Stuttgart-21-Gegner randalieren am Hauptbahnhof

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Ein Gegener des Bahnprojekts "Stuttgart 21 reissen am Sonntagabend in Stuttgart am Nordfluegel des Hauptbahnhofs einen Bauzaun nieder, während Polizisten dies zu verhindern versuchen.

Stuttgart - Hunderte Gegner von Stuttgart 21 sind nach der Wahlniederlage von Stefan Mappus (CDU) zum Hauptbahnhof gezogen. Dort kam es zu Ausschreitungen. Mindestens zwei Polizisten wurden verletzt.

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Wenige Stunden nach dem historischen Wahldebakel von Schwarz-Gelb in Baden-Württemberg ist es am Stuttgarter Hauptbahnhof zu Ausschreitungen gekommen. Mehrere Dutzend Gegner des umstrittenen Bahnprojekts “Stuttgart 21“ rissen am Sonntagabend Bauzäune am Nordflügel des Bahnhofs um. Nach Polizeiangaben wurden bei der spontanen Protestaktion mindestens zwei Beamte und ein Passant verletzt.

Stuttgart 21: Argumente Pro und Contra

Das Bahnprojekt Stuttgart 21 (Foto: Modellzeichnung) gilt als größtes Infrastrukturprojekt Europas. Seit Monaten laufen Bürger Sturm gegen das Projekt. Wir zeigen die Argumente der "S21"-Befürworter und die der Gegner. © dpa
DAS IST STUTTGART 21: Der Stuttgarter Hauptbahnhof soll vom Kopf- zum Durchgangsbahnhof umgebaut und "tiefergelegt" werden. Die Gleise werden unterirdisch verlegt. Der Flughafen Stuttgart bekommt eine ICE-Haltestelle. Außerdem wird ein neuer Bahnhof Flughafen/Messe gebaut. Dieser soll die Stuttgarter Innenstadt, den Flughafen und das Messegelände besser miteinander verbinden. Auch wird ein Tunnelnetz gebaut, um den gesamte Stuttgarter Raum an das Schienennetz anzubinden. © dpa
PRO: Stuttgart 21 bringt Baden-Württemberg näher zusammen: So wird die Fahrzeit von Stuttgart nach Ulm fast halbiert (von 54 auf 28 Minuten). Auch die Fahrtzeit zwischen Hauptbahnhof und Flughafen von derzeit 27 auf 8 Minuten verkürzt. © dpa
PRO: Ohne Stuttgart 21 wird Baden-Württemberg vom internationalen Bahnverkehr abgehängt. Das Projekt ermöglicht den Lückenschluss in der europäischen Magistrale Paris-Budapest. Außerdem werden Flughafen und Landesmesse an die Schnellbahnstrecke nach Ulm angebunden. © dpa
PRO: Stuttgart 21 bildet einen Anreiz für Autofahrer, auf dieser Strecke vom Auto auf den Zug umzusteigen. © dpa
PRO: Auch der Schienenregionalverkehr profitiert von Stuttgart 21. © dpa
PRO: Stuttgart schafft auf Dauer 10.000 neue Arbeitsplätze und zusätzlich 7000 während der Bauzeit. © dpa
PRO: Im neuen Durchgangsbahnhof können mit halb so vielen Gleisen deutlich mehr Züge in den Bahnhof ein- und ausfahren, weil sie sich nicht mehr gegenseitig blockieren. © dpa
PRO: Bei einem Aus für Stuttgart 21 gehen Millionenzuschüsse von Bund und Bahn für das Land Baden-Württemberg verloren. Die Gelder fließen dann in die Infrastruktur eines anderen Bundeslandes. © dpa
PRO: Auf den Flächen, die derzeit noch mit Gleisen bedeckt sind, werden Parkanlagen erweitert. Außerdem wird neuer Wohn- und Arbeitsraum im Stadtzentrum geschaffen. © dpa
PRO: Die Kosten für Stuttgart 21 werden nicht aus dem Ruder laufen. In der aktuellen Kalkulation von 4,088 Milliarden Euro sind bereits 323 Millionen Euro für weitere Baupreissteigerungen eingerechnet. Für alle Fälle steht zudem ein Risikofonds von 438 Millionen Euro bereit. © dpa
PRO: Der Bau des unterirdischen Bahnhofs bringt deutlich weniger Probleme für die Fahrgäste mit sich als die Modernisierung des Kopfbahnhofes während des laufenden Zugbetriebs. © dpa
PRO: Stuttgart 21 ist sorgfältig geplant. Damit sind Risiken beim Bau weitgehend ausgeschlossen. © dpa
PRO: Die historische Bausubstanz des Stuttgarter Bahnhofsgebäudes bleibt trotz des Abrisses der Seitenflügel erhalten. © dpa
CONTRA: Eine jahrelang bestehende Großbaustelle im Zentrum Stuttgarts führt zu Verkehrsbehinderungen und Belästigungen durch Abgase der Baustellenfahrzeuge. © dpa
CONTRA: Die Kosten für Stuttgart 21 laufen aus dem Ruder. Das Geld könnte besser in Bildung, sowie das Gesundheits- und Sozialwesen gesteckt werden. © dpa
CONTRA: Die Modernisierung des Kopfbahnhofes (K21) ist mehrere Milliarden Euro billiger - in erster Linie, weil weniger Tunnelkilometer gebaut werden müssen. © dpa
CONTRA: Die Bauarbeiten für Stuttgart 21 gefährden die Mineralwasserquellen der Stadt. © dpa
CONTRA: Im Stuttgarter Schlossgarten werden hunderte alte Bäume abgeholzt. Der Park wird durch die hohen Lichtaugen des unterirdischen Bahnhofs verschandelt. © dpa
CONTRA: Weil es bei Stuttgart 21 nur noch vier Bahnsteige gibt, wird es für die Reisenden eng. Vor allem, weil die Anzahl der haltenden Züge pro Bahnsteig ansteigt. © dpa
CONTRA: Ein integrierter Taktungsplan lässt sich nicht realisieren. Somit werden die Umsteigezeiten länger. © dpa
CONTRA: Die Zahl der Gleise sinkt von 17 auf 8. Auch einige Zubringergleise werden verschwinden. Deswegen werden sich Züge vor dem Bahnhof stauen. © dpa
CONTRA: Das Klima im Stuttgarter Kessel heizt sich künftig auf. Bislang kühlen sich die unbebauten Flächen des Gleisvorfeldes nachts stark ab. Dadurch halten sie die Temperaturen in Grenzen. © dpa
CONTRA: Dem Ausbau und der Verbesserung des Regionalverkehrs wird durch das Mammutprojekt Stuttgart 21 Geld entzogen. © dpa
CONTRA: Auch bei einer Modernisierung des Kopfbahnhofes kann der Bahnhof an die Schnellbahntrasse angeschlossen werden - und zwar über das Neckartal und einen Tunnel auf die Filder. © dpa
CONTRA: Teile des denkmalgeschützten Stuttgarter Bahnhofsgebäudes von Paul Bonatz werden abgerissen. © dpa
CONTRA: Auf dem Stuttgart-21-Gelände müssen alte Bäume gefällt werden. Darin leben aber seltene Tiere, zum Beispiel der vom Aussterben bedrohte Juchtenkäfer. © dpa

Nachdem auf dem Stuttgarter Schlossplatz am Abend mehrere Tausend Menschen mit einer “Mappschiedsparty“ die Wahlniederlage von Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) gefeiert hatten, zogen Hunderte Menschen mit Musik und Gesang zum Hauptbahnhof. “Stuttgart 21“-Gegner warfen den Bauzaun rund um den abgesperrten Kurt-Georg-Kiesinger-Platz auf einer Länge von rund 200 Metern komplett um. Dort soll ein unterirdisches zweistöckiges Technikgebäude für das Bahnprojekt entstehen.

Mehrere Verletzte

Ein Großaufgebot der Polizei drängte die Randalierer zunächst zurück und stellte die Zäune wieder auf. Allerdings rissen die Demonstranten die Barrieren erneut um. Die Sicherheitskräfte zogen sich daraufhin zurück. Während die Polizei die Zahl der Demonstranten auf rund 500 schätzte, sprach die Initiative der “Parkschützer“ von etwa 1.000 “ausgelassenen Kopfbahnhof-Freunden“.

Nach Polizeiangaben wurden Beamte von den Demonstranten angegriffen, als sie vergeblich versucht hätten, die “aufgebrachte Menge“ vom Einreißen des Zaunes abzuhalten. Mindestens zwei Polizisten hätten Prellungen und Schürfwunden erlitten. Zudem sei am Rande der Demonstration wohl eine Person durch ein Polizeipferd leicht verletzt worden. Ein Aktivist sei wegen des Verdachts der Körperverletzung vorläufig festgenommen worden.

Dagegen beklagten die “Parkschützer“, die Stimmung habe zu kippen gedroht, “als die Polizei in einer recht unkoordinierten Aktion versuchte, der Menschenmenge einzelne Gitterteile entgegen zu drücken“. Die Lage habe sich aber wieder entspannt.

“Parkschützer“ zufrieden

Der Sprecher der “Parkschützer“, Matthias von Herrmann, wertete die Aktion als Erfolg: “Der Bauzaun liegt, das ist gutes Zeichen“, sagte er. Mit der “spontanen Aktion“ forderten die “Stuttgart 21“-Gegner die mögliche neue grün-rote Regierung zum sofortigen Baustopp auf. Herrmann betonte: “Wir Parkschützer fangen schon mal an.“ Die Parkschützer forderten den künftigen Ministerpräsidenten auf, als erste Amtshandlung bei Bahn und Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) das Ende von “Stuttgart 21“ durchzusetzen.

Die Demonstranten belagerten laut Polizei den Kurt-Georg-Kiesinger-Platz etwa eine Stunde. Anschließend zogen rund 300 Menschen zum Bauzaun der Grundwasser-Aufbereitungsanlage am Südflügel des Bahnhofs. Auch dort rüttelten einige Demonstranten an der Umzäunung und schaukelten diese laut Polizei auf. Beamte seien unter anderem mit Dreck beworfen, beleidigt und angegriffen worden, hieß es.

Stocker kündigt Rückzug an

Unterdessen kündigte der Sprecher des Aktionsbündnisses gegen “Stuttgart 21“, Gangolf Stocker, seinen Rückzug an. Wegen Streitigkeiten wolle er noch in der Nacht sein Amt zurückgeben, sagte er im SWR. Stocker, der auch Mitglied im Stuttgarter Gemeinderat ist, beklagte, dass es im Lager der “Stuttgart-21“-Gegner zu viele Meinungsverschiedenheiten gebe. Der 66-Jährige, der auch an der Schlichtung unter Vorsitz von Heiner Geißler teilgenommen hatte, galt als eine der Symbolfiguren des Protests gegen “Stuttgart 21“.

dapd

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