Tat hielt ganzes Land in Atmen

Vorwürfe von Gladbeck-Geisel: Polizei habe andere Geisel erschossen

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Die bewaffneten Geiselnehmer Dieter Degowski (l) und Hans-Jürgen Rösner am 17.8.1988 in dem in Bremen gekaperten Linienbus.

Beim Geiseldrama von Gladbeck war Ines Voitle eine Gefangene der Gangster Rösner und Degowski. Die Schuld am letzten Todesopfer gibt sie aber anderen.

Aachen - 30 Jahre nach dem Gladbecker Geiseldrama mit drei Toten hat sich der verurteilte Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner zu seinen Schuldgefühlen geäußert. „Ein solch heftiges Erlebnis kann man nicht vergessen, es drängt sich auch immer wieder auf und es bereitet mir tiefe Schuldgefühle“, stellte Rösner in einem schriftlich geführten Interview des Redaktionsnetzwerks Deutschland fest. Er habe sich aber bei den Opfern der Geiselnehmer bis heute nicht förmlich entschuldigt. „Wenn jemandem sein Kind genommen wird, ist das nicht mit einer läppischen Entschuldigung abgetan“, stellte er fest. 

Geiseldrama von Gladbeck: Degowski erschießt zuerst 15-Jährigen

Am dritten Tag der Flucht Rösners mit dem mittlerweile aus der Haft entlassenen Dieter Degowski war die damals 18 Jahre alte Geisel Silke Bischoff bei der Befreiungsaktion der Polizei durch eine Kugel aus Rösners Waffe gestorben. Die Richter werteten das als Geiselnahme mit Todesfolge. Vorher hatte Degowski einen 15-jährigen Jungen als Geisel erschossen.

Dem Jungen würde Rösner heute sagen, wie stark ihn dessen Tod heute belaste und dass „das“ von seiner Seite her niemals hätte geschehen dürfen. „Wenn ich mit Silke sprechen könnte, dann würde ich ihr sagen, dass mir alles sehr leid tut. Weil ich mein Wort, sie und ihre Freundin Ines V. in Frankfurt freizulassen, nicht einhalten konnte“, heißt es in dem Interview.

Entführer Dieter Degowski bedroht die Geisel Silke Bischoff am 17.08.1988 an der Raststelle Grundbergsee mit einer Waffe.

Auch 30 Jahre nach dem Geiseldrama sind die Erinnerungen der Zeitzeugen noch allgegenwärtig.

Gladbeck-Geisel erinnert an Untätigkeit der Polizei

Zum 30. Jahrestag des Geiseldramas von Gladbeck hat die damalige Geisel Ines Voitle unterdessen schwere Vorwürfe gegen Polizei, Sicherheitsbehörden und Medien erhoben. "Keine Zugriffe beim Einkaufen, beim Essengehen. Dann immer wieder die Frage, welche Polizei jetzt zuständig ist - das Nicht-miteinander-Kooperieren", sagte Ines Voitle, deren Freundin Silke Bischoff bei dem Geiseldrama ums Leben kam, in einem Interview mit den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND).

Zugriff gegen Rösner und Degowski endet im Desaster

Während der Flucht der Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski, die zwischen dem 16. und 18. August 1988 durch den Nordwesten Deutschlands und die Niederlande führte, hatte die Polizei Zugriffsmöglichkeiten ungenutzt gelassen. Als sie schließlich auf der Autobahn unweit von Köln das Geiseldrama beendete, lief der finale Zugriff aus dem Ruder: Erst nach einer wilden Schießerei wurden die Täter festgenommen.

Mehr als 19 Stunden befand sich Voitle in der Gewalt der Geiselgangster Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski. Am 18. August 1988 überlebte sie, getroffen von einer Polizeikugel, leicht verletzt die Befreiungsaktion eines Sondereinsatzkommandos auf der Autobahn 3 zwischen Köln und Frankfurt. Bei dem Zugriff starb ihre Freundin.

Tödlicher Schuss: Gladbeck-Geisel zweifelt offizielle Untersuchung an

Im späteren Prozess wurde der Geiselnehmer Rösner für den tödlichen Schuss zur Verantwortung gezogen. Voitle sagte nun dem RND: "Ich glaube daran nicht. Er hätte es nicht gewagt, Silke zu erschießen. Die Polizei hat Silke erschossen." Es sei wie bei ihr "eine Kugel von draußen" gewesen. Voitle widerspricht damit Gutachten, die nach der Tat ergaben, dass Silke Bischoff durch eine Kugel aus Rösners Waffe gestorben ist.

Die bewaffneten Geiselnehmer Dieter Degowski (l) und Hans-Jürgen Rösner am 17.8.1988 in dem in Bremen gekaperten Linienbus.

Die Polizei habe sich bis heute nicht bei ihr entschuldigt, klagte die Gladbeck-Geisel in dem Interview. "Das kommt jetzt noch. Der Bremer Senat trifft sich mit mir und will wissen, wie es mir geht. Besser spät als nie."

Die Eindrücke von damals verfolgten sie bis heute, sagte Voitle. "Die Bilder und Fotos, die im Umlauf waren, Gerüche von Schweiß, Blut und Urin, die ich aus dem Bus kannte - das alles lässt mich heute noch erschaudern und versetzt mich immer noch in Panik", sagte Voitle dem RND. "Und die Schüsse klingen immer noch im Ohr. Silvester war lange Zeit die Hölle für mich."

Nach Gladbeck: Vorwürfe an die Medien

Schwere Fehler wirft die ehemalige Geisel auch den Medien vor. "Die Menschenwürde war nicht mehr da. Sie waren alle sensationsgeil", sagte Voitle. Sie habe sich wie "Schlachtvieh" gefühlt.

Gladbeck-Geiselnehmer Rösner lebt in Behandlungswohngruppe

Der Geiselnehmer Rösner kam in Haft, lebt nun aber nach Angaben der JVA Aachen seit Mai in einer sogenannten Behandlungswohngruppe mit einer intensiven Betreuung. In der offenen Abteilung müssten sich die Inhaftierten mit sich und den anderen Bewohnern auseinandersetzen, wie die JVA-Leiterin Elke Krüger sagte. Es würden Konflikte und Alltagsprobleme besprochen. Das sei als Zeichen für eine positive Entwicklung Rösners zu sehen. Wann allerdings der Zeitpunkt für einen offenen Vollzug sei, könne sie nicht sagen. Rösners Anwalt Rainer Dietz hatte unlängst noch betont, dass der offene Vollzug das Ziel sei.

1988: Der Fluchtwagen der Geiselnehmer von Gladbeck (r) wird vom Mercedes der Polizei (l) auf der Autobahn A3 bei Bad Honnef gestoppt.

Journalisten haben Gladbeck-Gangster Rösner und Degowski hofiert

Der Journalist Udo Röbel sieht 30 Jahre nach dem Gladbecker Geiseldrama seine damalige Rolle und die der Medien kritisch. Bei der Geiselnahme, die am 16. August 1988 im nordrhein-westfälischen Gladbeck begann, hatten die Bankräuber Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski zwei Menschen getötet; ein Polizist verunglückte tödlich bei der Verfolgung. Medien veröffentlichten Live-Interviews mit den Geiselnehmern.

Auch Röbel, damals für den Kölner „Express“ im Einsatz, hatte mit ihnen gesprochen und war schließlich zu ihnen ins Fluchtauto gestiegen. „Uns Journalisten wurde später zu Recht vorgeworfen, dass wir die Gangster regelrecht hofiert hätten“, sagte Röbel (68) dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) in einem Interview, das am Donnerstag als Teil einer Digitalreportage auf den Webseiten der Partner des RND erscheint.

Udo Röbel: „Für die Geiseln muss es furchtbar gewesen sein“ 

„Für die Geiseln muss es furchtbar gewesen sein, das mit anzuhören“, sagte Röbel. Erst nach Jahren sei er mit sich ins Reine gekommen. „Ich konnte zunächst nicht begreifen, warum man so über mich herfiel“, sagte der Journalist. „Ich hatte doch alles versucht, um den Geiseln zu helfen, so war meine Empfindung.“ Nach einer Weile habe er begonnen, einzusehen, dass die Kritik an den Medien berechtigt war. Gleichzeitig hätten Selbstzweifel an ihm genagt. Vor neun Jahren habe ihm der Gladbeck-Richter Rudolf Esders dann gesagt, Röbel habe damals in der Kölner Innenstadt ein Blutbad verhindert. „Seitdem bin ich mit mir versöhnt.“

Nach Röbels Überzeugung hat sich die Einstellung der klassischen Medien seit damals grundlegend verändert. „Es waren damals medial andere Zeiten. Den Begriff „Political Correctness“ kannten wir gar nicht.“ Wenn einer wegen Mordes verhaftet worden sei, habe man ihn Mörder und nicht mutmaßlichen Mörder genannt. „Es war rauer. So nah dran zu sein am Geschehen wie möglich, war für uns Normalität.“

Gladbecker Geiseldramas im Überblick: Ablauf der Tragödie

Das Geiseldrama von Gladbeck begann am 16. August 1988 mit einem Überfall auf eine Filiale der Deutschen Bank im Gladbecker Stadtteil Rentfort-Nord. Insgesamt 54 Stunden flohen die Gangster mit Geiseln quer durch Deutschland und die Niederlande. Zwischenzeitlich brachten sie in Bremen einen voll besetzten Bus in ihre Gewalt, unter den Insassen Ines Voitle und Silke Bischoff. Am Ende starben drei Menschen.

Chronik der Geiselnahme von Gladbeck: Dienstag, 16. August 1988

Kurz vor 08.00 Uhr: Hans-Jürgen Rösner (31) und Dieter Degowski (32) betreten vermummt und mit Maschinenpistolen bewaffnet eine Deutsche-Bank-Filiale in der Ruhrgebietsstadt Gladbeck. In der Bank im Stadtteil Rentford nehmen sie eine Kundenberaterin und einen Kassierer als Geiseln.

21.47 Uhr: Die Polizei lässt die Täter mit den Geiseln und einer Beute von umgerechnet gut 200.000 Euro in einem Auto wegfahren.

Chronik der Geiselnahme von Gladbeck: Mittwoch, 17. August 1988

Früher Morgen: Nach einer Irrfahrt durchs Ruhrgebiet treffen die Täter wieder in Gladbeck ein, wo Rösner seine Freundin Marion L. (34) abholt. Weiter geht die Fahrt durch Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, bis das Trio mit den Geiseln am Nachmittag Bremen erreicht.

19.07 Uhr: Im Bremen-Huckelriede kapern die Geiselnehmer einen vollbesetzten Linienbus und bringen so weitere Menschen in ihre Gewalt.

21.50 Uhr: Die Linienbus nimmt Kurs auf die Autobahn, gefolgt von zahlreichen Presseautos. 45 Minuten später erreicht der Bus die Raststätte Grundbergsee an der A1. Dort lassen die Täter die beiden Gladbecker Bankangestellten frei. Als Polizisten an der Raststätte vorübergehend Marion L. festnehmen, erschießt Degowski im Bus den 15-jährigen Italiener Emanuele de Giorgi.

Chronik der Geiselnahme von Gladbeck: Donnerstag, 18. August 1988

02.28 Uhr: Die Linienbus fährt über die Grenze in die Niederlande. Dort steigen die Gangster mit den Bremer Geiseln Silke Bischoff und Ines V. in eine von der Polizei bereit gestellte Limousine um - die übrigen Bus-Geiseln kommen frei. Über Gronau kehren die Geiselnehmer mit den beiden jungen Bremerinnen nach Deutschland zurück und fahren über die A1 nach Köln.

10.53 Uhr: Der Fluchtwagen steht in einer Kölner Fußgängerzone, umringt von einem Pulk Journalisten und Schaulustiger. Die Täter geben von laufenden Kameras Interviews - Köln wird zum Schauplatz der wohl berüchtigsten "Pressekonferenz" der deutschen Kriminalgeschichte.

Augenzeugen zufolge fordert ein Journalist Degowski auf, Bischoff erneut mit der Pistole zu bedrohen: "Halt der noch mal die Knarre an den Hals, ich hab das Bild noch nicht." Als sich die Limousine um 12.31 Uhr wieder in Bewegung setzt, drängen Presseautos die Polizeifahrzeuge ab. Ein Journalist im Fluchtwagen lotst die Gangster zur Autobahn.

13.18 Uhr: Die Täter-Limousine befindet sich auf der A3 in Fahrtrichtung Frankfurt, als sich die Einsatzleitung zum Eingreifen entscheidet: "Zugriff wenn möglich noch auf der BAB, bei nächster günstiger Gelegenheit, wenn möglich bei Halt. Täter dürfen nicht wieder in einen City-Bereich einfahren."

13.38 Uhr: Das Fluchtauto steht auf dem Standstreifen nahe der Ausfahrt Bad Honnef. Sekunden später rasen Einsatzwagen der Spezialkommandos heran. Doch als der vorausfahrende SEK-Wagen zum Rammstoß gegen das stehende Fluchtauto ansetzt, fährt der Wagen der Gangster kurz an - genug, um vom Polizeiauto an der falschen Stelle gerammt zu werden.

Es folgt eine wilde Schießerei. Ines V. kann sich unverletzt retten; die 18-jährige Silke Bischoff wird von einer Kugel aus Rösners Revolver getötet. Rösner, Degowski und L. werden festgenommen.

Urteil gegen Rösner und Degowski

Das Landgericht Essen verurteilt Rösner und Degowski zu lebenslangen Freiheitsstrafen. L. erhält neun Jahre Haft. 29 Jahre und sechs Monate nach dem Geiseldrama wird Degowski aus dem Gefängnis entlassen. Rösner befindet sich weiter in Haft.

Das Geiseldrama, das 54 qualvolle Stunden andauerte, wurde kürzlich neu verfilmt.

dpa/AFP

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