Nach tödlichem Fährunglück

"Sewol"-Kapitän wegen Totschlags angeklagt

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Die verunglückte Fähre "Sewol".

Seoul - Nach dem Untergang der südkoreanischen Fähre „Sewol“ müssen sich nach Medienberichten der Kapitän und drei weitere Crewmitglieder wegen des Vorwurfs des Totschlags vor Gericht verantworten.

Der Kapitän und drei weitere Besatzungsmitglieder müssen sich nach dem Untergang der südkoreanischen Fähre „Sewol“ wegen vorsätzlicher Tötung vor Gericht verantworten. Dem 68-jährigen Kapitän, zwei Offizieren und dem leitenden Ingenieur wird vorgeworfen, nichts für die Rettung der Passagiere getan zu haben, wie das Ermittlerteam am Donnerstag mitteilte. Gegen die vier erhob die Staatsanwaltschaft beim Bezirksgericht im südlichen Kwangju Anklage.

Bei der Katastrophe vor einem Monat kamen mindestens 284 der ursprünglich 476 Menschen an Bord ums Leben. Bei einer Verurteilung wegen Mordes oder fahrlässiger Tötung könnte den vier Angeklagten nach koreanischem Strafrecht eine lebenslange Haftstrafe oder sogar die Todesstrafe drohen. Allerdings wird schon seit 1997 die Todesstrafe in dem Land nicht mehr vollstreckt. Wann der Prozess beginnen soll, war zunächst unklar.

Die elf anderen leitenden Besatzungsmitglieder der „Sewol“ wurden wegen Fahrlässigkeit und anderer Vorwürfe angeklagt. Auch sie werden beschuldigt, die Passagiere auf dem sinkenden Schiff - die meisten von ihnen Jugendliche auf einem Schulausflug - im Stich gelassen zu haben.

Die Mannschaftsleitung gehörte zu den Ersten, die sich bei dem Unglück am 16. April vor der Südwestküste Südkoreas retten konnten. Ein Video der Küstenwache zeigte, wie der Kapitän, ohne Uniform und nur noch in Unterwäsche, in eines der ersten Rettungsboote am Ort der Havarie gestiegen war.

Ein scharfer Kurswechsel und eine extreme Überladung führten zu der Katastrophe. Das geht nach Berichten südkoreanischer Sender aus dem Zwischenbericht der Ermittler hervor. Außerdem seien die Ballastwassertanks nicht ausreichend gefüllt gewesen. Das mitgeführte Ballastwasser dient normalerweise der Stabilität von großen Schiffen. Nach früheren Angaben der Ermittler war die Auto- und Personenfähre regelmäßig überladen. Zum Zeitpunkt des Unglücks steuerte nicht der Kapitän, sondern die Dritte Offizierin das Schiff.

Nur 172 Menschen wurden bei dem Unglück gerettet. Am Donnerstag galten noch 20 Menschen als vermisst. Neben der Mannschaftsleitung waren auch der Geschäftsführer der Reederei der „Sewol“ und vier weitere Manager verhaftet worden. Gegen die Eigentümerfamilie der Reederei und verbundene Unternehmen wird unter anderem wegen Steuerhinterziehung ermittelt.

Die Bergungsarbeiten am Wrack werden durch die starke Strömung erschwert. Außerdem wächst die Gefahr nach Angaben der Einsatzleitung, dass die innere Struktur des Schiffes unter dem Druck zusammenbricht.

dpa

Fährunglück in Südkorea: Die wichtigsten Antworten

 - Wo war der Kapitän zum Unglückszeitpunkt?Lee Jun Seok soll nicht am Steuer der Fähre gewesen sein. Er habe kurz vorher an die 26 Jahre alte, wenig erfahrene Dritte Offizierin übergeben, teilten die südkoreanischen Ermittler mit. Wo genau sich Lee dann aufhielt, blieb offen. © dpa
- Hat der Kapitän früh genug die Evakuierung der Fähre eingeleitet?Nein, sagen zumindest die Angehörigen der Passagiere. Sie argumentieren, es hätten mehr Menschen gerettet werden können, wenn das havarierte Schiff früher geräumt worden wäre. Die Evakuierung wurde erst eingeleitet, als das Schiff schon in Seitenlage geraten war. © dpa
- Wie viele Rettungsboote wurden benutzt?Nach Medienberichten wurden nur ein oder zwei von mehr als 40 Rettungsbooten zu Wasser gelassen. Bei den Rettungsbooten auf der Fähre handelte es sich um selbstaufblasende Schlauchboote, die sich in Kästen auf dem Hauptdeck befanden. © dpa
- Warum werden noch so viele Passagiere vermisst?Die Retter vermuten, dass ein Großteil der ursprünglich 475 Menschen an Bord im Rumpf des Schiffes eingeschlossen ist. Überlebende berichten, viele Mitreisende hätten nicht mehr aus ihren Kabinen entkommen können. In Luftblasen könnten einige von ihnen noch eine Weile überlebt haben. Fast 180 Menschen wurden gerettet; bis Freitagnachmittag (Ortszeit) wurden 28 Leichen gefunden. © dpa
- Wie kam es zu dem Unglück?Die genaue Ursache ist weiter unklar. Am Ort des Untergangs soll die „Sewol“ einen Kurswechsel vorgenommen haben, heißt es von den Ermittlern. Möglich ist auch, dass die Fähre auf einen Felsen auflief und dann die Autos im Innern verrutschten. Überlebende hatten von einem großen Knall vor dem Sinken des Schiffes gesprochen. © dpa
- Weshalb war lange Zeit noch der Schiffsbug zu sehen?Der hintere Teil des Schiffes sank rasch auf den Meeresgrund - das Wasser ist hier rund 30 bis 40 Meter tief. Durch Luft im Inneren wurde der vordere Teil der Fähre eine Zeit lang über Wasser gehalten, so dass die Bugwulst noch herausragte. Inzwischen ist über der Wasseroberfläche aber gar nichts mehr von dem Schiff zu sehen. © dpa

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