Richtig verarbeiten

Verwandter vermisst: Was Angehörigen hilft

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Birgit Spieshöfer ist Diplom-Psychologin mit Praxis in Verden bei Bremen. Foto: Arne von Brill

Ist ein Mensch verschwunden, leben Angehörige in ständiger Ungewissheit. Wo ist er? Lebt er noch? Betroffene kann das regelrecht auffressen. Wie können sie die Balance zwischen ständigen Gedanken an den vermissten Menschen und ihrem normalen Alltag finden?

Verden (dpa/tmn) - Wird jemand aus dem Familienkreis vermisst, reißt das eine Lücke in das Leben der Angehörigen. Sie begleitet dann stets eine quälende Ungewissheit. Ist er noch am Leben? Falls ja, was macht er, und wie geht es ihm?

"Wenn jemand vermisst ist, ist es schwierig, damit abzuschließen", sagt die Psychologin Birgit Spieshöfer aus Verden bei Bremen. Verdrängen ist aber der falsche Weg. Schmerz, Trauer, Hilflosigkeit: Wer das empfindet, sollte diese Gefühle zulassen, rät Spieshöfer. Einer weint. Ein anderer schweigt. "Wie sich die Gefühle äußern, ist ganz verschieden." Es kann helfen, sich mit anderen zu umgeben, die die Situation verstehen und die eigenen Gefühle teilen. Diese Personen sollten Verständnis aufbringen und nicht versuchen, alles zu relativieren. Mit Aussagen wie "Ist doch nicht so schlimm" helfe man Betroffenen nicht, sagt Spieshöfer.

Wer sich mit einem Besuch im Kino oder einem Spaziergang ablenken will, sollte dabei die dunklen Gedanken ganz bewusst zur Seite schieben. "Man muss sich sagen: "Okay, ich habe getrauert, und nun will ich diesen schönen Tag erleben."", erklärt Spieshöfer. Ansonsten schleppt man die Gedanken an den verschwundenen Menschen mit ins Kino oder auf den Spaziergang. "Dann erlebt man das alles wie in einem Schleier."

Von solchen bewussten Ablenkungen abgesehen darf und sollte die vermisste Person in Gedanken und Gesprächen dabei sein. "Man sollte sich nicht bemühen, das zu vermeiden", rät Spieshöfer. Am Esstisch sei es etwa absolut in Ordnung zu sagen: "Das würde ihr jetzt schmecken."

Eine Collage mit Bildern des Vermissten oder eine Vase mit dessen Lieblingsblumen auf dem Tisch: Damit ist der vermisste Mensch nicht nur in Gedanken bei einem. Sondern man schafft auch einen konkreten Raum für ihn, an dem man ihm nahe ist, erklärt die Psychologin. "So entsteht im Kopf auch wieder mehr Raum für andere Sachen."

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