Tipps gegen Heimweh

Sehnsucht oder Krankheit: Was ihr über Heimweh wissen solltet

+
Fern- und Heimweh liegen eng beieinander. Oft merkt man erst in der Ferne, wie gern man zu Hause ist.

Es ist längst aus der Mode gekommen: Heimweh ist vielen peinlich. Und doch sehnen sich zahlreiche Auswanderer, Zugezogene und Reisende in die Heimat zurück. Wir haben mit einer Expertin gesprochen: Was ist Heimweh eigentlich - und was kann man dagegen tun?

Heimweh? Das fühlen doch nur Kinder auf Klassenfahrt. Wer Heimweh hat, gilt als klein, schüchtern, ängstlich. „Es ist ein Menschenbild, das uns nicht gefällt“, sagt die Psychologin Brigitte Reysen-Kostudis. Dabei beschäftigt dieses Gefühl nicht nur viele Kinder, auch Erwachsene können Heimweh haben: Auswanderer etwa, Zugezogene, Reisende. Reysen-Kostudis berät vor allem Geflüchtete und Studenten dabei, mit ihrer Sehnsucht umzugehen. Wir haben mit der Expertin gesprochen: Was ist Heimweh eigentlich – und was kann man dagegen tun?

Heimweh ist altmodisch

Heimat und Heimweh seien antiquierte Begriffe, sagt Reysen-Kostudis. „Viele denken: Diese Begriffe benutzt die AfD, ich doch nicht.“ Sie klingen rückwärtsgewandt, konservativ, träge. Dabei habe Heimweh durchaus etwas Positives. Das Wort drücke Sehnsucht aus, einen Wunsch, ein Ziel. „Heimweh ist Teil der Suche nach mir selbst“, sagt Reysen-Kostudis. Wer Heimweh hat, sei auf der Suche nach der eigenen Heimat, nach einem Ort, an dem er glücklich werden kann. Und wenn er den gefunden hat, könne das ein großes Glück sein. „Heimweh ist ein schönes Wort, es wird viel zu selten benutzt. Wir sollten den Begriff nicht bestimmten Gruppierungen überlassen, sondern ihn uns zurückholen“, findet Reysen-Kostudis.

Heimweh ist sinnvoll

In manchen Phasen sei Heimweh sogar sinnvoll, sagt Reysen-Kostudis. Es zeige die Verbundenheit, die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Umfeld. Für Kinder sei es wichtig, fern von der Familie zu spüren, dass sie Teil dieser Familie sind. „Das ist eine Entwicklungsaufgabe. Hat ein Kind gar kein Heimweh, ist das seltsam“, sagt die Psychologin. Wer Heimweh hat, ist Teil von etwas, er hat es geschafft, sich in sein Umfeld zu integrieren. „Dieses Wissen kann einem auch die Kraft geben, sich erneut auf einen Ort einzulassen“, erklärt Reysen-Kostudis.

Heimweh hängt von der Persönlichkeit ab

Nicht jeder bekommt Heimweh. Abhängig ist das von der eigenen Persönlichkeit: Wer seine Heimat an einem bestimmten Ort festmacht, sehnt sich in der Ferne auch eher an diesen Ort zurück. Wer Heimat allerdings in anderen Dingen verortet – in Literatur, Musik oder Sport etwa – ist oft weniger anfällig für Heimweh, schließlich kann er seine Heimat mitnehmen.

Hast du Heimweh nach Nordhessen? Vielleicht hilft ein sehr nordhessischer Selbstversuch:

Heimweh ist die Suche nach dem richtigen Ort

Heimweh ist eine Trauer: Man vermisst Familie, Freunde, Landschaft oder auch kulturelle Aspekte. Häufig sei Heimweh eng mit Fernweh verbunden, erklärt die Psychologin. Viele wünschen sich, mal aus vertrauten Bahnen herauszukommen. Doch in der Ferne merken sie dann, wie wichtig ihnen das Altbekannte war. „Es ist gar nicht selten, dass Fern- und Heimweh gleichzeitig auftauchen“, sagt Reysen-Kostudis. Beides sei eine Suche: Was ist mir eigentlich wichtig, wo will ich hin, wo gehöre ich hin? Hierbei leidet der Mensch nicht passiv, er macht einen aktiven Prozess durch: Er sucht nach dem richtigen Ort für sich selbst. 

Heimweh kann eine Krankheit sein

Zum ersten Mal soll Heimweh im 18. Jahrhundert als Krankheit diagnostiziert worden sein, erzählt die Psychologin: Damals waren Schweizer Soldaten in Europa unterwegs und haben sich so sehr nach ihrem Zuhause gesehnt, dass sie psychosomatische Symptome entwickelten. Damit sie sich an ihre Heimat erinnern konnten, sollen damals Kuhglocken geläutet worden sein. „Angeblich sind einige der Soldaten an Heimweh sogar gestorben“, sagt Reysen-Kostudis. Heute wird Heimweh nicht mehr als Krankheit diagnostiziert – stattdessen spricht man von Anpassungsstörungen. Beides meine dasselbe, so die Psychologin: Wer stark unter Heimweh leide, fühle sich in der neuen Umgebung fremd, nicht zugehörig, der habe Schwierigkeiten, sich in das neue Umfeld zu integrieren. Unter diesem Problem leiden laut Reysen-Kostudis aktuell auch viele Flüchtlinge. Sie sahen sich gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen. „Die Heimat, nach der sie sich nun sehnen, ist nicht die, die sie gerade ist“, sagt Reysen-Kostudis. Stattdessen möchten sie die Uhr zurückdrehen und an einen heilen Ort, an den Ort der Kindheit beispielsweise, zurückkehren. Am neuen Wohnort fühlen sie sich fremd, einsam und isoliert. „Sie benutzen nicht das Wort Heimweh, aber es sind die gleichen Symptome“, so die Psychologin. Flüchtlingen, die zu ihr in die Sprechstunde kommen, hilft sie dabei, die alten Erinnerungen zu bewahren – und zugleich in Deutschland Fuß zu fassen.

Tipps der Expertin gegen Heimweh

1. Informiere dich vor einem Umzug genau über den neuen Ort.

Als Reysen-Kostudis fürs Studium nach Gießen zog, erwartete sie Fachwerkhäuser und Gassen wie in Göttingen – und war dann sehr enttäuscht. Sie blieb nur ein halbes Jahr. Wer umzieht, sollte sich genau über den neuen Ort informieren: Was gibt es hier zu sehen, was interessiert mich, was macht diese Stadt aus? Mit dieser Neugierde fällt es gleich viel leichter, in der Fremde anzukommen.

2. Koch dir deine Heimat.

Heimat geht durch den Magen, findet Reysen-Kostudis. Wer

Weitere Texte rund um unser Monatsmotto "Willkommen daheim" findet ihr hier.

Heimweh hat, sollte etwas kochen, das er mit Zuhause verbindet – und es neuen Bekannten oder Freunden servieren. Ein Kochabend kann die alte Heimat wunderbar mit dem neuen Zuhause verbinden.

3. Zeig neuen Freunden deine alte Heimat.

Bei einem gemeinsamen Fotoabend kann man sich gegenseitig Bilder von Zuhause zeigen, über die Heimat reden und neue Gemeinsamkeiten entdecken.

4. Denk über die Gründe für dein Heimweh nach.

Hast du Heimweh, weil du dein altes Zuhause vermisst? Oder weil du dein neues Zuhause nicht magst? Trifft Ersteres zu: Erinnere dich an alte Zeiten zurück, genieße das Gefühl, gute Freunde und eine tolle Familie zu haben, und versuche, auch am neuen Ort Schönes zu erleben. Ist Zweiteres der Fall: Denke darüber nach, ob du wirklich bleiben möchtest. Fühlt man sich an einem neuen Ort aufgrund der Umgebung, des Umgangstons oder anderer Aspekte nicht wohl, kann ein Umzug eine gute Lösung ein. „Wenn ich die Möglichkeit habe, den Wohnort zu wechseln, ist das vielleicht auch die beste Entscheidung“, sagt Reysen-Kostudis.

5. Siehe jeden lieben Menschen, den du neu kennenlernst, als Geschenk an.

Heimat ist eng mit dem sozialen Umfeld verknüpft, sagt Reysen-Kostudis. Um sein neues Zuhause zur Heimat zu machen, braucht es Bezugspersonen. „Man kann in Sportvereine eintreten oder einen VHS-Kurs machen“, schlägt sie vor. Wichtig seien Gelegenheiten, Freundschaften zu knüpfen. „Jeder Mensch, den ich finde, ist ein Geschenk“, betont Reysen-Kostudis.

Zur Person: Brigitte Reysen-Kostudis

Brigitte Reysen-Kostudis

Brigitte Reysen-Kostudis arbeitet als Dipl.-Psychologin und psychologische Psychotherapeutin in Berlin. Hier berät sie Studierende an der Freien Universität. Im Rahmen des universitären Integrationsprogramms für Geflüchtete unterstützt die 60-Jährige außerdem Flüchtlinge in ihrem Alltag.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.