Das Shift 6m soll "nachhaltig, fair und high-end" sein

Dieses Smartphone aus Nordhessen könnte Ihr Lieblings-Handy werden

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Entwickeln Smartphones in Nordhessen: Samuel (links, 39) und Carsten Waldeck (47) aus dem Waberner Ortsteil Falkenberg.

Carsten und Samuel Waldeck aus Wabern haben mit ihrer Firma Shift ein Smartphone entwickelt, das cool und fair sein soll. Wir haben das Shift 6m getestet und sind begeistert - bis auf eine Sache.

Beim Versuch, als Smartphone-Besitzer ein besserer Konsument zu werden, bin ich jahrelang gescheitert. Immer wieder sagte ich mir, es ist doch ziemlich bescheuert, ein Handy zu haben, für das Kinder geschuftet haben, mit dessen Rohstoffen Bürgerkriege finanziert werden und das man nach spätestens drei Jahren wegschmeißt, weil der nicht wechselbare Akku hinüber ist.

Ich überlegte, mir ein Fairphone zu kaufen, ein politisch korrektes Handy aus den Niederlanden. Aber die Kamera war nicht annähernd so gut wie beim Samsung Galaxy und das Display nicht so scharf wie beim iPhone. Also kaufte ich weiter die coolen Geräte. An jeder WhatsApp-Nachricht, die ich verschickte, klebte Blut. Dann fuhr ich in den Waberner Ortsteil Falkenberg.

Dort wohnen die Brüder Carsten und Samuel Waldeck. Mit ihrer Firma Shift haben sie in ihrem Heimatdorf ein Handy entwickelt, das "nachhaltig, fair und high-end" sein soll. Das Versprechen ihrer Shiftphones lautet: Wir nutzen unsere Arbeiter nicht aus, wir achten auf den Umweltschutz, alle Teile sind austauschbar. Gerade ist das Shift 6m erschienen, ein 555 Euro teures Gerät, das so gut sein soll wie das iPhone von Apple. Wir haben es getestet und erzählen die ungewöhnliche Geschichte der Brüder Waldeck.

Die Brüder

Auch Samuel Waldeck war früher begeistert von den Dingen, die sein iPhone kann. Der 39-Jährige, der in Köln Mediengestaltung studiert hat, wusste aber, was bei der Produktion der Alleskönner alles schief läuft. "Lass es uns doch anders machen", sagte er sich mit seinem Bruder.

Mit ihrem Vater Rolf hatten sie bereits Reinigungstücher für Laptop-Bildschirme entwickelt. Auch einen mobilen Kamerakran ließen sie in Fernost bauen. Als Carsten, ein Kommunikationsdesigner, der in Darmstadt studiert und unter anderem beim Fraunhofer-Institut gearbeitet hat, vor vier Jahren nach China reiste, um jemanden zu finden, der für sie einen Tablet-Rechner produzierte, hielten sie ihn dort für verrückt.

Ein Unternehmer sprang ab, weil es lediglich um 1000 Geräte ging. Carsten Waldeck hatte nur vier Tage bis zu seinem Rückflug, um einen Ersatzpartner zu finden. Mit einem chinesischen Bekannten lief er per Zufall jemandem über den Weg, der mit ihnen zu Zulieferen fuhr. Irgendwann wurden sie fündig. Das Geld sammelten sie über Crowdfunding. Ansonsten wäre die Revolution schon vorbei gewesen, bevor sie begonnen hätte.

Firmen-Gründer Carsten Waldeck (hinten links) mit den chinesischen Mitarbeitern in der Produktionsstätte in Hangzhou.

Die Produktion

Heute beschäftigt die Firma Shift in der Neun-Millionen-Metropole Hangzhou 180 km südwestlich von Schanghai eine eigene Produktionsstätte. Die zehn Mitarbeiter verdienen umgerechnet 1000 Euro im Monat, viermal mehr als in anderen Smartphone-Fabriken. Sie sind renten- und krankenversichert und haben sonntags frei. Alles keine Selbstverständlichkeiten in der größten Volkswirtschaft der Welt.

Ohne China ist die Produktion von Smartphones praktisch unmöglich, sagen die Waldecks. Die Lieferkette ist lang und komplex. Es ist auch nicht so, dass alle Rohstoffe für ein Shiftphone nur aus fairen Minen stammen. Anders als bei Bio-Eiern gibt es für Smartphones noch kein Gütesiegel. Immerhin ersetzen die Nordhessen das Konfliktmaterial Coltan aus dem Kongo durch Keramik.

Zudem verkaufen die Waldecks "nicht nur ein Produkt, sondern auch eine Dienstleistung". Bislang hat Shift 20.000 Geräte aus seiner Produktpalette verkauft - und zwar ohne Werbung, nur über Mund-zu-Mund-Propaganda. Kunden, die ein Problem haben, und die Hotline anrufen, landen nicht in einem Callcenter in Rumänien, sondern in Falkenberg, wo elf Mitarbeiter beschäftigt sind, auch einige Flüchtlinge. Im 760-Einwohner-Dorf sorgen sie dafür, dass alles recycelt wird, wenn ein Gerät zurückgegeben wird. Auch deshalb bezahlt man für ein neues Shift 22 Euro Umweltpfand.

"Bei uns wird kein Teil weggeschmissen", verspricht Samuel Waldeck, der in Falkenberg aufgewachsen ist und es dort lebenswerter findet als in Berlin: "Ich mag den Ort, die Natur und Initiativen wie das Musikschutzgebiet-Festival", das jeden August in der Nähe stattfindet. Wenn Kunden anrufen, sind sie oft erstaunt: "Eine Smartphone-Firma auf dem Dorf mitten in der Provinz - geht das denn?" Ja, es geht. Allerdings nur, weil die Waldecks bescheiden sind. Trotz eines geschätzten Jahresumsatzes von zwei Millionen Euro bezahlen sich die Brüder nur ein normales Gehalt, wie sie sagen.

Der Inhalt dieses Videos stammt nicht von hna.de, sondern von Pro Sieben.

Das Shift 6m

Dass das neue Shift 6m das etwas andere Smartphone ist, merke ich schon, bevor ich es eingeschaltet habe. Die Verpackung kommt ohne Plastik aus. Es gibt auch kein Netzteil zum Aufladen. Von denen hat jeder ohnehin noch genügend in der Schublade. Neben dem Ladekabel gibt es Kopfhörer sowie einen Schraubenzieher. Alle Teile sind auswechselbar. Tutorial-Videos im Netz bieten dabei Hilfe.

Anders als die Konkurrenten ist jedes Shiftphone bereits durch eine schicke Kunststoff-Hülle sowie eine Panzerglas-Abdeckung für den Bildschirm geschützt. Das große 5,7-Zoll-Display überzeugt in Full-HD-Qualität. Selbst ganze Staffeln von Netflix-Serien sind hierauf ein Genuss. Das Shift-Betriebssystem basiert auf der neuesten Android-Version 8 und ist intuitiv zu bedienen. "Es ist viel flexibler als iOS", sagt der einstige Apple-Fan Samuel Waldeck.

Der 2,6 Ghz schnelle Helio-Prozessor lässt selbst aufwendige Anwendungen ruckelfrei laufen. Der 64 Gigabyte große interne Speicher ist mit einer externen Karte auf 256 Gigabyte erweiterbar. Das ist ebenso ein Pluspunkt wie der Akku, der mit 4200 Milli-Ampere-Stunden (mAh) sehr leistungsstark ist. Während mein Samsung Galaxy nach einem normalen Arbeitstag an den Strom muss, zeigt das Shift noch 60 Prozent an. Zudem kann man immer einen Ersatzakku einwechseln.

Über Kopfhörer bietet das 6m einen satten Sound. Der Fingerabdrucksensor auf der Rückseite funktioniert einwandfrei. Dass der Ein- und Ausschalter sowie die Taste für die Lautsträrkeregler an der rechten Seite etwas eng beieinanderliegen, ist nur ein kleiner Schönheitsfehler. Ist das Shift 6m also mein neues "#Lovephone", als das es auf der Firmen-Webseite angeboten wird?

Wahrscheinlich würde ich dieses Smartphone sogar heiraten und ihm für immer treu bleiben, wenn nicht die 21-Megapixel-Kamera wäre, die durch eine 13-Megapixel-Selfie-Kamera ergänzt wird. Die Bilder, die man mit ihr macht, sind okay, aber die Farben und Kontraste nicht so überzeugend wie bei meinem Galaxy, das in der Praxis mein einziger Fotoapparat ist. Wahrscheinlich bin ich doch noch nicht bereit für ein politisch korrektes Handy.

Auf der Rückseite prangt übrigens eine Warnung wie auf Zigarettenpackungen. "Smartphones können Zeitfresser sein", heißt es da. Und: "Menschen sind wichtiger als Maschinen." Samuel Waldeck übersetzt den Hinweis so: "Du bist kein besserer Mensch, wenn du ein Shift hast." Aber die Welt wäre besser, wenn es mehr Shiftphones gäbe.

Zusammenfassung

Plus: Das 6m sieht trotz seiner Größe schick aus. Das Display überzeugt ebenso wie der schnelle Prozessor. Der austauschbare Akku ist eine Wucht.

Minus: Die Kamera kann es nicht mit iPhone und Samsung Galaxy aufnehmen.

Fazit: Wer nicht unbedingt das beste Foto-Handy haben will, für den ist das Shift 6m erste Wahl.

Preis: 555 Euro. Zu bestellen über die Webseite www.shiftphones.com

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