleichzeitig kratzt mein Hals. Vielleicht hängen da noch ein paar „abers“, „obwohls“ und „trotzdems“ fest. Nicht sofort widersprechen zu können, die eigene Meinung zurückzuhalten, Missverständnisse stehen lassen zu müssen, ist seltsam. Aber irgendwie auch entspannend. Was solls?, denke ich und lehne mich zurück. Die anderen reden über ein Experiment von König Friedrich II. im 18. Jahrhundert: Er ließ Kinder ohne Ansprache und Zuneigung aufwachsen, um herauszufinden, welche Sprache sie dann sprechen. Alle starben. Und dann reden sie über Kaspar Hauser, der im 19. Jahrhundert scheinbar allein in einem dunklen Raum aufgewachsen ist – und überlebte.

Schweigen ist auch eine Form der Kommunikation

Wer schweigt, lässt auch mal Themen verstreichen – Stift und Zettel sind nicht schnell genug für ein Kirmesgespräch. Immer wieder behalte ich Überlegungen für mich, spinne sie allein weiter. Das ist nicht unbedingt besser als laut zu denken, aber es ist interessant. Es entschleunigt – auch zwischen Biergläsern und Bratwürsten. 

Auf dem Weg zu den Süßkartoffelpommes habe ich Angst, angesprochen zu werden, "aufs Maul zu kriegen", wie meine Freundin sagen würde. Doch die Menschen scheinen zu spüren, dass ich heute nicht so richtig dazugehöre. Schweigen ist eine Form der nonverbalen Kommunikation, sagt unter anderem Unternehmensberater Manfred Piwinger. Der Schweigende sende Informationen aus: Aufmerksamkeit, Einverständnis, Zuneigung etwa oder Unsicherheit, Angst, Missfallen. Und tatsächlich: Die Menschen scheinen mein Schweigen zu verstehen. Sie lassen mich in Ruhe. Sogar der Polizeibeamte, der auf dem Rückweg mein kaputtes Fahrradlicht bemerkt, schweigt und lässt mich weiterfahren. Im Dunkeln radele ich, ohne ein Licht, ohne ein Wort, nach Hause. Ein stummer, mysteriöser Cowboy.

Ich liege im Bett und das Gesicht tut mir weh. Ich hab es heute zu oft verzogen. Ich schaue auf die Uhr. Noch drei Minuten – dann kann ich endlich wieder sprechen. Am meisten freue ich mich auf meine Selbstgespräche und darauf, belangloses Zeug zu reden. Kriegt man vom Gesichtverziehen eigentlich weniger Falten oder mehr? Das war ein hübsches Top, Verena, schöne Frisur, Sina. Es war 14.54 Uhr, Jan. Was ich alles sagen werde! Bitte, danke, gern geschehen! Und dieses Wetter! Ich werde Small Talk zelebrieren. Wie kalt es ist. Aber auch sonnig. Und der Wind! Und wie geht es dir? Es muss. Was muss, das muss. Wie schön Phrasen sind, Wörter, Scherze, wie schön es ist, einfach sprechen zu können.

Rubriklistenbild: © Knoll

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