535 Millionen Jahre altes Fossil entdeckt

Unser Ur-Ur-Ur-Ahn war ein Großmaul

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Winzig, aber mit überdimensioniertem Mund: So haben die Wissenschaftler den „Saccorhytus coronarius“ rekonstruiert. Das Lebewesen, das ein entfernter Vorfahr des Menschen ist, war nur einen Millimeter groß.

Kassel - Forscher haben eine bisher unbekannten Vorfahren des menschen entdeckt. Der Winzling ist allerdings optisch betrachtet nicht gerade ein Vorfahr, mit dem man sich gerne identifizieren möchte.

Unter Wissenschaftlern gilt die Entdeckung als kleine Sensation: Ein internationales Forscherteam hat laut hna.de ein 535 Millionen Jahre altes, winziges Fossil gefunden, bei dem es sich um einen Ur-Ur-Ur-Ahnen des Menschen handelt. Zu den Wissenschaftlern gehört auch der chinesische Paläontologe Dr. Qiang Ou.

Der Wissenschaftler forscht der derzeit als Gast an der Universität Kassel. Das fossilisierte Lebewesen, das nach seinem Erscheinungsbild Saccorhytus coronarius getauft wurde, was so viel bedeutet wie „faltiger Sack mit kranzförmigem Maul“, wurde in einer Kalksteinschicht in Südchina gefunden. Das Gestein stammt aus der Frühphase des Kambrium, einer Epoche, in der eine regelrechte „Explosion des Lebens“ stattfand, wie Ou auf Englisch erklärt. Damals entstanden in der erdgeschichtlich kurzen Periode von fünf bis zehn Millionen Jahren die Vorfahren fast aller heutigen Tierstämme.

Saccorhytus coronarius nur 1 Millimeter groß

Bei dem gerade mal einen Millimeter großen Fossil handelt es sich nach den Erkenntnissen der Forscher um ein Exemplar aus der Frühzeit der Entwicklung der sogenannten Neumünder (Deuterostomia). Die Neumünder bilden eine Abstammungsgemeinschaft, die alle Säugetiere und damit auch den Menschen umfasst, aber auch Seesterne, Fische, Amphibien, Reptilien und Vögel. Sie werden unterschieden von den sogenannten Urmündern (Protostomia), zu denen zum Beispiel Insekten, Spinnen und Krebstiere gehören.

Gemeinsam ist diesen beiden Gruppen, dass sie in ihrer Entwicklung beide zunächst eine große Öffnung, den Urmund, besitzen. Sie bilden dann aber beide eine zweite Öffnung aus, sodass eine zur Nahrungsaufnahme und eine zur Ausscheidung dient. Während sich bei den Protostomia der Urmund sozusagen der Mund bleibt und der After nachträglich durchbricht, hat bei den Deuterostomia – also unseren Vorfahren – der After Priorität. Bei ihnen wird der Urmund zum Anus und der eigentliche Mund entsteht an anderer Stelle neu. Diese Reihenfolge lässt sich übrigens bis heute bei der Entwicklung menschlicher Embryos nachvollziehen.

Im Süden der Volksrepublik China wurde im Februar 2017 ein Meeresfossil entdeckt, das als Beweis für lebende Geburten bei den Vorfahren von Krokodilen und Vögeln gilt.

Der Paläontologe Dr. Qiang Ou aus China ist als Gastwissenschaftler an der Uni Kassel.

So unappetitlich das klingen mag, so wenig attraktiv mutet auch die Beschreibung des ältesten menschlichen Vorfahren, den die Forscher aus dem uralten Gestein zutage förderten. Der Saccorhytus coronarius sah aus wie ein kleiner Sack mit großem Maul, mit dem das Tier den Meeresgrund nach Nahrung absuchte. Um den Mund herum befanden sich acht kegelförmige Öffnungen, erklärt der Paläontologe Ou, laut hna.de. Dabei handelte es sich vermutlich um Kiemenöffnungen, die Ausscheidungsfunktion hatten. Einen Anus hatte das Unterwasser-Wesen nämlich nicht. Das deute darauf hin, dass die Tierchen ganz am Anfang der Entwicklung der Neumünder stand, erklärt der 40-jährige Wissenschaftler aus China. Ou: „Der Fund schließt eine große Lücke in der Frühgeschichte der Neumünder.“ So unscheinbar das winzige Wesen vor 540 Jahren am Meeresgrund war, im Licht der Wissenschaft ist es nun ein Riese.

Saccorhytus coronarius war im Gestein versteckt

Ingesamt 70 Exemplare des Saccorhytus coronarius entdeckte die Forschergruppe in den drei Tonnen Kalkstein. In mühevoller Arbeit galt es, die millimeterkleinen Fossilien zu entdecken. „Das ist wie die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen“, sagt Dr. Qiang Ou. Eine Chance haben die Wissenschaftler dabei nur durch den Einsatz von Rasterelektronenmikroskopen, die eine 10.000-fache Vergrößerung erlauben. Zur Rekonstruktion der im Gestein konservierten Überreste benutzten sie außerdem Mikrocomputertomografie, um ein 3D-Röntgenbild zu erhalten.

Wie die industrielle Computertomographie genau funktioniert, wird bei Wikipedia erklärt. Ou war in dem Forscherteam für die phylogenetische Analyse zuständig. Er wertete also zum Beispiel die anatomischen Merkmale des Fossils aus. Der 40-Jährige ist derzeit als Stipendiat der Alexander-von-Humboldt-Stiftung für zwei Jahre zu Gast an der Uni Kassel. Er forscht im Team von Prof. Dr. Georg Mayer am Fachgebiet Zoologie.

mm/tz

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