Anruf in Tokio: „Die Panikmache ist fast unerträglich“

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Heide Haruyo Gentner, HNA Redakteurin

Kassel/Tokio. Wir haben in Tokio angerufen und wollten wissen, wie es den Menschen dort geht -  nach dem Beben und mit der atomaren Bedrohung. Hier beschreibt HNA-Redakteurin Heide Haruyo Gentner, was ihr japanischer Cousin und ihr Studienfreund vor Ort erzählen.

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Supergau, Tschernobyl, Atomkatastrophe: Mit diesen Begriffen hantieren die internationalen Medien seit dem Jahrhunderterdbeben in Japan. Die Hysterie vor einer atomaren Katastrophe steigt – vor allem in Europa und Deutschland. Aber im betroffenen Land selbst sind die Bewohner gefasst. „Die Panikmache in den internationalen Medien ist schon fast unerträglich“, sagt mein ehemaliger Studienfreund Matthias Lambrecht in Tokio.

Der Japanologe Matthias Lambrecht lebt seit 2009 in Tokyo.

Der 29-jährige Japanologe sitzt während des Telefonats komplett im Dunkeln. Denn Tepco, der Betreiber der bröckelnden Atomkraftwerke, schaltet abwechselnd in verschiedenen Regionen im Großraum Tokio den Strom ab. Der Energieverbrauch soll reduziert werden. „Der gezielte Blackout passiert oft nicht zu den abgemachten Zeiten. Das ärgert die Tokioter“, erzählt Matthias, der inzwischen ein paar Kerzen in seiner 35 Quadratern Wohnung angezündet hat.

 Zwar schimpfen einige Japaner wegen der Unbequemlichkeiten auf Tepco, aber Kritik oder gar Proteste gegen die Energieversorger gebe es nicht. „Im Vordergrund steht gerade das Krisenmanagment und das Mitgefühl mit den Menschen in den zerstörten Erdbebengebieten“, erklärt Matthias. Seit zwei Jahren arbeitet er an einer privaten Tokioter Universität.

Während viele Ausländer derzeit in den Süden Japans flüchten oder schnell ausreisen wollen, ist der 29-Jährige entschlossen, bei seiner japanischen Freundin in Tokio zu bleiben: „Hier ist auch mein zuhause“, betont Matthias.

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Koichiro Furukawa (35) ist besorgt, jedch nicht panisch. Er sagt: "Wir müssen die Situation akzeptieren und das Beste daraus machen."

Im Moment ärgert ihn, dass die Japaner so hingestellt werden, als würden sie nicht richtig informiert werden oder naiv sein:  „Die Medien hier berichten auch rund um die Uhr. Und das auch kritisch – was im Ausland teilweise nicht wahrngenommen wird.“ So wird ausgetretene radioaktive Strahlung auch jedesmal in einen greifbaren Kontext gesetzt. Beispielsweise, dass die Strahlenbelastung so hoch sei, wie wenn man drei Mal geröntgt würde.

„Mir ist klar, dass die Regierung und Tepco gerade nicht die ganze Wahrheit erzählen“, sagt mein japanischer Cousin Koichiro Furukawa . Während in Deutschland über eine absichtliche Verschleierung spekuliert wird, zeigt Koichiro Verständnis für die Informationspolitik: „Wir sind in einer Krise und Panik hilft uns jetzt nicht weiter.“

Zeitweise aus Japan auszureisen ist für ihn auch keine Option: „Natürlich mache ich mir Sorgen, aber ich kann ja schließlich nicht meine Arbeit und mein zuhause aufgeben. Schließlich wissen wir nicht, wie lange dieser Ausnahmezustand anhält.“ (hhg)

Zur Autorin

Heide Haruyo Gentner (30) wurde als Tochter einer Japanerin und eines Schwaben in Aalen (Baden-Württemberg) geboren. Sie arbeitet in der HNA-Online-Redaktion.

Dieser Text wurde um 17.35 Uhr aktualisiert.

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