Toulouse: Attentäter will sich in der Nacht stellen

Toulouse - Er wollte weiter töten, da schlug die Polizei zu: Der mutmaßliche Serienmörder wurde wohl in letzter Minute gestoppt. Ein Spezialkommando spielt auf Zeit.

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Nervenkrieg zwischen dem mutmaßlichen Serienmörder von Toulouse und der Polizei: Ein Sonderkommando hat einen 23-jährigen Franzosen in einem Mietshaus in Toulouse gestellt. Die Belagerung begann am Mittwoch in den frühen Morgenstunden und dauerte am späten Abend auch nach rund 20 Stunden an. Offensichtlich setzten die Elitepolizisten darauf, dass der Mann irgendwann erschöpft aufgibt oder mit wenig Risiko überwältigt werden konnte.

Bei dem Verdächtigen, den die Polizei über Spuren im Internet ausfindig gemacht hatte, soll es sich um einen dem Terrornetz Al-Kaida nahe stehenden Extremisten namens Mohamed Merah handeln. Im Telefonkontakt mit der Polizei habe er zugegeben, schon für Mittwoch einen weiteren Anschlag gegen einen Soldaten geplant zu haben. Zudem habe er zwei Polizisten töten wollen.

Dem französischen Geheimdienst war der Mann schon länger bekannt: Bereits im vergangenen November wurde er wegen seiner Aufenthalte in Pakistan und Afghanistan vernommen, wie Innenminister Claude Guéant am Abend im französischen Nachrichtensender TF1 erklärte.

Der Franzose algerischer Herkunft soll in Toulouse und Umgebung drei Soldaten sowie bei seinem Anschlag auf eine jüdische Schule am Montag drei jüdische Kinder und einen Rabbiner kaltblütig erschossen haben.

Zu Beginn des Polizeieinsatz feuerte der mutmaßliche Mehrfachmörder mit automatischen Waffen auf Polizisten, die sich der Wohnung näherten, und zwei von ihnen verletzt. Im Austausch gegen ein Telefon übergab er der Polizei später einen Colt - die mögliche Tatwaffe bei den Morden an insgesamt sieben Menschen in Südfrankreich in den vergangenen Tagen.

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Mehrere Personen aus seinem Umfeld wurden festgenommen, darunter waren die beiden Schwestern und Brüder sowie die Mutter des Mannes. Ein Bruder sympathisiere mit den extremistischen Salafisten, die Mutter habe seit längerem wegen ihrer Nähe zu radikalen Salafisten unter Beobachtung gestanden, sagte Innenminister Guéant. Er betonte jedoch, dass der Verdächtige bei seinen Taten allein gehandelt habe. Die Geheimdienste hätten ihn schon seit längerem beobachtet.

Im Gespräch mit Polizisten bedauerte der Mann am Mittwoch, nicht noch mehr Menschen getötet zu haben, wie der zuständige leitende Staatsanwalt François Molins in Toulouse sagte. Er habe sich gerühmt, Frankreich in die Knie gezwungen zu haben. Den Ermittlern zufolge fand die Polizei einen Motorroller, mit dem der Verdächtige wohl zu den Orten seiner Verbrechen fuhr, sowie eine Kamera, mit der er seine Taten möglicherweise filmte. Noch gesucht wurde ein Auto des Mannes, in dem Waffen und Sprengstoff vermutet wurden.

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Die Elitepolizisten versuchten am Mittwoch mehrere Male vergeblich, in Merahs Wohnung in einem Mehrfamilienhaus einzudringen, in der er sich verschanzte. Jedes Mal drängte er sie mit Schüssen aus schweren Waffen zurück. Ein Beamter erlitt einen Knieschuss, einen zweiten getroffenen Polizisten bewahrte seine schusssichere Weste vor schweren Verletzungen. Im Tagesverlauf brachte die Polizei alle anderen Hausbewohner in Sicherheit, nachdem sie zuvor auf eine Evakuierung zunächst verzichtet hatte. Das umstellte Gebäude befindet sich in einem ruhigen Wohnviertel der südfranzösischen Stadt.

Der Mann, den Nachbarn als höflich und hilfsbereit schilderten, war nach Angaben der Ermittler zweimal in Afghanistan, zuletzt Ende 2011. Nach Angaben afghanischer Behörde wurde er dort 2007 verhaftet und floh später - möglicherweise bei einem Massenausbruch 2008 - aus einem Gefängnis in der Taliban-Hochburg Kandahar.

Merah erklärte im Gespräch mit Polizisten, er habe stets allein gehandelt. „Er bedauert nichts“, sagte Staatsanwalt Molins. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Innenminister Guéant forderten, den Mann lebend zu fassen, damit er sich vor Gericht verantworte. Sarkozy warnte vor Rachegedanken und einer Vermengung von Religion und brutalem Extremismus.

Bevor die Kommunikation mit der Polizei gegen Mittag zwischenzeitlich abbrach, betonte der Mann nach Angaben von Minister Guéant, er stehe dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahe. Er sei in Afghanistan und Pakistan gewesen und habe den gewaltsamen Tod palästinensischer Kindern rächen wollen. Er habe auch ein Zeichen gegen die französische Militär-Präsenz in Afghanistan setzen wollen.

Guéant bestätigte, dass die Ermittler ihm kurz nach dem Anschlag auf eine jüdische Schule am Montag über das Internet auf die Spur kamen. Das erste Opfer - ein Soldat - kontaktierte er über eine Internet-Verkaufs-Plattform, wo er sein Motorrad verkaufen wollte. Per Mail wurde ein Treffpunkt vereinbart. Die von Polizisten identifizierte IP-Adresse konnte den Angaben einem Computer zugeordnet werden, der der Mutter des Verdächtigen gehört. „Das hat bei den Ermittlungen die Wende eingeleitet“, erläuterte der Minister. Zudem habe die afghanische Polizei Informationen geliefert.

In Jerusalem wurden die vier Opfer des Mordanschlags auf die jüdische Schule bestattet - ein Lehrer und Rabbiner mit seinen zwei kleinen Söhnen sowie eine weitere Schülerin. Hunderte Trauergäste versammelten sich auf dem Friedhof, darunter der französische Außenminister Alain Juppé. Die Leichen waren in der Nacht per Flugzeug nach Israel gebracht worden. An einer ebenso bewegenden Trauerfeier für die drei Soldaten-Opfer des mutmaßlichen Serienmörders im südfranzösischen Montauban nahm Sarkozy teil. Er sprach von „terroristischen Exekution“.

dpa

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