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Elternzeit: "Woanders ist auch scheiße" - warum Urlaub zu Hause am schönsten ist

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Von: Matthias Lohr

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Sieht aus wie in Frankreich, ist aber am Edersee: Der Blick vom Peterskopf über den Kellerwald. © Lohr

Wer nicht in Urlaub fährt, fühlt sich wie ein Nichttätowierter am Strand. Selbst Kinder machen heute Fernreisen. Dabei kann man auch daheim viel lernen - selbst wenn man seine Straße ein Jahr nicht verlässt.

Als die Sommerferien begannen, haben sich unsere Kinder sehr schlecht gefühlt. Schuld daran war die HNA. Dort lasen sie eine Umfrage unter Kasseler Schülern, die erzählten, wohin sie in den Sommerferien reisen würden. Die Ziele lagen in Frankreich, den USA, Kroatien, Österreich, Italien und Spanien. Es fehlten eigentlich nur Neuseeland und der Mars. Und ich sagte: "Am Edersee ist es auch schön."

Wer nicht in Urlaub fährt, der fühlt sich heutzutage wie ein Nichttätowierter am Strand - ziemlich allein. Dabei fanden es die Kinder am Edersee dann tatsächlich schön. Sie wollten sogar überhaupt nicht mehr nach Hause, was auch daran lag, dass es an Hessens größtem Stausee nicht so überlaufen war wie sonst im Sommer. Die meisten denken: Weil der Edersee gerade nicht einmal zu einem Viertel gefüllt ist, lohnt sich ein Urlaub dort nicht. Dabei kann man seine Zeit dort immer noch mit jenen Tätigkeiten verbringen, wie man es sonst auch täte.

Auf einer Wanderung durch den Nationalpark Kellerwald kann man auch sehr gut darüber nachdenken, warum es im Sommer alle immer in die ganz weite Ferne zieht. Zuerst fällt einem der Bochumer Kabarettist Frank Goosen ein, der schon vor Jahren feststellte: "Woanders ist auch scheiße." Es ist schwierig, seine These zu widerlegen. Gerade wenn man an die Nordsee fährt. Die deutsche Rockband Tocotronic meinte sicher auch die norddeutsche Tiefebene, als Frontmann Dirk von Lowtzow sang: "Wir haben gehalten in der langweiligsten Landschaft der Welt."

Und trotzdem fahren die Menschen Jahr für Jahr dort hoch. Oder sie geben ihr Geld in "bratpfannenheißen Ländern aus", wie der Schriftsteller Max Goldt schrieb: "Mit verkohlten Visagen kehrt man zurück, sieht aus wie die Kinder von Seveso, hält es dabei aber für erstrebenswert, wie das Opfer einer Giftgaskatastrophe auszusehen."

Die Reiselust wird wahrscheinlich zur nächsten Katastrophe führen. Nicht einmal die schlimmsten Szenarien des Klimawandels halten Touristen davon ab, mindestens zweimal im Jahr nach Thailand oder auf die Fidschi-Inseln zu fliegen. Der dänische Regisseur Lars von Trier, der schon einen Film über den Weltuntergang gedreht hat, hält es übrigens für "sehr wichtig, nicht zu reisen. Dann bleibt die Welt ein wunderbarer Ort." Er glaubt, "es ist leichter, in Frieden zu leben, wenn man nicht reist“.

Vielleicht sollte man es machen wie Marnix Haak. Der 29 Jahre alte Niederländer hat sich vorgenommen, ein Jahr lang die 600 Meter lange Javastraat in Amsterdam nicht zu verlassen. Mittlerweile sind elf Monate um, und Haak ist immer noch begeistert von seinem ungewöhnlichen Projekt. Er sagt, er hätte in dieser Zeit in seiner Straße mehr über das Leben gelernt als auf sämtlichen Reisen als Rucksacktourist durch Asien. Wer jetzt etwas penibel anführt, dass man daheim keine fremden Sprachen kennenlernen kann, war noch nie in der Schwalm.

Die Kinder wollen übrigens jetzt unbedingt in die Niederlande fahren. Das passt auch deshalb, weil die Hälfte der Holländer gerade Richtung Edersee unterwegs ist.

Buchtipp: Heiki Abidi, Anja Koeseling: Urlaubstraum(a) Deutschland. Wellen, Berge, Bauernhof – Warum es zu Hause doch am schrägsten ist. Eden-Books, 288 Seiten, 9,95 Euro.

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