Insel will sich mit Sandvorspülungen vor dem Untergang retten

Sylt kämpft gegen das Meer

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Schaulustige beobachten an der Strandpromenade in Westerland auf Sylt (Schleswig-Holstein) die Arbeiten bei einer Sandvorspülung.

Westerland / Husum. Treue Sylt-Urlauber kennen das Prozedere, wenn die Spülschiffe wieder im Einsatz sind: Grau-braun sprüht die Fontäne vor den Promenaden und Strandabschnitten an Land. Bulldozer sorgen für die flächige Verteilung am Strand.

Auch in diesem Frühjahr und Sommer ist das so. Kürzlich hat man auf diese Weise wieder Sand bei Westerland vorgespült. 80 000 Kubikmeter sind auf den Strand aufgebracht worden. Sechs Fahrten absolvierte das Schiff pro Tag. Auch nachts gingen die Spülungen weiter. Über ein auf dem Meeresboden verlegtes Rohr wurde das Gemisch auf den Strand aufgebracht. Weitere Aufspülbereiche sind Hörnum (Odde, Querwerk und Campingplatz), Wenningstedt (Nord), Kampen (Sturmhaube) und List (Norder-Strandtal).

1,25 Mio. Kubikmeter Sand

Regelmäßig wiederholt sich diese aufwendige Sisyphusarbeit. In diesem Jahr werden dadurch auf der Nordseeinsel insgesamt 1,25 Mio. Kubikmeter Sand bewegt werden. Kosten: 6,8 Mio. Euro. Das an der besonders gefährdeten Insel-Südspitze gelegene Hörnum wird zusätzlich mit Hilfe von Tetrapoden, riesigen Betonblocksteinen, geschützt.

Nikolaus-Sturmflut 

Denn Sylt kämpft ums Überleben und gegen sein Verschwinden. Sturm und Meer nagen an Stränden und Dünen. Bis zu einer Million Kubikmeter Sand tragen die Wellen Jahr für Jahr von der Lieblingsinsel der Deutschen ab. Besonders schlimm sind die Folgen der Sturmfluten, wenn die Wellen mit mächtiger Gewalt auf den Strand donnern. Auch die Nikolaus-Sturmflut im vergangenen Jahr hat tiefe Spuren hinterlassen. Nach den letzten Sturmflutschäden gab es auf 24 Kilometern Küstenlänge Dünenabbrüche, davon fast zehn Kilometer schwere Schäden im Vordünenbereich und über zwei Kilometer schwere Schäden an Randdünen und Kliffs. Allein in Hörnum ist die Abbruchkante der Düne um bis zu 40 Meter zurückgegangen. Damit die Schäden nicht allzu groß werden, spült man Sand auf. Weichen Küstenschutz nennen das die Experten, im Gegensatz zu harten Elementen mit Beton und die Sicherung der Küsten durch Tetrapoden.

„Insgesamt hat sich das Konzept bewährt“, sagt der Fachbereichsleiter vom Landesbetrieb für Küstenschutz in Husum, Matthias Fiege, gegenüber unserer Zeitung. Von 1972 bis Ende 2013 wurden 43 Mio. Kubikmeter Sand aufgespült. Kosten: 189 Mio. Euro. Auch für die nächsten Jahre sind Sandaufspülungen an der Sylter Westküste wieder im Haushalt des Landes Schleswig-Holstein verankert. Der Bund und die Europäische Union beteiligen sich finanziell.

Das Geld für die Vorspülung sei gut angelegt in den Küstenschutz, erläutert Matthias Fiege. „Das schützt auch das dahinterliegende Wattenmeer und das Festland.“ Im Übrigen würden Deutschlands Nachbarn wie Dänemark und Holland genauso verfahren.

Selbst die Touristen hätten dafür vollstes Verständnis. Man würde sich sogar nach den technischen Details erkundigen, berichtet Fiege. Ende Juli sollen die Arbeiten für 2014 abgeschlossen sein – bis es im nächsten Jahr wieder von vorn losgeht.

Von Ullrich Riedler

Helgoland war in den 30er-Jahren Vorreiter beim maschinellen Aufspülen von Sand

Die Strandsanierer benutzen große, auf Schiffen montierte Saugbaggeranlagen. Diese Schiffe, derzeit sind es zwei, das Spülschiff „Nord R“ und die „Thor R“ aus Esbjerg in Dänemark, pumpen acht Kilometer vor der Küste Sand-Wasser-Gemisch in den Laderaum. Wenn das Baggerschiff mit rund 1800 Tonnen Sand vollbeladen ist, fährt es zum Koppelpunkt der im Meeresboden liegenden Dükerleitung, dockt an und pumpt dann über die Leitung den Sand bzw. das Sand-Wassergemisch an den Strand.

70 Prozent Wasser, 30 Prozent Sand – in diesem Mischungsverhältnis kommt die grau-braune Brühe am Strand an. Wenn das Wasser abgelaufen ist, kommt schweres Gerät am Strand zum Einsatz. Große Planierraupen schieben den frisch aufgespülten Sand hin und her, denn es soll eine ebene Fläche mit bestimmtem Profil entstehen. Nicht ganz so schwer ist das Aufbringen der Sandfracht bei den Vorlandaufspülungen unter Wasser. Dabei werden nicht die Strände selbst aufgearbeitet, sondern direkt vor der Küste liegende Sandbänke ergänzt oder neu aufgebaut.

Hierzu können die Schiffe den Sand entweder bei größeren Wassertiefen verklappen. Das Gemisch aus Meerwasser und Sand kann aber andererseits auch einfach in hohem Bogen über Bord gepumpt werden. Vorreiter beim maschinellen Aufspülen von Sand war die Hochseeinsel Helgoland in den 30er-Jahren, gefolgt von den Ost- und Nordfriesischen Inseln.

Die Stände Norderneys wurden 1951 erstmals durch Sandaufspülungen gestärkt, auf Föhr war in den 60er-Jahren Premiere, auf Sylt wendet man das Verfahren seit 1972 an. Die zweite Vorspülung erfolgte 1978, die dritte 1983. Weil die Maßnahme so wirkungsvoll war, kommen die Baggerschiffe seither jedes Jahr. (rie)

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