Was genau geschah in diesem Haus?

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Das Haus sprengte Beate Z., um Spuren zu vernichten. Die Polizei fand trotzdem ein Bekennervideo. Bereits bei einer Razzia 1998 war die Polizei in Jena fündig geworden.

Zwickau - Die Angst vor einer braunen Terrorzelle geht in Deutschland um! Wir beantworten Ihnen die gegenwärtig wichtigsten Fragen zu den Geschehnissen der vergangenen Tage in Zwickau und Umgebung.

Die Angst vor einer braunen Terrorzelle geht um! Nachdem klar ist, dass ein Neonazis-Trio zehn Morde in der Bundesrepublik zu verantworten hat und seit 13 Jahren im Untergrund lebt, spricht jetzt Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) von Rechts-Terrorismus!

Alle ungeklärten Straftaten mit fremdenfeindlichen Hintergrund seit 1998 werden jetzt daraufhin überprüft, ob sie der sogenannten Döner-Mordserie zugeordnet werden können. Die Polizei hat einen Komplizen der drei in Zwickau untergetauchten Rechtsextremisten festgenommen. Jetzt untersucht die Bundesanwaltschaft, ob es hinter den vier Verdächtigen noch weitere Personen oder ein Netzwerk gibt und welche Dimension die Taten haben. Die Fundstücke in der ausgebrannten Wohnung des Trios lassen darauf schließen:

Was hat die Polizei in den Trümmern der Zwickauer Wohnung gefunden?

Beate Z. hatte die Wohnung des Trios nach dem Freitod ihrer Komplizen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in die Luft gesprengt – offenbar um Beweise zu vernichten. Das ist ihr nur zum Teil gelungen. Die Ermittler fanden eine Pistole vom Typ Ceska Typ 83, Kaliber 7,65 Millimeter – die Tatwaffe bei den Döner-Morden. Außerdem das Reizgas und die Handschellen der ermordeten Polizistin aus Heilbronn. Ihre Dienstwaffe fanden die Ermittler in dem ausgebrannten Wohnmobil bei den Leichen von Mundlos und Böhnhardt.

Die Bild beruft sich auf Sicherheitskreise und meldet, in der ausgebrannten Wohnung seien „legale illegale Papiere“ der Verdächtigen aufgetaucht. Hans-Peter Uhl (CSU) erklärt: „Solche Papiere erhalten im Regelfall nur verdeckte Ermittler, die im Auftrag des Nachrichtendienstes arbeiten und vom Nachrichtendienst geführt werden. Das heißt: die in enger Zusammenarbeit mit dem Nachrichtendienst agieren.“ Und nicht zuletzt haben die Beamten ein Bekennervideo der Zwickauer Zelle.

Welche Taten werden den Neonazi-Terroristen zur Last gelegt?

Die als „Döner-Morde“ bekannt gewordene Mordserie an acht türkischen und einem griechischen Klein-Unternehmern. Zwei der Opfer waren Münchner, zwischen 2000 und 2006. Außerdem der Mord an der Heilbronner Polizistin Michele Kiesewetter im Jahr 2007 und den Rohrbomben-Anschlag auf eine belebte, hauptsächlich von Türken besuchte Straße in Köln-Mühlheim im Jahr 2004. Auf alle diese Taten weist das Bekennervideo hin.

Was hat es mit dem Bekenner-Video auf sich?

Es ist eine skurrile Gruselreise durch die Gedankenwelt der Täter. Die Zeichentrick-Figur Paulchen Panther führt durch eine „Deutschland-Tour“, bei der die Tatorte der neun Döner-Morde auf einer Karte gezeigt werden. Fotos vom Tatort verraten „Täterwissen. Im Video droht das Trio: „Der Nationalsozialistische Untergrund ist ein Netzwerk von Kameraden mit dem Grundsatz – Taten statt Worte – Solange sich keine grundlegenden Änderungen in der Politik, Presse und Meinungsfreiheit vollziehen werden die Aktivitäten weitergeführt.“

■ An wen wurde das Video geschickt?

Zumindest die Linke Sachsen-Anhalt hat eine Kopie erhalten. In der Wohnung lagerte aber einige DVDs in Briefumschlägen, de zwar an Medien und islamische Kulturzentren adressiert waren – sie wurden aber nie verschickt.

Wer gehörte dem „Nationalsozialisischen Untergrund“ (NSU) an?

Am Sonntag verhaftete die Polizei dann den Komplizen Holger G.. Der Mann stammt ebenfalls aus Thüringen, wohnt aber in Lauenau bei Hannover. Am Montag soll er dem Haftrichter vorgeführt werden.

■ Was hat Holger G. mit den Tätern zu tun?

Die Bundesanwaltschaft wirft ihm die Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung NSU vor. Holger G. habe für die Logistik gesorgt. Er soll mit dem Trio seit 1998 in engem Kontakt gestanden haben und ihnen 2007 seinen Führerschein und vor etwa vier Monaten seinen Reisepass zur Verfügung gestellt haben. Zudem soll er mehrfach Wohnmobile für die Gruppierung angemietet haben. Mit Hilfe eines gemieteten Wohnmobils waren die Täter nach dem Mord an der Heilbronner Polizistin durch eine Straßensperre gelangt. Bei einer Kontrolle erschien das korrekt gemietete Vehikel den Beamten nicht verdächtig.

Wie haben die Terroristen ihr Leben im Untergrund finanziert?

Hauptsächlich mit der Beute aus ihren mindestens 14 Banküberfällen. Einmal schossen sie einen Bank-Azubi an. Die Polizei nennt die Bankräuber, die immer zu zweit auftraten und mit Fahrrädern flohen, „äußerst brutal“, Teile ihrer Überfall-Klamotten sollen in der Zwickauer Ruine gefunden worden sein.

Was erfahren die Ermittler von Beate Z.?

Bisher nichts. Laut BamS will die 36-Jährige nur sprechen, wenn ihr als Kronzeugin Strafmilderung zugesichert wird.

Welche Taten werden der Zwickauer Zelle noch zur Last gelegt?

Drei Tage vor ihrem letzten Bankraub und dem anschließenden Tod der beiden Männer wurde im nahe gelegenen Döbeln der 41 Jahre alte Besitzer des Döner-Imbisses „Aladin“ von einem maskierten Mann erschossen. Ob diese Tat im Zusammenhang mit den Döner-Morden steht, ist bislang unklar. Es könnte der letzte Mord der Bande gewesen sein.

MK.

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