Die Kolumne Mädchentexte zum Weltfrauentag

„Sie lügen!“ - Wenn Frauen bei Vorstellungsgesprächen ausgelacht werden

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Frauen wird immer wieder geraten, in Vorstellungsgesprächen selbstbewusster aufzutreten. Doch mit einem Rat ausschließlich an Bewerberinnen ist es nicht getan.

Sie mache das klasse und habe ein schönes Auftreten, aber ihre Gehaltsvorstellungen seien völlig überzogen. Zum internationalen Weltfrauentag wirft unsere Kolumnistin einen Blick auf sexistische Vorstellungsgespräche. 

Aktualisiert am 8. März 2018- Eine meiner besten Freundinnen ist Wirtschaftsjuristin mit fertig gestellter Dissertation. Während ihrer Promotion musste sie sich mit Wutbürgern auseinandersetzen, Tagungen organisieren und 200 Seiten Doktorarbeit schreiben. Die größte Herausforderung war allerdings die Jobsuche nach der Promotion. Genauer gesagt: Die Chefs, die ihr bei den Vorstellungsgesprächen gegenüber saßen. Meistens waren es Männer. Manchmal waren Frauen als Personalreferentinnen anwesend und sprangen ihr bei, oft musste sie sich dennoch ins Wort fallen lassen oder Gelächter über ihre Gehaltsvorstellungen anhören. Von einigen Situationen hat sie mir erzählt. Hier die Top drei:

  1. „Ganz, ganz tolle Antwort!“ In einem Vorstellungsgespräch waren zwei Herren anwesend: Einer starrte sie an, der andere fiel ihr immer wieder ins Wort. „Ganz, ganz tolle Antwort“, sagte er, oder: „Klasse, wie Sie das alles machen, sie haben so ein tolles Auftreten.“ Beworben hatte sie sich als Juristin, ihr Abschluss war höher als der ihrer Gesprächspartner. Doch als meine Freundin ihre Gehaltsvorstellung angab, hieß es: „Sie sind noch so jung und unerfahren. Sicher wissen Sie es nicht besser, aber das ist viel zu viel.“ Das angebotene Jahresgehalt blieb 12.000 Euro unter den Vorstellungen der Bewerberin – und damit auch unter dem branchenüblichen Gehalt.
  2. „Haben Sie einen Freund?“ Bei fast jedem Gespräch wurde sie mehr oder weniger direkt nach ihren Familienverhältnissen gefragt. Am Anfang hat sie noch offen geantwortet: Sie habe einen Freund, die beiden seien gerade zusammengezogen. Erst danach begriff sie, was diese Frage wirklich sollte: Sie ersetzte die unzulässige Frage nach dem Kinderwunsch. Meine Freundin will aktuell keine Kinder, aber auch das traute sie sich nicht zu sagen – aus Angst, sie stünde dann, wie sie sagt, „als karrieregeile Emanze“ da. Sie versuchte also, die Frage zu umgehen, und gab nur noch zu, einen Freund zu haben, wenn sie andernfalls hätte lügen müssen.
  3. „Sie lügen!“ Als sie in einem der Gespräche nach ihren Gehaltsvorstellungen gefragt wurde, nannte sie ihr aktuelles Gehalt an der Universität. „Verschlechtern möchte ich mich nicht“, sagte sie. Die Reaktion des Chefs: schallendes Gelächter. Dieses Gehalt habe sie auf keinen Fall verdient, das sei einfach nicht wahr. „Sie können es gern googeln“, schlug meine Freundin vor – was der Herr dann auch vor ihren Augen tat. Google gab meiner Freundin recht. Außerdem sprang ihr die Personalreferentin bei: Dieses Gehalt stimme sogar mit denen des Unternehmens überein. Ein Arbeitsverhältnis kam aus verschiedenen Gründen dennoch nicht zustande.

Im Internet kursieren zahlreiche Artikel, die Frauen Tipps für Vorstellungsgespräche geben: Frauen sollten sicherer auftreten, ihre Kompetenzen selbstbewusster darstellen, ihre Gehaltsvorstellungen nicht zu niedrig angeben. Immer wieder heißt es, Bewerberinnen würden sich unterschätzen. 2003 wurde bei einer  Selbstbeurteilungs-Biases an der Freien Universität Berlin im Rahmen einer simulierten Bewerbungssituation festgestellt, dass die teilnehmenden Frauen ihre Leistungen durchweg unterschätzten, während Männer sie eher überschätzten. Diese Studie ist mittlerweile einige Jahre her, bis heute wird Frauen aber immer wieder geraten, selbstbewusster aufzutreten. Der Blog Business-Ladys rät seinen Leserinnen sogar, sich auf „bekloppte“, private und verbotene Fragen einzustellen und sie selbstsicher zu beantworten. Diese Tipps sind sicherlich hilfreich – sie scheinen aber auch den Frauen die Schuld zuzuschieben, sobald sie einen Job nicht bekommen: Dann waren sie wohl zu unsicher, zu kleinlaut, dann haben sie sich wohl zu schnell einschüchtern lassen, dann sollten sie sich besser mal ein Beispiel an den männlichen Bewerbern nehmen.

Dabei sind Bewerberinnen nicht die einzigen, die an sich arbeiten müssen. Auch bei den Unternehmen sollte sich was tun: Schließlich  werden, wie es beispielsweise das Fachportal Online-Marketing.de beschreibt, vor allem Frauen nach ihren Lebenspartnern, nach Kinderwünschen oder Schwangerschaften gefragt, die Vereinbarung von Beruf und Familie wird weiblichen Mitarbeitern abverlangt, nicht den männlichen. Zudem scheint ein selbstbewusster Auftritt nicht immer zum Ziel zu führen: Meine selbstbewusste Freundin wurde immer wieder ausgebremst. Man hat sie unterbrochen und wie ein Kind dafür gelobt „das alles ganz klasse zu machen.“ Ihre Kompetenz wurde heruntergespielt.

Frauen unterschätzen sich nicht nur häufig, sie werden auch oft unterschätzt: Sogar hinsichtlich der Gefahren, die von ihnen ausgehen könnten: Beispielsweise wurden bei den NSU-Ermittlungen Frauen als rechtsextreme Verdächtige zunächst ausgeschlossen. Viel später stellte sich heraus, dass dadurch auch eine wichtige Helferin des NSU durchs Raster gefallen war. Sogar Hurrikans mit weiblichem Namen machen den Menschen weniger Angst als ihre männlichen Kollegen, das schreiben Forscher im Fachmagazin „Proceeding of the National Academy of Science“. Sie fanden heraus, dass sich weniger Menschen vor Hurrikans mit weiblichen Namen in Sicherheit bringen. Die Folge: Ein Sturm „Alexandra“ tötet mehr Menschen als „Alexander“. 

Nun hat meine Freundin nicht vor, irgendjemandem wehzutun, sie ist bei weitem kein Hurrikan – aber sie kann extrem intelligent argumentieren. Und wurde immer wieder unterschätzt. So sehr, dass potenzielle Vorgesetzte sogar laut lachten, sobald sie von ihrer Gehaltsvorstellung hörten.

Insgesamt hatte sie zwölf Gespräche bei sieben Unternehmen. Zeitweise riet ihr die Arbeitsagentur sogar, nach ihrer Doktorarbeit eine Umschulung oder Weiterbildung zu machen. Doch sie hat nicht aufgegeben – und mittlerweile eine Stelle bei einem Unternehmen als Referentin der Geschäftsführung angenommen. Ihre Familienplanung ist hier kein Thema – und ihr aktuelles Gehalt liegt sogar noch über ihren bisherigen Wünschen. Richtig so. Zum Glück gibt es auch immer wieder Menschen, die einen Wirbelsturm ernst nehmen. Ganz egal, ob er männlich oder weiblich ist.

Die Kolumne: Mädchentexte 

Mädchenbier, Mädchenauto, Mädchenelektro – häufig wird der Zusatz „Mädchen“ dazu genutzt, etwas abzuwerten oder abzuschwächen. Diese Kolumne soll einen Gegenpol bilden: In den Mädchentexten steht der Zusatz „Mädchen“ für Stärke. Die Texte richten sich dabei an alle Menschen, ganz egal welchen Geschlechts. Mehr Informationen dazu gibt es im Auftakt der Kolumne: „Wenn Jungs Mädchenelektro hören und Mädchen zuschlagen“.

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