Augenzeugenbericht: Kompletter Stillstand

Tokio/Yokohama. Totaler Ausnahmezustand, aber keine Panik – so sieht es derzeit in Yokohama aus. Unsere HNA.de-Kollegin Heide Gentner, die japanische Wurzeln hat, hat mit Familienangehörigen dort gesprochen.

Heide Gentner

Auch 400 Kilometer entfernt, sind die Ausläufer des Jahrhundert-Erdbebens zu spüren: Die Stahlkonstruktion des Nissangebäudes im Tokioter Ballungsraum fängt am Freitagnachmittag an, laut zu knacken. Zudem wackeln die Büroräume im zwölften Stock minutenlang. Da merkt mein japanischer Cousin Koichiro Furukawa, dass das keines der gewöhnlichen Erdbeben ist, die sonst die japanischen Inselbewohner immer wieder erschüttern.

aktualisiert um 17.20 Uhr

„Das Beben war vertikal – kleinere Erschütterungen sind horizontal“, erzählt Koichiro über den Internettelefonanbieter Skype – denn im Ballungsraum Tokyo sind die Festnetzanschlüsse am Freitag lahm gelegt, die Handynetze überlastet. Nur der Internetverbindung konnte das Erdbeben nichts anhaben.

Koichiro Furukawa am Freitag nach dem Erdbeben in seinem Büro im 12. Stock

„Mein Kollege war während des Bebens vor unserem Büro und hat gesehen wie das Gebäude mit den 25 Stockwerken hin- und herwankte“, beschreibt Koichiro die Situation in der Großstadt Yokohama, die 25 Kilometer südlich von Tokio liegt.

Normalerweise erschüttert die Japaner ein Erdbeben kaum, jetzt aber ist die ganze Nation fassungslos. Sie versuchen ihre Verwandten und Bekannten im Nordosten Japans zu erreichen. An Arbeit ist bei den sonst pflichtbewussten Japanern nicht zu mehr denken - die Kollegen von Koichiro starren auf die Plasmafernseher, recherchieren im Internet und ergeben sich der Situation oder holen sich Essen und Bier.

Der angesagte Tokioter Stadtteil Shibuya  in der Nacht (Ortszeit),

Mein Onkel in Südjapan schafft es, seine Tochter Yoshiko in Tokio zu erreichen, die zum Zeitpunkt des Erdbebens mit ihrer Mutter gerade auf einer Shoppingtour im hippen Stadtviertel Shibuya war. Dort herrscht - wie im ganzen Großraum der Hauptstadt - Stillstand: Die sonst pünkltliche Bahn steht still, die Autobahnen sind gesperrt und auf den normalen Straßen stecken die Autos fest. Die Menschen drängen sich auf den Bahnhöfen und auf anderen öffentlichen Plätzen.

Dennoch ist weder Chaos noch Panik zu verspüren, mailt mir meine 22-Jährige Cousine Yoshiko. Sie habe keine direkten Schäden bisher gesehen - denn die meisten Gebäude sind erdbebensicher gebaut.

Und die Japaner wachsen mit dem Wissen über Erdbeben auf. In regelmäßigen Übungen lernen sie schon im Kindergarten wie sie sich bei solchen Katastrophen verhalten müssen. Beispielsweise: Sich am besten unter einem Tisch verstecken und den Kopf vor herabfallenden Gegenständen schützen. Zudem haben die meisten einen Notfallrucksack für Erdbeben. Der enthält unter anderem Kerzen, Taschenlampe und Proviant – für den Fall, dass man verschüttet werden sollte.

Weiterer Augenzeugenbericht:

- Augenzeuge: "Mama und Papa, mir geh's gut!"

Die großen japanischen Zeitungen und Nachrichtensender berichten im Sekundentakt über die Katastrophe. Trotz steigender Opferzahlen bleibt der Ton sachlich. Internetseiten listen auf, welche Regionen wie stark betroffen sind. Das Krisenmanagement greift schnell. Sogar das  japanische Konsulat in Deutschland informiert Japaner in Deutschland wie meine Mutter, wen sie anrufen können, falls Verwandte nicht ans Telefon gehen.

Der Ministerpräsident appelliert kurz nach dem Beben:  „Wir müssen einander helfen.“ Die Japaner setzen das vorbildlich um: Firmen wie Nissan verteilen Decken, Essen, öffnen ihre Pforten und geben den wartenden Leuten auf der Straße eine warme Unterkunft.   Am Abend will mein Cousin den 25 Kilometer langen Heimweg durch das Tokioter Ballungsgebiet zu Fuß antreten. Und er hat Glück: Gegen 22 Uhr fangen wieder die Züge an zu fahren und er ist um 1 Uhr zuhause.  (hhg)

weitere Videos aus dem Internet:

Video: Erdbeben Japan - Erschreckende Bilder der Flutwelle

Video: Tsunami trifft Japan nach Erdbeben

Video: Luftaufnahmen der Flutwelle

Video: Welle überschwemmt Brücke

Video: Beben erschüttert Wohngebiet

Video: Überschwemmung in den Straßen

Video: Tsunami-Warnung im gesamten pazifischen Raum

Informationen zum Erdbeben

Twitter: Das wird zum Erdbeben in Japan getwittert (Deutsche Tweets)

Informationen über das Erdbeben erhalten Sie beim AuswärtigenAmt unter der Telefonnummer: 030/ 5000 3000.

Betroffene können sich außerdem an die Botschaft in Tokyo unter der Telefonnummer +81 3 5791 7700 und der E-Mail-Adresse info@tokyo.diplo.de erreichen.

Google hat eine Personensuche eingerichtet, sie ist auf japanisch und englisch. Hier kann man eintragen, ob man nach jemandem sucht, oder Informationen über sich oder einen anderen Menschen eintragen. Google-Personen-Suche

Eine Karte mit Regionen in Japan, die vom Tsunami betroffen sind, finden Sie hier

Tsunami-Vorhersage: Das Modell der amerikanischen Behörde National Oceanic and Atmospheric Administration zeigt, wie sich die Wellen über den Pazifik wahrscheinlich bewegen.

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