Auch Gutachter im Visier

Fall Peggy: Ulvi K. will mit Kasseler Anwältin um Schadensersatz klagen

Kassel. Ihm gehe es gut, beantwortete Ulvi Kulac Dienstagnachmittag die Frage einer Journalistin. Zumal er Geburtstag habe. Ulvi Kulac wurde im April 2004 wegen des Mordes an Peggy K. zu lebenslanger Haft verurteilt. 

Wegen eines Geständnisses, das er zwischenzeitlich widerrufen hatte. Mehr als zehn Jahre später wurde der geistig behinderte Mann in einem Wiederaufnahmeverfahren vor dem Landgericht Bayreuth hinsichtlich des Mordes an dem Mädchen freigesprochen.

An seinem 39. Geburtstag verkündete die Kasseler Anwältin Hanna Henning nun, die inzwischen Ulvi Kulac und seine Eltern vertritt, dass sie ihren Mandanten vollständig rehabilitieren und um Schadensersatz in Millionenhöhe für ihn kämpfen möchte.

Denn Ulvi Kulac war 2004 auch wegen des sexuellen Missbrauchs an Peggy K. verurteilt worden. Diese Taten waren aber kein Thema in dem Wiederaufnahmeverfahren vor zwei Jahren. Deshalb strebt Henning auch für diese Vorwürfe ein Wiederaufnahmeverfahren an. Anhand der Akten könne bewiesen werden, dass Kulac Peggy K. niemals sexuell missbraucht habe, sagte Gudrun Rödel von Kulacs Unterstützerkreis. Sie richtete vor den Journalisten in der Kasseler Kanzlei heftige Vorwürfe gegen die bayerische Justiz. In dem ersten Verfahren gegen Kulac seien „Aussagen manipuliert“ und „Zeugen für falsche Aussagen bezahlt worden“, sagte Rödel. Der Justiz sei es darum gegangen, im Fall Peggy K. einen Täter zu präsentieren, um den Fall abschließen zu können. Bayerns damaliger Innenminister Günther Beckstein (CSU) habe billigend in Kauf genommen, dass der unschuldige Kulac wegen Mordes verurteilt wird.

Weil Bayern für die Fehlverurteilung ihres Mandanten hafte, so Anwältin Henning, fordere sie von ihm für die Eltern von Ulvi Kulac Schadensersatz von mindestens einer Million Euro und für den 39-Jährigen von 750.000 Euro.

Zudem verlangt die Anwältin 600.000 Euro Schadensersatz und Schmerzensgeld von dem renommierten Sachverständigen Prof. Hans Ludwig Kröber. „Für den Fall, dass er die Leistung nicht erbringt, werden wir ihn verklagen.“ Gröber war damals in dem Glaubwürdigkeitsgutachten zu dem Ergebnis gekommen, dass das später widerrufene Geständnis von Kulac, Peggy ermordet zu haben, der Wahrheit entsprochen habe. „Ohne dieses Gutachten wäre Ulvi niemals verurteilt worden“, so Henning. Wenn man sich das Gutachten genauer anschaue, stelle man fest, dass es dazu keine Dokumentationen in Form von Ton- oder Videoaufzeichnungen gebe, wie es der Bundesgerichtshof verlange.

Nach der Pressekonferenz sagte Ulvi Kulac, der mittlerweile in einem Wohnheim für Behinderte lebt, dass es ihm nach seiner Freilassung viel besser gehe. Besonders gut sei, dass er allein zum Einkaufen gehen könne.

Von der Vermisstenmeldung bis zum DNA-Rätsel

• Mai 2001, Lichtenberg, Nord-Osten Bayerns: Peggy wird als vermisst gemeldet.

• August 2001: Ulvi Kulac wird festgenommen. Der geistig Behinderte legt ein Geständnis über den sexuellen Missbrauch von Peggy ab, widerruft es aber später.

• April 2004: Ulvi Kulac wird vom Landgericht Hof wegen Mordes an Peggy zu lebenslanger Haft verurteilt. Ins Gefängnis kam er aber nicht, da er seit 2001 wegen sexueller Übergriffe auf Kinder in einer geschlossenen Psychiatrie untergebracht ist.

• September 2010: Ein wichtiger Belastungszeuge widerruft seine Aussage gegen Ulvi Kulac.

• Apri 2013: Die Polizei nimmt die Ermittlungen im Fall Peggy und die Suche nach ihrer Leiche wieder auf.

• April 2014: Der Prozess wird am Landgericht Bayreuth neu aufgerollt.

• Mai 2014: Kulac wird im Fall Peggy freigesprochen, aber erst im Juli 2015 aus der Psychiatrie entlassen. Seitdem lebt er in einem Heim für Behinderte.

• Juli 2016: In einem Wald in der Nähe von Lichtenberg werden Knochen gefunden. Bald stellt sich heraus, dass sie wahrscheinlich von Peggy stammen.

• Oktober 2016: An der Fundstelle im Wald wird die DNA des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt entdeckt. Ist er Peggys Mörder? War es eine Ermittlungpanne? Das ist bis heute ungeklärt.

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