Opfer waren Frauen aus Bad Gandersheim und aus dem Uslarer Land

Urteil im Mordprozess um Horrorhaus von Höxter: Lange Haftstrafen für Angeklagte

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Der Angeklagte Wilfried Max W. (5.v.l.) sitzt zwischen seinen Verteidigern. Rechts daneben unterhält sich die Angeklagte Angelika W. (2.v.r.) mit ihrem Anwalt.

Im Mordprozess um das sogenannte Horrorhaus von Höxter ist nach fast zwei Jahren Verfahrensdauer heute ein Urteil gesprochen worden. Dennoch bleiben viele Fragen offen.

Zuletzt aktualisiert um 11.50 Uhr. Im Mordprozess um den Tod zweier Frauen im sogenannten Horrorhaus von Höxter sind die beiden Angeklagten zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt worden. Das Landgericht Paderborn verurteilte Angelika W. am Freitag zu 13 Jahren und ihren Ex-Mann Wilfried W. zu 11 Jahren. Der 48-Jährige soll in einer Psychiatrie untergebracht werden. Damit folge das Gericht den Forderungen von Staatsanwaltschaft und Nebenklägern nicht.

Nach fast zwei Jahren Prozess hat die Mitangeklagte Angelika W. erstmals deutliche Worte der Entschuldigung an die Opfer gerichtet. "Ich möchte mich in aller Form bei allen Frauen entschuldigen, denen ich Leid angetan habe", sagte sie am Freitag kurz vor der erwarteten Urteilsverkündung. 

Ihr mitangeklagter Ex-Mann Wilfried W. sagte: "Ich wusste nicht, was richtig oder falsch ist. Deswegen wäre eine Therapie gar nicht so schlecht." In Bezug auf seine Ex-Frau fügte er hinzu: "Zu Angelika habe ich keine Worte mehr – mit ihren Lügen. Ich kann nur sagen, da ist nichts dran." Vor Gericht hatten sich die beiden Angeklagten gegenseitig schwere Vorwürfe gemacht.

Die Fakten hingegen waren unstrittig: Die beiden Angeklagten sollen jahrelang mit Kontaktanzeigen eine Vielzahl von Frauen in das Haus gelockt, seelisch und körperlich schwer misshandelt und finanziell ausgebeutet haben. Zwei Frauen aus Südniedersachsen - eine 41-Jährige aus Bad Gandersheim und Anika W. aus dem Uslarer Land - starben infolge der Quälereien.

Alle Prozessbeteiligten lobten vor dem Urteil das faire Verfahren und den Umgang zwischen Gericht, Verteidigern und Anklage. Der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus und seine Kollegen müssen jetzt über die Anträge von Staatsanwaltschaft, Nebenklägern und Verteidigern entscheiden. Die Forderungen liegen zum Teil weit auseinander: Am einen Ende der Skala steht die Forderung nach lebenslanger Haft für beide mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und Einweisung in die Psychiatrie von Wilfried W.; am anderen Ende werden siebeneinhalb Jahre Haft für den Angeklagten und Freispruch für Angelika W. gefordert.

Die Angeklagte Angelika W. neben ihrem Verteidiger. Im Mordprozess um das sogenannte Horrorhaus von Höxter hatte der Verteidiger Freispruch für die Angeklagte gefordert. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, zweifacher Mord durch Unterlassen und versuchter Mord, seien nicht haltbar, sagte Anwalt Peter Wüller in seinem Plädoyer am Landgericht Paderborn.

Nach vorläufigen Berechnungen des Gerichts wird der Prozess rund eine halbe Million Euro kosten. Bei einer Verurteilung müssen die Angeklagten die Gerichtskosten übernehmen. Dabei entfallen auf die sieben Anwälte zusammen rund 280.000 Euro. Die Gutachter haben ihre Arbeit mit rund 200.000 Euro berechnet. "Noch liegen aber nicht alle Posten vor", sagte Emminghaus vor dem Urteil. Nach seinem Urteilsspruch geht der Jurist am Freitag in den Ruhestand, den er bereits im Mai antreten wollte.

Staatsanwaltschaft und Nebenkläger hatten für die beiden Angeklagten lebenslange Haftstrafen und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld beantragt. Wilfried W. sollte nach dem Willen der Anklage in einer Psychiatrie untergebracht werden.

Die Strafanträge der Verteidiger waren dagegen deutlich niedriger ausgefallen. Für Wilfried W. hatten die Anwälte wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung sieben Jahre und sechs Monate Haft gefordert, da er nur vermindert schuldfähig sei. Für Angelika W. hatten ihre Verteidiger einen Freispruch gefordert, weil es für den angeklagten Straftatbestand Mord durch Unterlassen an Beweisen mangele.

Es bleiben viele Fragen offen

Die Frage nach dem "Warum?" ist in jedem Strafprozess einer der zentralen Punkte. Warum hat jemand eine schwere Straftat begangen? Im Mordprozess um das sogenannte Horrorhaus von Höxter galt es gleich eine ganze Reihe von Fragen zu beantworten. Wie gelang es den beiden Angeklagten, immer wieder Frauen in ihr Haus zu locken? Warum konnten sich so viele der Opfer nicht von Wilfried W. (48) und Angelika W. (49) lösen, geschweige denn zur Polizei gehen? Was führte zum Tod zweier Frauen aus Niedersachsen, die das Martyrium nicht überlebten?

Detlev Binder, Anwalt des Angeklagten, spricht von einem doppelten Tabubruch, der für den großen Schock sorgte: "Tabu 1: Man quält keine Menschen. Tabu 2: Frauen quälen keine Frauen. Und die Nachrichten aus dem Haus in Höxter haben sich potenziert. Das konnte sich in diesem Ausmaß niemand vorstellen", sagt der Anwalt am Rande des Prozesses kurz vor seinem Plädoyer im September. Das Geschehen widerspreche "jeder Grunderziehung in unserer Gesellschaft", betont der Jurist.

Unabhängig vom Urteil, das das Landgericht am heutigen Freitag sprechen will, äußerten sich alle Prozessbeteiligten fassungslos über das Geschehen in Höxter. So nannte Peter Wüller, Verteidiger von Angelika W., die Taten eine systematische Entmenschlichung der Frauen. Die Opfer seien schlechter als Vieh behandelt worden. "Das war abartig, krank. Da schauert es einem", sagte der Anwalt in seinem Plädoyer.

Nach außen unscheinbar: Das so genannte Horrorhaus von Höxter. Zwei Frauen starben infolge der Quälereien, die sie hier erlitten haben sollen. Sie kamen aus Bad Gandersheim und aus dem Uslarer Land.

Der Verteidiger von Wilfried W. verweist auf den Schock für die Nachbarn und den Ort. "Zuerst der Schock über die Taten in der Nachbarschaft. Doch so etwas nicht bei uns im friedlichen Höxter, hieß es. Das passte ganz einfach nicht zu dieser tief katholischen Region." Nach Ansicht von Binder hat sich aber der Blick auf die Angeklagten in dem Prozess verändert: "Einer ist der Böse. Wilfried hält sich Frauen, um sie zu quälen. Am Anfang sahen alle Angelika als Opfer. Dann kippte die Stimmung, nachdem sich die Angeklagte über Tage selbst äußerte", meint Binder. "Da waren plötzlich beide gleichberechtigt", sagt er.

Dann folgte im Prozess eine lange Phase der Ungewissheit. Das Gericht musste den Gutachter für Wilfried W. wegen dessen Krankheit von der Aufgabe entbinden. Der Psychiater hatte sich zuvor in Widersprüche verwickelt. Für ihn sprang die Gutachterin ein, die auch die Angeklagte Angelika W. untersucht hatte. Aber sie brauchte für ihre zusätzliche Aufgabe Zeit. Monate vergingen, im Prozess entstand aus Sicht von Beobachtern Leerlauf. Am Ende, an diesem Freitag, werden 60 Verhandlungstage im Kalender stehen. Viele waren aber wegen der Strafprozessordnung reine Überbrückungstermine ohne Erkenntnisgewinn.

Das Horrorhaus von Höxter: Paar soll Frauen misshandelt und getötet haben

Horrorhaus von Höxter
Das Landgericht Paderborn spricht am Freitag (5. Oktober) ein Urteil zu den Geschehnissen im sogenannten Horrorhaus von Höxter. Angeklagt wegen Mordes durch Unterlassen sind Wilfried W. und seine Ex-Frau Angelika W. © Friso Gentsch/dpa
Horrorhaus von Höxter
1999 lernt der gebürtige Bochumer Wilfried W. die in Herford geborene Angeklagte Angelika B. kennen. Sie heiraten. 2011 mietet das Paar im Ortsteil Höxter-Bosseborn einen Hof. Später trennen sie sich. © Friso Gentsch/dpa
Das Horrorhaus von Höxter
Mehr als drei Monate soll eine Frau aus dem Großraum Berlin 2012 von Wilfried W. und Angelika W. misshandelt und gefangen gehalten worden sein. Später wird sie von den Beschuldigten in einen Zug nach Hause gesetzt. Das Opfer traut sich erst 2016, gegenüber der Polizei auszusagen, als es in Medienberichten das Haus in Ostwestfalen wiedererkannte. © Jonas Güttler/dpa
Horrorhaus von Höxter
Über eine Zeitungsanzeige kommt Anika W. aus dem Uslarer Land 2013 nach Bosseborn. Nach kurzer Zeit heiratet sie Wilfried W., der weiter mit seiner Ex-Frau in dem Haus wohnt. Gemeinsam sollen sie die 33-Jährige gequält haben, wie aus den Aussagen der Angeklagten hervorgeht. © Privat
Horrorhaus von Höxter
Im August 2014 stirbt die misshandelte Frau an ihren Verletzungen. Das Paar soll die Leiche in einer Tiefkühltruhe eingefroren, zerstückelt und verbrannt sowie die Asche an Straßenrändern verteilt haben. Das Paar habe immer wieder SMS-Nachrichten an die Mutter des Opfers geschickt, die bis April 2016 davon aus, dass ihre Tochter lebt. © Friso Gentsch/dpa
Horrorhaus von Höxter
Die 41-jährige Susanne F. aus dem niedersächsischen Bad Gandersheim reagiert im Februar 2016 auf eine Zeitungsanzeige von Wilfried W. und kommt im März in das Haus in Bosseborn. Über mehrere Wochen wird sie festgehalten und misshandelt. © dpa-avis/Marcel Kusch/Archiv
Horrorhaus von Höxter
Mit der schwer verletzten Frau im Auto fährt das Paar im April 2016 in Richtung Bad Gandersheim. Dort wollen sie die Frau in ihre Wohnung zurückbringen. Eine Autopanne durchkreuzt jedoch den Plan. © Max Holscher
Horrorhaus von Höxter
Wilfried W. und seine Angelika W. entscheiden sich, einen Rettungswagen zu rufen. Das Opfer stirbt einen Tag später, die Ärzte schalten die Polizei ein. Wenige Tage später wird Haftbefehl gegen Wilfried W. und seine Ex-Frau erlassen. © Marcel Kusch/dpa
Horrorhaus von Höxter
Die Ermittler geben einen Monat später Details bekannt. Die Beschuldigte hat demnach umfassend über beide Todesfälle ausgesagt, Wilfried W. bestreitet jede Schuld. © Marcel Kusch/dpa
Horrorhaus von Höxter
Die Polizei sucht nach weiteren Frauen, die in der Gewalt des Paares in Bosseborn - hier die Haustür ihres Hauses - gewesen sein könnten. © Marcel Kusch/dpa
Horrorhaus von Höxter
Ralf Meyer, Staatsanwaltschaft Paderborn, Ralf Östermann, Leiter Mordkommission, und Achim Ridder, Pressesprecher Polizei Bielefeld, sitzen am 3. Mai 2016 bei einer Pressekonferenz in den Räumen der Polizei in Bielefeld. Polizei und Staatsanwaltschaft informierten bei einer Pressekonferenz über den Stand der Ermittlungen. © Friso Gentsch/dpa
Horrorhaus von Höxter
Im Oktober 2016 beginnt des Prozesses gegen Wilfried W. und Angelika W. © Guido Kirchner/dpa
Horrorhaus von Höxter
Ende 2016 schildert Angelika W. bei ihrer Befragung im Prozess grausame Details. Ohne ersichtliches Unrechtsbewusstsein berichtet sie, wie sie selbst Opfer und dann Täterin geworden sei. Nach ihrer Sicht scheinen die Frauen selbst Schuld an den Übergriffen zu tragen. © Friso Gentsch/dpa
Horrorhaus von Höxter
Laut der Gutachterin Nahlah Saimeh haben die Angeklagten eine gewachsene Einheit gebildet, um ihre Opfer einzuschüchtern und zu manipulieren. Die überdurchschnittlich intelligente Angelika W. hält sie für schuldfähig. Allerdings zeige sie Züge von Autismus und könne daher kein Mitleid mit Opfern und Angehörigen empfinden. Saimeh empfiehlt Wilfried W. in die Psychiatrie einzuweisen. Er sei vermindert schuldfähig und habe eine erhebliche Intelligenzminderung. © Friso Gentsch/dpa
Horrorhaus von Höxter
Im September 2018 forderten Staatsanwalt und Nebenkläger lebenslange Freiheitsstrafen und das Feststellen der besonderen Schwere der Schuld für beide Angeklagten. Seine Verteidiger sprechen sich wegen gefährlicher Körperverletzung und versuchten Mordes für sieben Jahre und sechs Monate Haft und Einweisung in die Psychiatrie aus. © Friso Gentsch/dpa
Horrorhaus von Höxter
Die Verteidiger von Angelika W. fordern für sie Freispruch. Sollte das Gericht dem nicht folgen, schlagen ihre Anwälte wegen umfassender Aussage eine Kronzeugenregelung vor. Dann soll sie für 12 Jahre ins Gefängnis. © Friso Gentsch/dpa
Horrorhaus von Höxter
Alle Prozessbeteiligten lobten vor dem Urteil das faire Verfahren und den Umgang zwischen Gericht, Verteidigern und Anklage. Der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus und seine Kollegen müssen über die Anträge von Staatsanwaltschaft, Nebenklägern und Verteidigern entscheiden. © Friso Gentsch/dpa

Dann der Paukenschlag. Im Prozess hatten sich Angelika W. und ihr Ex-Mann immer wieder gegenseitig beschuldigt, für die Taten in ihrem Haus in Höxter verantwortlich zu sein. Die forensische Gutachterin Nahlah Saimeh löste das Rätsel auf. Nach ihrer Analyse hatte das Paar über 16 Jahre ihrer Beziehung ein perfektes System entwickelt, um Frauen in die Falle zu locken. Angelika W. hat demnach Züge von Autismus und kann kein Mitleid für ihre Mitmenschen oder Opfer empfinden. Sexualität setze sie als Machtinstrument ein. Sie sei hochintelligent und extrem herrsch- und machtbewusst. Das zeigte sie immer wieder auch im Prozess, in dem sie nach ihren Regeln spielen lassen wollte.

Wilfried W. dagegen ist der Gutachterin zufolge im juristischen Sinne schwachsinnig. Seine Weltsicht sei vergleichbar mit der eines Grundschulkindes. Er sei ständig auf der Suche nach Frauen für die große Liebe. Allerdings wisse er nicht, was das eigentlich bedeutet. "Schuld oder Verantwortung sind ihm nicht beizubringen", sagte die Gutachterin in ihrer Stellungnahme. Wilfried W. sei nur vermindert schuldfähig und sollte in eine Psychiatrie eingewiesen werden. Erst beide zusammen hätten das System ermöglicht. Ohne den jeweils anderen hätten die Misshandlungen in Höxter nicht funktioniert, sagte Saimeh.

Anika W., aufgewachsen in Dinkelhausen im Uslarer Land, starb im August 2014 an den Folgen der Misshandlungen.

Was genau war dieses System? Angelika W. und Wilfried W. suchten sich meist Frauen aus, die psychisch labil waren und nur wenige soziale Kontakte hatten, wie im Prozess deutlich wurde. Meldeten sich Frauen per Kontaktanzeige, auf die das nicht zutraf, wurden diese Kontakte schnell beendet. Die Opfer, die blieben, wurden durch sogenanntes Gaslighting gefügig gemacht. Sie wurden gezielt desorientiert, manipuliert und ihres Selbstbewusstseins beraubt. Angelika W. und Wilfried W. nahmen den Frauen demnach Geld, Handy oder Führerschein ab. Gab es noch Kontakte zu der Familie oder Freunden, wurden diese beispielsweise durch gefälschte SMS-Nachrichten torpediert und dann gekappt.

"Das erinnert stark an Methoden aus dem Rotlichtmilieu, wo Frauen auch mit ähnliche Methoden gefügig gemacht werden", sagte Anwalt Roland Weber in seinem Plädoyer als Vertreter einer Nebenklägerin. Er zweifelt aber an einer verminderten Schuldfähigkeit von Wilfried W. Wie auch der Staatsanwalt fordert er für beide Angeklagten eine lebenslange Haftstrafe und zusätzlich noch die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Außerdem soll der Angeklagte in die Psychiatrie.

Beamte im Einsatz, nachdem die Taten entdeckt worden waren.

Opferanwalt Weber verweist auch darauf, dass Wilfried W. bereits 1996 zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt wurde. Wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Nötigung. Wilfried hatte seine damalige Ehefrau misshandelt und gequält - zusammen mit einer Komplizin. Ein Psychiater hatte ihn damals aber nicht untersucht.

Für Verteidiger Binder aber ist die psychiatrische Einordnung der Taten der Schlüssel für alle Fragen. "Mit der Gutachterin hat endlich jemand aufgezeigt, was auf der Hand liegt", sagt Binder über das Verhalten seines Mandanten. Wilfried W. sei unglaublich naiv. Er plappere nur Dinge nach, "auch mir als Verteidiger", verdeutlicht Binder. Er habe mit Kollegen den Angeklagten etwa 100 Mal in der Justizvollzugsanstalt besucht. Anfangs habe er gedacht, was erzählt der mir da? Später sei ihm klar geworden, das "meint der ernst".

Polizeifahrzeuge stehen im Mai 2016 vor dem Haus des beschuldigten Ehepaares in Höxter-Bosseborn.

Nicht alle Fragen konnten in dem Prozess geklärt werden. So die genaue Todesursache des Opfers Anika W. Das Paar soll die Leiche der Niedersächsin 2014 in einer Tiefkühltruhe eingefroren, zerstückelt und verbrannt sowie die Asche an Straßenrändern verteilt haben. Über die Frage, ob der Tod des zweiten Opfers zu verhindern gewesen wäre, tobte im Gericht ein Gutachterstreit. Susanne F., ebenfalls aus Niedersachsen, starb 2016 im Krankenhaus - einen Tag, nachdem eine Autopanne der Angeklagten die Ermittlungen ins Rollen brachte. Sie wollten die Schwerverletzte auf der Rückbank ursprünglich nur in deren Wohnung zurückbringen.

Aus dem Archiv: Vor Ort in Bosseborn: Menschliche Abgründe und Spurensuche

Das "Horrorhaus" von Höxter - Eine Chronologie der Ereignisse

Das Landgericht Paderborn spicht am Freitag ein Urteil zu den Geschehnissen im sogenannten Horrorhaus von Höxter. Angeklagt wegen Mordes durch Unterlassen sind Wilfried W. (48) und seine Ex-Frau Angelika W. (49). Eine Chronologie der Ereignisse.

1995: Das Amtsgericht Paderborn verurteilt den damals 25-jährigen Wilfried W. wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Nötigung zu zwei Jahren und neun Monaten Haft. Er hat laut Gericht seine Frau misshandelt und gequält zusammen mit einer Komplizin.

1999: Der gebürtige Bochumer lernt die in Herford geborene heute 49-jährige Angeklagte Angelika B. kennen. Sie heiraten.

2011: Im Ortsteil Höxter-Bosseborn mietet das Paar einen Hof.

Ende 2011 bis März 2012: Mehr als drei Monate soll eine Frau aus dem Großraum Berlin misshandelt und gefangen gehalten worden sein. Später wird sie von den Beschuldigten in einen Zug nach Hause gesetzt. Das Opfer traut sich erst 2016, gegenüber der Polizei auszusagen, als es in Medienberichten das Haus in Ostwestfalen wiedererkannte.

2013: Über eine Zeitungsanzeige kommt Anika W. aus Niedersachsen nach Bosseborn. Nach kurzer Zeit heiratet sie Wilfried W., der weiter mit seiner Ex-Frau in dem Haus wohnt. Gemeinsam sollen sie die 33-Jährige gequält haben, wie aus den Aussagen der Angeklagten hervorgeht.

August 2014: Die misshandelte Frau stirbt an ihren Verletzungen. Das Paar soll die Leiche in einer Tiefkühltruhe eingefroren, zerstückelt und verbrannt sowie die Asche an Straßenrändern verteilt haben. Das Paar habe immer wieder SMS-Nachrichten an die Mutter des Opfers geschickt, die bis April 2016 davon aus, dass ihre Tochter lebt.

Februar 2016: Die 41-jährige Susanne F. aus dem niedersächsischen Bad Gandersheim reagiert auf eine Zeitungsanzeige und kommt im März in das Haus. Über mehrere Wochen wird sie festgehalten und misshandelt.

April 2016: Mit der schwer verletzten Frau im Auto fährt das Paar in Richtung Bad Gandersheim. Dort wollen sie die Frau in ihre Wohnung zurückbringen. Eine Autopanne durchkreuzt jedoch den Plan. Sie entscheiden sich, einen Rettungswagen zu rufen. Das Opfer stirbt einen Tag später, die Ärzte schalten die Polizei ein. Wenige Tage später wird Haftbefehl gegen Wilfried W. und seine Ex-Frau erlassen.

Mai 2016: Die Ermittler geben Details bekannt. Die Beschuldigte hat demnach umfassend über beide Todesfälle ausgesagt, Wilfried W. bestreitet jede Schuld. Die Polizei sucht nach weiteren Frauen, die in der Gewalt des Paares in Bosseborn gewesen sein könnten.

Oktober 2016: Beginn des Prozesses gegen Wilfried W. und Angelika W.

Ende 2016: Angelika W. schildert bei ihrer Befragung im Prozess grausame Details. Ohne ersichtliches Unrechtsbewusstsein berichtet sie, wie sie selbst Opfer und dann Täterin geworden sei. Nach ihrer Sicht scheinen die Frauen selbst Schuld an den Übergriffen zu tragen.

März 2017: Wilfried W. sagt aus. Er schildert sich als Mitläufer.

Dezember 2017: Das Gericht entlässt einen Gutachter, der sich in Widersprüche verwickelt und krank gemeldet hat. Er sollte das Gutachten zu Wilfried W. liefern. Seine Bewertung wird von der neuen Gutachterin im Sommer 2018 nicht geteilt. Von einer sadistischen Neigung oder einem sexuellen Sadismus ist später nicht mehr die Rede.

Juli 2018: Laut der Gutachterin Nahlah Saimeh haben die Angeklagten eine gewachsene Einheit gebildet, um ihre Opfer einzuschüchtern und zu manipulieren. Die überdurchschnittlich intelligente Angelika W. hält sie für schuldfähig. Allerdings zeige sie Züge von Autismus und könne daher kein Mitleid mit Opfern und Angehörigen empfinden. Saimeh empfiehlt Wilfried W. in die Psychiatrie einzuweisen. Er sei vermindert schuldfähig und habe eine erhebliche Intelligenzminderung.

September 2018: Staatsanwalt und Nebenkläger fordern lebenslange Freiheitsstrafen und das Feststellen der besonderen Schwere der Schuld für beide Angeklagten. Zusätzlich soll Wilfried W. in die Psychiatrie. Seine Verteidiger sprechen sich wegen gefährlicher Körperverletzung und versuchten Mordes für sieben Jahre und sechs Monate Haft und Einweisung in die Psychiatrie aus. Die Verteidiger von Angelika W. fordern für sie Freispruch. Sollte das Gericht dem nicht folgen, schlagen ihre Anwälte wegen umfassender Aussage eine Kronzeugenregelung vor. Dann soll sie für 12 Jahre ins Gefängnis. (lni)

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