Testfahrt-Pflicht für Senioren? Unfallforscher raten zu begleiteten Autorunden

Betagte Autofahrer sind im Straßenverkehr oft überfordert: Werden Senioren über 75 Jahren in Unfälle verwickelt, dann sind diese Unfälle in drei von vier Fällen von den alten Menschen selbst verschuldet, warnen die Unfallversicherer. Archivfoto: dpa

Goslar. Ältere Autofahrer sollten mittelfristig gesetzlich zu Testfahrten mit geschulten Beobachtern verpflichtet werden. Das hat die Unfallforschung der Versicherer (UDV) vor Beginn des Verkehrsgerichtstages in Goslar angeregt.

„So könnten Senioren von unabhängigen Fachleuten überprüfen lassen, wie fit sie noch für den Straßenverkehr sind und ob von ihnen eine erhöhte Unfallgefahr ausgeht“, sagte UDV-Chef Siegfried Brockmann.

Der Verkehrsgerichtstag hatte schon vor Jahren ältere Autofahrer aufgefordert, ihre Fahreignung freiwillig prüfen zu lassen. Der ADAC unterstütze das Freiwilligkeits-Prinzip und biete Fahreignungs-Tests für Senioren, sagte Christine Rettig vom ADAC Niedersachsen/Sachsen-Anhalt. Die Unfallforscher sehen allerdings Handlungsbedarf, der nicht bei Appellen endet. Die Zahl der Kraftfahrer in hohem Alter wird laut UDV wegen der demografischen Entwicklung stark zunehmen. Damit wachse auch die Unfallgefahr, sagte Brockmann. „Wenn Senioren über 75 Jahren in Unfälle verwickelt sind, haben sie diese zu rund 75 Prozent selbst verursacht.“ Die Quote liege damit höher als bei der Hochrisikogruppe der 18- bis 24-Jährigen.

Bei den Prämien haben die Versicherer längst reagiert: Je älter ein Autofahrer ist, desto teurer wird seine Kfz-Versicherung. So kann es sein, dass ein 75-Jähriger fast 40 Prozent mehr für seine Police zahlt als ein 55-Jähriger, meldete das Verbrauchermagazin Finanztip im Sommer 2015.

Dennoch hielten sich die meisten Senioren für gute Fahrer und ließen sich nur schwer auf Fehler ansprechen. Freiwillige Tests würden kaum angenommen. Auch medizinische Labortests seien kaum geeignet, um „gefährliche Senioren“ zuverlässig zu erkennen, sagte Brockmann. Das belege die Auswertung internationaler Studien. Deshalb sei es auch nicht sinnvoll, den Erhalt des Führerscheins an solche Tests zu binden.

Einen Versicherungsvergleich finden Sie hier.

Verbindliche Testfahrten dagegen halte die UDV für eine mögliche Lösung. Ziel sei es dabei nicht unbedingt, dass Senioren den Führerschein abgeben. „Deshalb sollten auch nicht die Führerscheinbehörden, sondern nur die getesteten Personen selbst eine detaillierte Rückmeldung bekommen“, sagte Brockmann. „Ansonsten bleibt das Ergebnis geheim.“

Sich selbst besser einzuschätzen - dazu dienten solche Testfahrten: Bei Defiziten könne es oft schon helfen, wenn Senioren anschließend ihre Fahrweise darauf einstellen, zum Beispiel nur in bekannten Gebieten fahren oder das Auto bei Dunkelheit in der Garage lassen.

Pro und kontra für Zwangstests

• Befürworter:

Verbindliche Gesundheitstests ab dem 75. oder 80. Lebensjahr fordert Jörg Elsner, Verkehrsrechtsexperte des Deutschen Anwaltvereins. „Solche Tests mutet man Lkw-Fahrern ab 50 zu, keiner regt sich darüber auf.“

„Mancher, der sich für einen guten Fahrer hält, würde bei der Wiederholung der Fahrprüfung durchfallen“, sagt Kay Nehm (74), Präsident des Verkehrsgerichtstages. Mit dem Alter steige das Unfall-Risiko. Er können den UDV-Vorstoß gut verstehen.

• Skeptiker:

Zwangstests? Der ADAC ist skeptisch: Das bringe höchstens Momenteindrücke des Gesundheitszustands der Testpersonen. Altersbedingte Leistungseinbußen könnten Ältere durch Besonnenheit und Ruhe ausgleichen.

Es gebe keine zuverlässig qualifizierten Tests für ältere Autofahrer, heißt es beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR). Und in Ländern, wo sie vorgeschrieben seien, hätten solche Tests keinen positiven Ausschlag auf die Unfallstatistik.

Hintergrund: Online-Check für Hören und Sehen

„Aktion Schulterblick“ heißt eine Kampagne des Verkehrssicherheitsrats, die sich an Autofahrer über 65 richtet.

• Als Bausteine freiwilliger Selbstprüfung werden dort Infobroschüren, Tipps für Angehörige und Adressen von Begutachtungsstellen angeboten.

• Als Vorstufe zu ärztlichen Untersuchungen, nicht als Ersatz, gibt es einen Onlinecheck für Seh-, Hör- und Reaktionsfähigkeit.

• Fahrsicherheitsangebote, auch spezielle Trainings für Senioren, führt eine Datenbank auf.

• Trotz aller Freiwilligkeit und Hoffnung auf selbstkritische Einsicht älterer Autofahrer heißt es beim DVR: „Ihr Hausarzt ist der richtige Ansprechpartner, um Ihre Fahrtüchtigkeit genauer unter die Lupe zu nehmen.“

Alle Angebote im Überblick gibt es hier.

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