Regelungen der Länder unterschiedlich

Trotz Obduktionen: Viele Tötungsdelikte in Deutschland bleiben unentdeckt

Fehler bei der Obduktion: Die Leichenschau in Deutschland gilt als mangelhaft. Foto: dpa

„Genaueres nach der Obduktion“ – diesen Satz hören Fernsehzuschauer immer wieder. Rechtsmediziner im TV-Krimi sind bestens ausgestattet, ihnen entgeht nichts. Die Realität sieht allerdings anders aus.

Geschätzte 1000 Tötungsdelikte pro Jahr bleiben in Deutschland unentdeckt. Das hat auch damit zu tun, dass unser Obduktionsrecht ein Flickenteppich ist, sagt der Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Gießen und Marburg, Reinhard Dettmeyer. „Für die Pathologen in Krankenhäusern gilt teils Landesrecht, teils die Krankenhausaufnahmebedingungen“, moniert der künftige Präsident des Berufsverbands Deutscher Rechtsmediziner.

Pathologen obduzieren, wenn der Tod durch Krankheit eintritt. Dann spricht man von einer klinischen Obduktion. Für diese verlangen einige Bundesländer Zustimmung von der Angehörigen, wenn der Verstorbene nicht selbst zugestimmt hat, sagt Dettmeyer. In Berlin, Hamburg und Bremen hingegen müssten Angehörige einer Obduktion innerhalb einer Frist widersprechen. Auch die Kostenübernahme sei nicht einheitlich geregelt.

„Mehr Obduktionen auch ohne Verdacht“, forderte jüngst der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel in der Ärztezeitung. „25 bis 30 Prozent aller Verstorbenen, ob sie in Krankenhäusern, Heimen oder zu Hause starben, sollten obduziert werden“, so Püschel weiter.

Reinhard Dettmeyer

Für Opfer von Gewaltverbrechen sind Rechtsmediziner zuständig. Sie führen eine gerichtliche Obduktion immer dann durch, wenn die Todesursache ungeklärt ist und der Verdacht besteht, dass es sich um einen nicht-natürlichen Tod handelt. In diesem Fall ordnen Staatsanwalt oder Gericht die Öffnung der Leiche an.

Das Hessische Friedhofs- und Bestattungsgesetz etwa schreibe nur dann eine Obduktion vor, wenn auch eine zweite Leichenschau vor der Einäscherung des Leichnams Zweifel an der Todesursache nicht beseitigen konnte, erläutert Dettmeyer. Auch die Kostenfrage sei nicht eindeutig geregelt.

InNiedersachsen soll das Bestattungsrecht verschärft werden – eine Konsequenz aus der Mordserie des Krankenpflegers Niels H. Er war 2015 wegen fünf Todesfällen verurteilt worden. Später ergaben toxikologische Untersuchungen, dass er für rund 100 Todesfälle verantwortlich ist. Künftig soll der Arzt die Polizei oder Staatsanwaltschaft informieren, wenn er Anhaltspunkte für einen nicht-natürlichen Tod findet. Zudem soll mit dem Einverständnis der Angehörigen eine erweiterte innere Leichenschau in einem rechtsmedizinischen Institut möglich sein. Bei Kindern, die vor ihrem sechsten Lebensjahr gestorben sind, soll der Amtsarzt sie auch ohne das Einverständnis der Eltern anordnen können.

Dettmeyer wünscht sich Aufklärung darüber, dass Obduktionen der Wahrheitsfindung dienen. „Dafür müssen sie aber zumindest kostendeckend durchgeführt werden können, was derzeit nicht der Fall ist.“

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