Ausbruch des Tambora - Der Vulkan, der die Welt verdunkelte

Vulkanausbruch: Als vor 200 Jahren in Europa der Sommer ausfiel

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Riesige Aschewolke: Nachdem der indonesische Vulkan Tambora 140 Milliarden Tonnen Lava und Gestein in die Luft gespuckt hatte, legte sich ein gewaltiger Schleier zwischen Sonne und Erde. Die Folge waren Ernteausfälle und Hungersnöte. Unser Foto zeigt den Ausbruch des Puyehue (Chile) im Jahr 2011.

Der gewaltigste Vulkanausbruch der Menschheitsgeschichte hat vor 200 Jahren in Europa für einen dramatischen Klimawandel gesorgt. Die Auswirkungen waren so gravierend, dass 1816 als das „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte einging.

Der Ausbruch

Als Sir Thomas Raffles, der Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte in Indonesien, am 5. April 1815 auf der Insel Java plötzlich Explosionen vom Indischen Ozean hörte, glaubte er zunächst an Kanonenschüsse und setzte seine Soldaten in Alarmbereitschaft. Tatsächlich stammten die Donnerschläge nicht von einem sich nähernden Schlachtschiff, sondern vom Tambora, einem Vulkan auf der mehr als 1000 Kilometer entfernten Insel Sumbawa.

Die heftigste Phase des größten jemals dokumentierten Vulkanausbruchs dauerten eine Woche an. Insgesamt schleuderte der Tambora 140 Milliarden Tonnen Lava und Gestein aus der Erde. Wissenschaftler vergleichen die Sprengkraft der Eruption heute mit der Stärke von 170 000 Hiroshima-Bomben. Nahezu die gesamte Inselbevölkerung Sumbawas kam bei dem Ausbruch ums Leben. Historiker sprechen von 10 000 bis 12 000 Toten.

Das Wetterchaos

Eine unmittelbare Folge der Eruption war ein mächtiger Ascheregen in einem Radius von 1300 Kilometern. Die dichte Aschewolke sorgte dafür, dass tagelang über fast ganz Indonesien keine Sonne zu sehen war. Auch Sir Thomas Raffles und seine Männer saßen im Dunkeln.

Die Staubteilchen verteilten sich in den folgenden Monaten durch Luftströmungen fast über die ganze Welt und legten einen dichten Schleier zwischen Sonne und Erde. Weil der Schleier große Mengen des Sonnenlichts absorbierte, kam es vielerorts zu schweren Wetterkapriolen: In Indien fiel zum ersten Mal in der Geschichte der Monsun aus, Nordamerika versank unter einer Schneedecke.

Auch in Europa spielte das Wetter verrückt. Mitten im Hochsommer 1816, also ein Jahr nach dem Vulkanausbruch, herrschte immer noch strenger Frost. In der Schweiz fiel im Juli bis in die Täler Schnee. Frisch geschorene Schafe erfroren selbst im Schutz der Ställe, Tausende Vögel fielen tot von den Bäumen. In weiten Teilen Mitteleuropas kam es zu schweren Unwettern, die für gravierende Ernteausfälle, Seuchen und Hungersnöte sorgten. Historiker gehen heute davon aus, dass weit mehr als 100.000 Menschen an den Folgen des Vulkanausbruchs gestorben sind.

Der Hunger

Je länger der Schleier in der Atmosphäre schwebte, desto schlimmer wurde die Hungersnot. Zeitzeugenberichte sprechen von „Kindern, die im Gras weiden wie die Schafe“ und von „verzweifelten Menschen, die Baumrinde und Igel essen“. Die Missernten und Hungersnöte führten in vielen europäischen Staaten zu Wirtschaftskrisen - auch, weil große Teile der Bevölkerung ohnehin noch unter den Auswirkungen der Napoleonischen Kriege litten. In Sir Thomas Raffles’ Heimat England sowie in Frankreich kam es zu Aufständen, in der Schweiz musste sogar der Notstand ausgerufen werden.

Die Folgen

Die Klimakatastrophe sorgte jedoch gezwungenermaßen auch für technischen Fortschritt. Nachdem die Ernteausfälle für europaweites Pferdesterben gesorgt hatte, wurde beispielsweise die Entwicklung der Draisine, dem Ur-Fahrrad, vorangetrieben. Im Königreich Württemberg, ebenfalls schwer vom Hunger betroffen, stiftete König Wilhelm I. seinen darbenden Untertanen eine landwirtschaftliche Unterrichtsanstalt, aus der die Universität Hohenheim hervorging. Auch die Erfindung des ertragssteigernden Mineraldüngers durch Justus von Liebig geht auf den Tambora-Ausbruch zurück.

Literaturtipps: 

• Wolfgang Behringer: „Tambora und das Jahr ohne Sommer“, Verlag C. H. Beck, 389 S., ISBN: 978-3-406-67615-4 

• Gillen D’Arcy Wood: „Vulkanwinter 1816. Die Welt im Schatten des Tambora“, Theiss-Verlag, 336 S., ISBN: 978-3-8062-3015-4

Schwere Vulkanausbrüche

Der Tambora brach mit einer Stärke von 7 auf dem Vulkanexplosivitätsindex (VEI) aus. Der Index hat eine Skala von 0 bis 8. Ein Blick in die Geschichte der Vulkanausbrüche:

Vesuv (Italien): Bei Neapel gelegen, verschüttete der Vesuv im Jahr 79 n. Chr. unter anderem die antike Stadt Pompeji. Der Ausbruch mit Stärke 5 riss 5000 Menschen in den Tod. 

Krakatau (Indonesien): Mehr als 36.000 Menschen kamen bei dem größten Ausbruch der Vulkaninsel 1883 ums Leben. Dabei wurde die gesamte Insel fast völlig zerstört. VEI: 6. 

Eyjafjallajökull (Island): Das Schlimmste an der Eruption 2010 war die riesige Staubwolke. Sie sorgte dafür, dass der Flugverkehr in weiten Teilen Europas eingestellt werden musste. Es gab keine Todesopfer. VEI: 4.

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