MH370 flog stundenlang weiter

Verschollenes Flugzeug: Sabotage-Verdacht

Kuala Lumpur - Die Hinweise auf Sabotage verdichten sich. Nach dem Start der vermissten Boeing schaltete jemand an Bord die Kommunikationssysteme ab. Die Maschine flog noch lange weiter - nur wohin?

Das Verschwinden von Flug MH370 in Südostasien mit 239 Menschen an Bord deutet nach Überzeugung der Ermittler eher auf Sabotage als einen Unfall. Die Passagiermaschine sei nach dem letzten Radarkontakt kurz nach dem Start am Samstag vergangener Woche noch sieben Stunden von ihrem Kurs abweichend nach Nordwesten gesteuert worden, berichtete der malaysische Ministerpräsident Najib Razak am Samstag auf einer Pressekonferenz in Kuala Lumpur.

Das malaysische Militär habe Signale eines Flugzeugs auf seinem Weg nach Westen verfolgt, bei dem es sich nach heutiger Erkenntnis mit großer Wahrscheinlichkeit um die vermisste Boeing gehandelt habe, sagte Razak. Das letzte an einen Satelliten geschickte Signal stamme von 08.11 Uhr (Ortszeit) am 8. März. Gestartet war Flug MH370 um 00.41 Uhr, vom Radar verschwand er gegen 01.30.

Chinas Staatsfernsehen hatte unter Berufung auf nicht näher bezeichnete Quellen in Kuala Lumpur berichtet, dass die Ermittler von einem Kidnapping des Malaysia-Airlines-Fluges ausgingen. Razak bestätigte dies nicht. „Wir ermitteln noch alle Möglichkeiten.“

Kommunikationssysteme abgeschaltet

Das Kommunikationssystem ACARS sei nach dem Start in Kuala Lumpur noch kurz vor der Ostküste Malaysias deaktiviert worden, sagte der Premier. Das zweite Gerät, der Transponder, sei wenig später ausgeschaltet worden. „Diese Schritte lassen auf eine absichtliche Handlung von jemandem an Bord schließen.“ ACARS ist ein digitales Datenfunksystem zur Übermittlung von Nachrichten zwischen Flugzeugen und Bodenstationen, der Transponder sendet automatisch Informationen zu Flugnummer, Flughöhe, Position und Geschwindigkeit, die etwa von Fluglotsen genutzt werden.

Das Abschalten der beiden voneinander unabhängigen Systeme erschwert die Verfolgung des Flugzeuges. „Über Radarstationen am Boden ist es noch zu orten, aber die Ortung ist nicht so genau“, sagte Jörg Handwerg, Vorstandsmitglied bei der Vereinigung Cockpit.

"Bisher kein schlüssiges Bild"

Die letzte Position des Flugzeugs könne nicht genau bestimmt werden, aus den vorliegenden Daten hätten die Experten aber zwei mögliche Flugkorridore ermittelt, so Razak weiter. Eine Route führe über das nördliche Thailand bis nach Kasachstan und Turkmenistan - weiter könne die Maschine mit dem Kerosin an Bord nicht gekommen sein. Die andere gehe in südlicher Richtung von Indonesien in den Indischen Ozean.

Flug MH370: Chronologie einer Suche

Kuala Lumpur - Flug MH370 der Malaysia Airlines mit 239 Menschen an Bord ist seit einer Woche verschollen. Was die Ermittlungen bisher ergaben. © AFP
8. März: Die Fluggesellschaft Malaysia Airlines teilt mit, der Kontakt der Boeing 777-200 zur Flugkontrolle sei kurz nach dem Start abgerissen. Das Flugzeug mit überwiegend chinesischen Passagieren war auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking. Der Funkkontakt brach kurz vor Erreichen des vietnamesischen Luftraums ab. Im Seegebiet vor Vietnam beginnt eine großangelegte multinationale Suche. © AFP
9. März: Trotz intensiver Suche mit Flugzeugen und Schiffen fehlt jede Spur von der verschwundenen Maschine. Wiederholt gibt es in den folgenden Tagen falschen Alarm. Es gebe Anzeichen auf den Radaraufzeichnungen, dass das Flugzeug vor dem Verschwinden umgekehrt sei, berichten Ermittler. Ein möglicher Terroranschlag gerät in den Blick, weil zwei Passagiere ihre Flugtickets mit gestohlenen europäischen Pässen kauften. © AFP
10. März: Malaysia weitet das Suchgebiet deutlich aus. Experten identifizieren einen der beiden verdächtigen Passagiere. Es gebe keine Anzeichen dafür, dass auf die Boeing 777-200 ein Anschlag verübt wurde. © AFP
11. März: Die beiden verdächtigen Passagiere waren keine Terroristen. Ermittler identifizieren die Beiden als Iraner, die mit gestohlenen Pässen nach Europa gelangen wollten. Der malaysische Krisenstab weitet das Suchgebiet auch auf die Meerenge von Malakka vor der Westküste Malaysias aus. Die Gegend liegt fernab der eigentlichen Route nach Peking. © AFP
12. März: Das malaysische Militär hat über dem Andamanischen Meer vor der Westküste Malaysias 45 Minuten nach dem Verschwinden der Maschine ein Flugzeug auf seinem Radar gesehen. Ob es sich dabei um die vermisste Boeing handelte, sei aber unklar. © AFP
13. März: Das „Wall Street Journal“ meldet unter Berufung auf US-Luftfahrt- und Geheimdienstexperten, die Maschine sei noch Stunden nach dem letzten Radarkontakt weitergeflogen. Malaysias Verkehrsminister dementiert den Bericht. © AFP
14. März: Das indische Verteidigungsministerium veröffentlicht eine Karte, auf der die Flugroute an der Stelle des letzten Radarkontakts um etwa 90 Grad abknickt. Demnach könnte die Boeing entlang der Grenze von Malaysia und Thailand bis über den Indischen Ozean geflogen sein. © AFP
15. März: Das vermisste Flugzeug flog nach dem Verschwinden vom Radar noch mindestens sieben Stunden auf einem neuen Kurs Richtung Westen. Jemand an Bord habe „mit hoher Wahrscheinlichkeit absichtlich“ die Kommunikationsgeräte abgeschaltet, berichtet der malaysische Ministerpräsident Najib Razak. © AFP
16. März - Es werde nun offiziell wegen Sabotage, Entführung und Terrorismus ermittelt, sagt Malaysias Polizeichef. Besatzung und Passagiere stünden verstärkt im Fokus. © picture alliance / dpa
17. März - Es läuft eine neue Suche entlang zweier Routen an, die die verschollene Maschine geflogen sein könnte. © AFP
18. März - Die Richtungsänderung sei mit hoher Wahrscheinlichkeit im Cockpit programmiert worden, berichtet die „New York Times“. Nach Angaben des malaysischen Verkehrsministers ist unklar, wann genau das Kommunikationssystem der Boeing abgeschaltet wurde. Er widerruft damit frühere Aussagen. © AFP
19. März - Der US-Sender NBC berichtet, die Kursänderung sei bereits vor der verbalen Abmeldung der Piloten in den Bordcomputer eingegeben worden. Der Chef der malaysischen Zivilluftfahrt dementiert das. © picture alliance / dpa
20. März - Experten des australischen Geheimdienstes entdeckten auf Satellitenbildern mögliche Wrackteile der verschollenen Boeing im Indischen Ozean. © dpa
21. März - Trotz intensiver Suche in der abgelegenen Region des Indischen Ozeans bleibt die Boeing verschollen. © dpa
22. März - Es wird bekannt, dass ein chinesischer Satellit am 18. März im Suchgebiet mögliche Wrackteile erspäht hat. © AFP
23. März - Frankreich veröffentlicht ein Satellitenbild, das vielleicht Flugzeugteile im Meer zeigt. © AFP
24. März - Die Crew eines australischen Aufklärungsflugzeugs entdeckt zwei mögliche Wrackteile. © dpa

Experten halten einen Flug über Land für sehr unwahrscheinlich. „Über Land gibt es eigentlich überall Radarabdeckung“, sagte Jörg Handwerg. Das Flugzeug hätte also sofort auffallen müssen. „Das Ganze ergibt bisher kein schlüssiges Bild, was hier passiert ist.“ Der chinesische Luftfahrtexperte Zhang Qihuai sagte, er gehe auch bei einer Entführung weiter davon aus, dass das Flugzeug abgestürzt sei. Das Militär vor Ort hätte über dem Festland jedes fliegende Objekt „zu 100 Prozent erfasst“, sagte er.

Ermittler durchsuchen das Haus des Piloten

Die Ermittlungen konzentrierten sich nun wieder stärker auf die Passagiere und die Crew, sagte Razak. Polizisten durchsuchten am Samstag das Haus des 53 Jahre alten Piloten Zaharie Ahmad Shah in Kuala Lumpur. „Die Beamten haben nach Material gesucht, das bei der Suche nach dem vermissten Flugzeug helfen könnte“, sagte ein Polizist. Ob etwas gefunden oder mitgenommen wurde, teilte er nicht mit.

Suche tritt in neue Phase ein

Die Suchaktion im Südchinesischen Meer werde abgebrochen und auf die beiden neu ermittelten Korridore ausgerichtet, sagte Premier Razak. 14 Länder sind derzeit beteiligt, etwa 60 Flugzeuge und 40 Schiffe suchen nach der Boeing der Malaysia Airlines. Razak las nur eine Erklärung vor und beantwortete keine Fragen. Seine Pressekonferenz wurde live in ein Hotel in Peking übertragen, wo Familien von Passagieren seinen Ausführungen folgten. Einige reagierten geschockt, aber auch neue Hoffnungen keimten auf.

„Die Suche nach MH370 ist eindeutig in eine neue Phase eingetreten“, sagte der Regierungschef. „Wir hoffen, dass uns diese neuen Informationen dem Auffinden des Flugzeugs einen Schritt näher bringen werden.“ Unter den 239 Menschen an Bord sind laut Passagierliste fünf Kinder zwischen zwei und vier Jahren. Mehr als 150 Passagiere stammen aus China, knapp 40 aus Malaysia. Auch einige Europäer und Amerikaner hatten für Flug MH370 eingecheckt.

dpa

Rubriklistenbild: © AFP

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