Wichtigste Verkehrsstraße der Stadt

Versinkt Genua bald im Verkehrschaos? Schlimme Prognose für das Ende der Ferienzeit

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Ein Arbeiter inspiziert das Gebiet um die eingestürzte Morandi Autobahnbrücke

1964 wurde die Morandi-Brücke gebaut, um das Verkehrsproblem von Genua zu lösen. Jetzt ist sie weggebrochen und hinterlässt nichts als Chaos. Wo soll der Verkehr hin?

Genua - Die Stadt liegt eingezwängt zwischen Meer und Bergen und ist ein einziges Gewirr aus Tunneln und Viadukten - schon jetzt erstickt Genua regelmäßig im Verkehr, Autos und Schwertransporte quälen sich durch die Metropole. Seit Dienstag ist die Hafenstadt mit ihren 600.000 Einwohnern durch den Einsturz der Morandi-Autobahnbrücke abrupt ihrer wichtigsten Brücke beraubt. Noch sind die Folgen für den Verkehr einigermaßen erträglich, doch mit dem bevorstehenden Ende der Sommerferien befürchten Einwohner und Experten das Schlimmste.

"Genua löst sein Verkehrsproblem" titelte 1964 der "Corriere della Sera" nach dem Beginn der Bauarbeiten für die Morandi-Brücke. Jetzt kommt dieses Problem mit Wucht zurück. Die Brücke stand an einer der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen Italiens, alljährlich wurde sie von mehr als 25 Millionen Fahrzeugen genutzt.

Morandi-Brücke eigentlich unverzichtbar

"Die Morandi-Brücke war die einzige Passage zwischen dem Ost- und dem Westteil der Stadt, die große Verkehrsaufkommen bewältigen konnte", erklärt der Verkehrsexperte Giovanni Vecchio von der Polytechnischen Hochschule Mailand. "Zusätzlich war sie unverzichtbar, um in den Norden der Region Ligurien oder nach Frankreich zu gelangen sowie verschiedene Teile des Hafens miteinander zu verbinden." Jetzt ist sie von einem Tag auf den anderen weg.

"Schon in normalen Zeiten herrscht das totale Durcheinander in der Stadt, sobald es einen Unfall auf der Autobahn gibt", schimpft der Busfahrer Maurizio Campara. "Und jetzt ohne die Morandi-Brücke - das mag man sich lieber gar nicht vorstellen."

Neben dem Nord-Süd-Verkehr Richtung Riviera und Frankreich fahren täglich auch unzählige Touristen auf dem Weg zu den Fähren Richtung Sardinien und Korsika oder zu den Kreuzfahrtschiffen durch Genua. Täglich durchqueren außerdem rund 5000 Lastwagen die Stadt, um im Frachthafen Waren zu liefern oder zu laden.

"Sämtliche Lastwagen werden mitten durch die Stadt fahren"

"Ohne die Brücke ist die Stadt in zwei Teile geschnitten. Wenn im September die Ferien vorbei sind, die Schule wieder anfängt und alle Betriebe ihre Produktion wieder aufnehmen, wird es ein Drama geben", fürchtet der Taxifahrer Gianpiero Santini. "Sämtliche Lastwagen werden mitten durch die Stadt fahren."

Verkehrsexperte Vecchio schlägt vor, Frachtschiffe vorerst in andere Häfen umzulenken. Zudem müsse der Autoverkehr umgeleitet werden: "Kurzfristig scheint die Lösung zu sein, lange Umleitungen über andere Autobahnen einzurichten", glaubt Vecchio. "Dadurch werden die Entfernungen und die Kosten allerdings steigen."

Autobahnbetreiber Autostrade per l'Italia beteuert, die eingestürzte Brücke könne innerhalb von fünf Monaten neu gebaut werden, sobald die Aufräumarbeiten und die Ermittlungen an der Unglückstelle abgeschlossen seien. Allerdings droht die Regierung damit, dem Unternehmen seine Lizenz zu entziehen.

Verschiedene Alternativen stehen zur Auswahl

Mehrere Alternativen zur Bewältigung des drohenden Verkehrschaos werden diskutiert: Einige Experten plädieren für den Bau einer neuen Brücke weiter nördlich, andere fordern, den Frachthafen rund um die Uhr für den Schwerlastverkehr zu öffnen. Wieder andere schlagen vor, eine bisher nur vom italienischen Stahlkonzern Ilva genutzte Privatstraße zum Hafen für sämtliche Lastwagen freizugeben.

"Mit all seinen Tunneln ist Genua sowieso schon ein einziger Schweizer Käse. Was sollen wir jetzt machen? Noch mehr Löcher in den Felsen treiben?" fragt sich der 72-jährige Genuese Claudio. "Dann sollte man den Berg lieber gleich ganz abtragen."

Lesen Sie hier immer alle Neuigkeiten zum Brückeneinsturz zuerst.

afp

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