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Unkontaktierte Völker: Die bedrohtesten Gesellschaften unseres Planeten

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Von: Melanie Göhlich

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Eine indigene Familie sieht sich eine Kamera an. Eine junge Mutter hält dabei ihr Kind auf dem Arm.
Die Vereinten Nationen gehen von 370 Millionen Indigenen weltweit aus. Isoliert lebende Völker haben keine Abwehrkräfte gegen andernorts weit verbreitete Krankheiten. © FOTO: SURVIVAL INTERNATIONAL

Sie leben isoliert von der modernen Industriegesellschaft. Ein Leben ohne Internet, Konsum und Fabriken – im Einklang mit der Natur. Und es ist ihr ausdrücklicher Wunsch, dass dies auch so bleibt. Doch die Welt der Unkontaktierten ist bedrohter denn je.

Vom Amazonas bis in den kongolesischen Regenwald, von den entlegenen Gebieten Indonesiens und Papua-Neuguinea über den indischen Dschungel bis in die Kalahari: Weltweit gibt es geschätzt 5000 indigene Völker, jedes mit eigenen kulturellen Riten, Geschichten und Sprachen, die außer ihnen fast niemand spricht. Einige dieser Völker werden als „unkontaktierte Völker“ bezeichnet, da sie abgeschieden von der Außenwelt leben und jeglichen Kontakt zu Menschen außerhalb ihrer Gesellschaft meiden.

Brasiliens Amazonasgebiet ist Heimat der weltweit größten Anzahl unkontaktierter Völker

Brasiliens Amazonasgebiet ist Heimat der weltweit größten Anzahl unkontaktierter Völker. Es könnten nach Schätzungen der brasilianischen Behörde für indigene Angelegenheiten Funai (Fundação Nacional do Índio) mindestens 100 dieser Gruppen im Regenwald leben. „Als unkontaktiertes Volk werden Gesellschaften bezeichnet, die keinen friedlichen und regelmäßigen Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft haben“, erklärt Niklas Ennen von der Organisation Survival International, die sich seit 50 Jahren für indigene Völker einsetzt. Eine große Anzahl unkontaktierter Völker lebt in der unzugänglichen Grenzregion zwischen Peru und Brasilien. So sind die unkonktaktierten Gruppen im brasilianischem Bundesstaat Acre höchstwahrscheinlich Nachfahren der Überlebenden des Kautschuk-Booms in Brasilien, bei dem im frühen 20. Jahrhundert viele Indigene versklavt wurden.

Es wird vermutet, dass die Überlebenden entkamen, indem sie entlang der Flüsse flohen und sich in den Wäldern ansiedelten. „Unkontaktierte Völker haben über Jahrhunderte Lebensweisen entwickelt, die ausschließlich selbstversorgend und außergewöhnlich vielfältig sind“, erklärt Ennen. „Das macht sie aber besonders verletzlich – sie sind die bedrohtesten Gesellschaften unseres Planeten, da sie auf ihr angestammtes Land zum Überleben angewiesen sind und nicht dem Mainstream entsprechen. Sie könnten ausgelöscht werden, wenn ihr Land nicht geschützt wird.“

Lebensraum der indigenen Bevölkerung wird massiv bedroht

Denn das Land, auf dem sie leben, ist wertvoll: Ölbohrungen in Peru oder die zunehmende Rodung des brasilianischen Regenwaldes führen dazu, dass der Lebensraum der indigenen Bevölkerung dort massiv bedroht ist. Und somit auch ihre Existenz. Viele indigene Völker stehen durch die Begehrlichkeiten der Industriebevölkerung am Rande der Auslöschung. „Wir müssen uns klar machen, dass die Gefahren, die die indigenen Völker bedrohen, vom Globalen Norden ausgehen,“ sagt Ennen. „Der Druck auf ihre Gebiete geht häufig von Rinderzucht, Sojaanbau und Goldförderung aus – also Industrien, die zum großen Teil für den europäischen Markt produzieren. Daher müssen wir in Europa unsere Konsumgewohnheiten und unseren Ressourcenhunger kritisch hinterfragen. Jedes brasilianische Steak auf unseren Tellern hat Auswirkungen auf das Leben indigener Völker im Amazonasgebiet.“

Weitere Informationen zu Unkontaktierten Völker auf der Seite von Survival International unter zu.hna.de/Unkontaktiert

Ein Luftbild von einem Unkontaktierten in einer Bananenplantage im brasilianischen Bundesstaat Acre
In seltenen Fällen gelingen Aufnahmen wie dieses Luftbild, das einen Unkontaktierten in einer Bananenplantage im brasilianischen Bundesstaat Acre zeigt. © FOTO: G. MIRANDA/FUNAI/SURVIVAL

Niklas Ennen von Survival International über den Indigen-Tourismus 

Sie werden als Attraktion verkauft

Niklas Ennen von Survival International
Junger Mann mit weißem Hemd lächelt in die Kamera. Er heißt Niklas Ennen (33) arbeitet als Pressesprecher für das Berliner Büro von Survival International.
Niklas Ennen (33) arbeitet als Pressesprecher für das Berliner Büro von Survival International. Die Menschenrechtsorganisation hilft indigenen Völkern dabei, ihr Leben zu verteidigen. Sie finanziert sich durch Spenden und lehnt Geld von nationalen Regierungen und Unternehmen ab, die die Rechte Indigener verletzen. © Privat

Einige indigene Völker bieten mit Tourismusprojekten Einblick in ihr Leben. Sie sind inzwischen auf die Einnahmen angewiesen, da sie ihr Land verloren haben und ihre Lebensweise aufgeben mussten. Herr Ennen, wie gefährlich ist diese Art von Tourismus in Zeiten von Covid-19, Grippe und Co.?

Generell kann man sagen, dass indigene Völker durch Viruserkrankungen besonders gefährdet sind. Stärker als Angehörige der westlichen Gesellschaft. Indigene Völker haben oft keine Abwehrkräfte gegen Krankheiten wie die Grippe, was dazu führt, dass die Krankheitsverläufe besonders schwer sind. Zudem lebt die Hälfte der indigenen Gemeinden in Brasilien mehr als 200 Kilometer von der nächsten Intensivstation entfernt. Bei sehr abgelegenen Gebieten kann die Reise per Boot eine Woche in Anspruch nehmen – Zeit, die an Covid-19-Erkrankte nicht haben. Für unkontaktierte Völker sind die Gefahren noch größer, da selbst eine Grippe zum Tod der Hälfte der Bevölkerung innerhalb weniger Jahre führt.

Sich in der Nähe von isolierten Völkern aufzuhalten, kann aber auch lebensbedrohliche Auswirkungen auf die Touristen haben. Einige Völker – wie die Bewohner von Sentinel Island – gelten als gefährlich, da sie ihren Lebensraum vor Eindringlingen beschützen. Was ist dazu bekannt?

Zuerst möchte ich auf das Vorurteil eingehen, dass indigene Völker besonders brutal, primitiv oder gefährlich sind. Diese Erzählung wurde gerade in der Kolonialzeit genutzt, um diese Menschen zu kontrollieren, zu bekämpfen und ihnen ihr Land zu rauben. Die Anwendung von Gewalt durch unkontaktierte Völker ist eine Reaktion auf die Verletzung ihrer Land rechte und das Eindringen von Fremden. Und nicht, wie es bei der westlichen Zivilisation der Fall ist, dem Ressourcen- oder Machthunger geschuldet. Diese Völker besitzen die gleichen Menschenrechte wie wir, und wenn diese verletzt werden, dann haben sie auch das Recht, sich zu verteidigen. Reisen zu Völkern, die keinen regelmäßigen Kontakt zu Außenstehenden haben, sind niemals eine gute Idee, da sie eine Gefahr für alle Beteiligten darstellen.

Wie lässt sich herausfinden, ob ein Reiseanbieter respektvoll mit den Indigenen kooperiert?

Wie respektvoll der Umgang mit der lokalen Bevölkerung gepflegt wird, lässt sich oft an den Werbematerialien der Anbieter erkennen. Wenn mit der vermeintlichen Primitivität oder der Ursprünglichkeit der lokalen Bevölkerung geworben wird, kann man davon ausgehen, dass sie als Attraktion verkauft werden und nicht aus eigenen Stücken an diesem touristischen Modell teilnehmen. Ein Beispiel sind die Jarawa, ein kürzlich kontaktiertes Volk auf den Inseln Middle Andaman und South Andaman im Indischen Ozean. Durch ihr Gebiet wurde illegal eine Straße gebaut, auf der Touristen fuhren. Diese versuchten, die indigene Bevölkerung wie wilde Tiere zu erspähen, sie mit Süßigkeiten anzulocken und sie dazu zu bringen, für sie zu tanzen. Diese „Menschensafaris“ sind menschenverachtend und eine Bedrohung der indigenen Gemeinden. 

Sentinelesen: Das isolierteste Volk der Welt auf North Sentinel Island

Die Sentinelesen leben auf North Sentinel Island im Indischen Ozean. Sie lehnen jeden Kontakt zu Außenstehenden ab und gelten als das am meisten isolierte Volk der Welt. Sie greifen jeden an, der sich ihnen nähert. Das Wissen über die Sentinelesen beruht daher rein auf Beobachtungen aus der Ferne. Bekannt ist nur, dass sie circa 200 Menschen zählen und seit etwa 55 000 Jahren auf North Sentinel Island leben. Sie sollen direkte Nachfahren der ersten Menschen sein, die auf ihrer Wanderung aus Afrika die Andamanen-Inseln besiedelten. Die Versuche der indischen Regierung, Kontakt aufzubauen, wurden 1996 beendet, nachdem die Inselbewohner nicht wie gewünscht auf Geschenke reagiert hatten. Heutzutage steht die Insel unter dem Schutz der indischen Regierung. Es ist verboten, sie zu betreten oder sich in den Küstengewässern aufzuhalten

(Melanie Goehlich)

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