Poetry-Slam von Julia Engelmann

Video mit nachdenklichem Text von Studentin wird zum Internet-Phänomen

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Julia Engelmann beim Poetry-Slam in Bielefeld.

Bielefeld/Bremen. Es ist die Geschichte eines dieser Internetphänomene, die Hunderttausende begeistert: Mit einem Aufruf gegen Trägheit und zu mehr Tatendrang und Courage hat die Bremer Psychologie-Studentin Julia Engelmann einen Internet-Hit gelandet.

Ein Youtube-Video, das die frühere RTL-Soap-Darstellerin („Alles was zählt“) bei einem Poetry Slam, also Dichterwettstreit, im Mai 2013 an der Universität Bielefeld zeigt, sorgt derzeit für Aufsehen und wurde bis Mittwochabend etwa 3,5 Millionen Mal angesehen.

Wie es dazu kam: Nach dem Auftritt im vergangenen Jahr wurde das Video bei Youtube hochgeladen und geriet dann erst einmal im weltweiten Netz in Vergessenheit - bis vergangene Woche ein Autor der Zeitschrift „Stern“ wieder auf das Video aufmerksam machte.

„Dieses Video könnte ihr Leben verändern“ heißt es im Artikel und „Nehmen Sie sich einfach die Zeit und hören Sie Julia Engelmann zu“. Nervös, mit zittriger Stimmer, aber mit viel Leidenschaft trägt die Slamerin im Video ihren Text vor, der sich an dem Lied „One day/Reckoning Song“ von Asaf Avidan orientiert: „Unsere Zeit, die geht vorbei. Das wird sowieso passieren. Und bis dahin sind wir frei und es gibt nichts zu verlieren.“ So zitiert Engelmann auch die Zeile „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein, und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“

Hier geht es zum Video bei Youtube.

Die Studentin beschreibt eindrücklich, wie sie es versäumt, Vorhaben in die Tat umzusetzen. Sie bezichtigt sich und ihre Generation der Lethargie, der mangelnden Energie. Sie kommt zu dem Schluss: „Das Leben, das wir führen wollen, das können wir selber wählen. Also, los, schreiben wir Geschichten, die wir später gern erzählen.“

Nach dem „Stern“ berichteten auch andere Medien über die Slamerin. Seitdem wird das Video bei Facebook, Twitter und anderen sozialen Netzwerken tausendfach geteilt und kommentiert. „Sie spricht aus, was alle denken“, schreibt der „Kölner Stadt-Anzeiger“ und versucht so, den Erfolg des Videos zu erklären.

Doch es gibt auch Kritik: „Julia Engelmann ist ein Profi auf der Bühne“, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“ und bezieht sich darauf, dass die Studentin am Theater Bremen und bei RTL Schauspielerin war. Nutzer kritisieren auch, dass die 21-Jährige ganz bewusst auf sentimental mache, weil das im Netz gut ankomme.

Egal ob Engelmanns Auftritt kalkuliert war oder nicht, ihre Gedanken regen zum Nachdenken an. Ihre einfache Botschaft lautet: Du lebst nur einmal, also genieß' es. (jbg/dpa)

Hier der komplette Text von Julia Engelmann

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.

Ich, ich bin der Meister der Streiche wenn’s um Selbstbetrug geht,

bin ein Kleinkind vom Feinsten, wenn ich vor Aufgaben steh.

Bin ein entschleunigtes Teilchen, kann auf keinstem was reißen,

lass mich begeistern für Leichtsinn, wenn ein Andrer ihn lebt.

Und ich denke zu viel nach, ich warte zu viel ab,

ich nehm mir zu viel vor und ich mach davon zu wenig,

ich halt mich zu oft zurück, ich zweifel alles an,

ich wäre gerne klug,

allein das ist ziemlich dämlich.

Ich würd gern so vieles sagen, aber bleibe meistens still,

weil, wenn ich das alles sagen würde, wär das viel zu viel.

Ich würde gern so vieles tun, meine Liste ist so lang,

aber ich werd eh nie alles schaffen,

also fang ich gar nicht an.

Stattdessen häng ich planlos vorm Smartphone, wart bloß auf den nächsten Freitag,

„ach das mach ich später“ ist die Baseline meines Alltags.

Ich bin so furchtbar faul, wie ein Kieselsteig am Meeresgrund,

ich bin so furchtbar faul,

mein Patronus ist ein Schweinehund.

Mein Leben ist ein Wartezimmer, niemand ruft mich auf,

mein Dopamin, das spar ich immer, falls ich‘s nochmal brauch.

Und eines Tages, Baby, werd ich alt sein, oh Baby, werd ich alt sein und an all die Geschichten denken, die ich hätte erzählen können.

Und du, du murmelst jedes Jahr neu an Silvester die wiedergleichen Vorsätze treu in dein Sektglas

und Ende Dezember stellst du fest, dass du Recht hast, wenn du sagst, dass du sie dieses Jahr schon wieder vercheckt hast,

dabei sollte für dich 2013 das erste Jahr vom Rest deines Lebens werden.

Du wolltest abnehmen, früher aufstehen,

öfter rausgehen,

mal deine Träume angehn,

mal die Tagesschau sehn, für mehr Smalltalk, Allgemeinwissen,

aber so wie jedes Jahr, obwohl du nicht damit gerechnet hast,

kam dir wieder mal dieser Alltag dazwischen.

Unser Leben ist ein Wartezimmer, niemand ruft uns auf,

unser Dopamin das sparen wir immer, falls wir‘s noch mal brauchen.

Und wir sind jung und haben viel Zeit, warum sollen wir was riskieren,

wir wollen doch keine Fehler machen,

wollen doch nichts verlieren.

und es bleibt so viel zu tun, unsere Listen bleiben lang,

Und so geht Tag für Tag ganz still ins unbekannte Land

und eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.

Und die Geschichten, die wir dann stattdessen erzählen, werden traurige Konjunktive sein, wie

„einmal bin ich fast einen Marathon gelaufen, und hätte fast die Buddenbrooks gelesen

und einmal wär ich beinahe bis die Wolken wieder Lila waren noch wach gewesen,

und fast, fast hätten wir uns mal demaskiert und gesehn wir sind die Gleichen,

und dann hätten wir uns fast gesagt wie viel wir uns bedeuten“, werden wir sagen.

Und dass wir nur bloß faul und feige waren, werden wir verschweigen, und uns heimlich wünschen noch ein bisschen hier zu bleiben.

Wenn wir dann alt sind und unsere Tage knapp – und das wird sowieso passieren – dann erst werden wir kapieren, wir hatten nie was zu verlieren,

denn das Leben, das wir führen wollen, das können wir selber wählen, also lass uns doch Geschichten schreiben, die wir später gern erzählen.

Lass uns nachts lange wach bleiben, aufs höchste Hausdach der Stadt steigen,

lachend und vom Takt frei die allertollsten Lieder singen,

lass uns Feste wie Konfetti schmeißen, sehn wie sie zu Boden reisen und die gefallenen Feste feiern bis die Wolken wieder Lila sind.

Und lass mal an uns selber glauben, is mir egal ob das verrückt ist,

und wer genau guckt sieht, dass Mut auch bloß ein Anagramm von Glück ist.

Und wer immer wir auch waren, lass mal werden, wer wir sein wollen,

wir haben schon viel zu lang gewartet, lass mal Dopamin vergeuden.

Der Sinn des Lebens ist leben, das hat schon Casper gesagt,

Let’s make the most of the night, das hast schon Ke$a gesagt.

Lass uns möglichst viele Fehler machen und möglichst viel aus ihnen lernen,

lass uns jetzt schon Gutes säen, damit wir später Gutes ernten.

Lass uns alles tun, weil wir können und nicht müssen,

weil jetzt sind wir jung und lebendig und das soll ruhig jeder wissen.

Und unsere Zeit die geht vorbei, das wird sowieso passieren,

und bis dahin sind wir frei und es gibt nichts zu verlieren.

Lass uns mal demaskieren, und dann sehen, wir sind die Gleichen, und dann können wir uns ruhig sagen, dass wir uns viel bedeuten,

denn das Leben, das wir führen wollen, das können wir selber wählen.

Also los, schreiben wir Geschichten, die wir später gern erzählen.

Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die für immer unsere sind.

Quelle: Learning Germin with G.

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